Mit blauem Auge davongekommen

Gut 11 Mio. Franzosen wollten Marine Le Pen als erste Präsidentin Frankreichs, eine Mehrheit hingegen Emmanuel Macron. Europa habe gesiegt, weil „die Jugend“ darauf setze. Das sagten, schrieben schon Minuten nach ersten Hochrechnungen am 7. Mai Journalisten, selbst ernannte „Frankreich“-Kenner und manche, die sich als Politikwissenschaftler ausgaben. Da war aber der Wunsch Vater des Gedanken – so sehr auch gerade in Deutschland ein solch deutliches Bekenntnis zum europäischen Gedanken herbeigesehnt wurde. Was verständlich ist. Beide Nationen haben einen langen, schwierigen und an Opfern reichen Weg hinter sich, bis „Feinde“ zu Freunden wurden. Zu Recht gelten beide Länder als „Motoren“ der europäischen Einigung. Der kam mit der Europa-Erklärung von Jean Monnet und Robert Schuman am 9. Mai 1950 auf Touren. Es waren Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, die dann die französisch-deutsche Kooperation besiegelten, so z. B. 1952 die Gründung der Montanunion forcierten. Daran darf man im 60. Jahr der -Römischen Verträge erinnern.

Das Votum für Macron war keine Abkehr von dieser französisch-deutschen Freundschaft. Franzosen – aber auch Deutsche, die lange im Land leben – sehen ein anderes Motiv: Es sei eine Protestwahl gegen das Establishment gewesen. Dies, obwohl Macron dessen Kind ist. Zudem wollte ein nicht unerheblicher Teil der Wählerschaft keine Rechtspopulistin im Elyseé-Palast, was am Ende ebenfalls eine Protestwahl der etwas anderen Art war. Es gab also diesesmal keinen „Augenblick der Populisten“, wie ihn Professor Bude beschreibt (S. 35). Macron ist ein „Präsident einer Nation, die Eliten und Autoritäten – und sich selbst – zutiefst misstraut“, wie Elisabeth Raether in der ZEIT schrieb.1

Frankreich ist seit mindestens einem Jahrzehnt in schwerem Fahrwasser. Die höchste Jugendarbeitslosigkeit aller Zeiten lähmt das Land. Mit 23,7 % übertrifft sie selbst die in Portugal oder Rumänien.2 Betroffen davon sind zudem nicht nur die unter 23-Jährigen in den Banlieues3. Gegen eine Perspektivlosigkeit, die schon gut zwei Generationen betrifft, braucht Macron gute Konzepte, langen Atem und ganz sicher europäische Sekundanten. Hoffnungslos ist sein Unterfangen nicht. Aber: Le Pen hat nicht ohne Grund schon am Abend ihrer Niederlage angekündigt, die Front National zu einer „Allianz der Patrioten“ umzuformen. Dafür könnten u. a. bisherige Positionen aufgegeben oder aufgeweicht werden. Eine Öffnung zu größeren Wählerschichten und eine Abkehr von radikalen Positionen sind aber keine unrealistischen Szenarien.

Manch Oberlehrer hierzulande wäre dennoch gut beraten, sich eher mit der Analyse der jüngsten drei Landtagswahlen zu befassen. Schließlich sind wir bisher 13 Mal in Folge nur mit einem blauen Auge davon gekommen.

Anmerkungen:
1 DIE ZEIT Nr. 20/2017, 11. Mai 2017
2 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/74795/umfrage/jugendarbeitslosigkeit-in-europa
3 Banlieue: In seiner französischen Schreibweise bis in das 12. Jahrhundert zurückdatierbar. Ein Kompositum des germanischen Wortes „Bann“ (zu französisch: „le ban“ = der Bann) und des lateinischen Wortes „leuga“ (zu französisch: „la lieue“ = die Meile). Einst die Meile um eine Stadt, die noch der städtischen Gerichtsbarkeit bzw. der Herrschaft des/der Stadtherren unterstand. Heute eher abwertend die Randzone einer Großstadt. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Banlieue