Abschied und Neuanfang – Kollaboration von digitaler Unternehmensexpertise und digitaler Verwaltung als Chance

Siebzehn Jahre sind vergangen, seit Jörn von Lucke und Heinrich Reinermann  mit der Speyerer Definition die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Regieren und Verwalten im Informationszeitalter“ vorstellten. In diesem Jahr wurde die EU-Osterweiterung  vorbereitet. Sie bescherte 2004 mit der bis dahin größten Erweiterung der Europäischen Union Estland als Mitgliedsland, das heutige Vorbild der digitalen Verwaltung.

Zehn Jahre sind vergangen, seitdem 2007 das iPhone den Siegeszug internetfähiger mobiler Endgeräte startete. Anlass, um über neue Wege digitaler Verwaltungszukunft nachzudenken.

Während es im Onlinestaat keine Warteschlangen gibt, so ein Titel in der faz.net vom 17. Mai 2017, machen die Wartezeiten in Berliner Bürgerämtern Schlagzeilen in den Medien. Einerseits wird der Abschied von Bürokratie und analogen Verwaltungsverfahren gefordert, andererseits gelingt der Neustart mittels digitaler Großprojekte nur mühsam. Gescheiterte Vorhaben säumen den Weg in das Mittelfeld europäischer Digitalrankings.

Einen Spitzenplatz nimmt nicht ein, wer mit Fehlschlägen einer digitalen Verwaltung kämpft, nachzulesen im Sonderkapitel des 45. Schwarzbuchs des Bundes der Steuerzahler. Die elektronische Gesundheitskarte, so heißt es, könne elf Jahre nach Einführung und geschätzten Kosten von 2,2 Mrd. Euro für Praxen, Kliniken und Krankenkassen immer noch nicht richtig genutzt werden. Ebenso gravierend sei das Problem der mangelhaften Entwicklung einheitlicher IT-Systeme im Steuer- und Sozialversicherungssystem, die alle staatlichen Ebenen miteinander verbinden sollten. Unkoordinierte Planun-gen hätten die Steuerzahler bereits Millionen Euro gekostet.

In der öffentlichen Verwaltung, aber auch in der Wirtschaft, scheint die wesentliche Frage, was digitale Transformation eigentlich bedeutet, immer noch nicht geklärt zu sein. So wenig wie ein stationärer Handelsbetrieb allein durch seine Internetseite nicht zum Vorreiter des Onlineshoppings wird, so wenig wird öffentliche Verwaltung zum digitalen Vorreiter, wenn Bürger und Wirtschaft an der Anwendung längst überholter Verwaltungsvorschriften in digitalem Gewand  verzweifeln. Noch mehr Studien sind trügerisch, suggerieren sie doch nur unscharfe Vorstellungen des Fortschritts, statt ihn zu fördern. Während Behörden föderativ motiviert noch heftig diskutieren, zwingt die globale Welt die Firmen, ihre Zukunft durch agile Managementmethoden zu sichern. Auch Unternehmen mussten im Wettbewerb und teils mit teuren Fehlschlägen lernen, dass das deterministische Denken der Vergangenheit überholt ist. Zu scheitern droht, wer die zeitlich immer schneller eintretenden, unerwarteten und nicht vorhersehbaren Ereignisse der digitalen Welt mit altem Handwerkszeug bewältigen möchte. Der Dialog mit dem Kunden, Mitarbeiterteams in kleinen Einheiten konkrete Themen bearbeiten zu lassen, Innovation zulassen und Vertrauen in die Kompetenz der eigenen Mitarbeiterschaft wiederentdecken, das alles verbirgt sich hinter Scrum und Sprint, Design Thinking und Value Proposition Canvas. Neue Begriffe, verbunden mit teils bewährten Methoden und Werten. Warum nicht jetzt gemeinsam Zukunft wagen und das Beste aus beiden Erfahrungswelten durch kluge Zusammenarbeit nutzen? Kollaboration statt wechselseitiger Konfrontation mit Projektpleiten. Digital zu werden, das haben viele Firmen gelernt, ist ebenso eine Frage der Einstellung wie die des Aufgreifens moderner Technologien.

Beides zu verknüpfen ist keine Garantie, aber ein lohnender Weg und gilt in gleicher Weise für die digitale Verwaltung.

Autoren:

  • Elisabeth Slapio

    Elisabeth Slapio ist Geschäftsführerin, Geschäftsbereich Innovation und Umwelt, der Industrie- und Handelskammer zu Köln. Foto: IHK Köln