Welten verbinden – oder das Rätsel digitaler Zielkonflikte

Eines der ungelösten Rätsel scheint zu sein, die Ursache zu finden, warum sich Wirtschaft und Verwaltung digital nicht zufriedenstellend nähern. Die Unternehmen beklagen fehlende medienbruchfreie Prozesse, die Behörden die strengen Auflagen, die ihnen die Grundlage der ordnungsgemäßen Verwaltung auferlegt. Bei näherem Hinsehen dürfen noch andere Gründe  vermutet werden, die der Erwartung einer durchgängigen digitalen Verwaltung entgegenstehen.

Wünsche der Unternehmen, wie sie von übermäßig empfundenen Bürokratiekosten entlastet werden könnten, lassen sich aus „Top 100 Wirtschaft – Die wichtigsten und am häufigsten genutzten Verwaltungsleistungen für Unternehmen“ ablesen. Diese Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) erstellte die ]init[ AG für digitale Kommunikation unter Mitwirkung der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit.1

Steuern und  Abgaben, Anlagen und Stoffe sowie Forschung und Entwicklung sind die relevanten Geschäftslagen in Verbindung mit Fokusthemen relevanter Verwaltungskontakte, die auf den ersten drei Plätzen stehen. Sie lassen Rückschlüsse zu, welche Digitalisierungsprozesse angestrebt werden sollten, um die erhofften Ziele von Standort- und Wettbewerbsstärkung, Effizienzsteigerung und Kostensenkung zu erfüllen. Eine methodisch interessante Untersuchung, die im Unterschied zu vielen Gutachten der Vergangenheit Einblicke in die Vorstellungswelt der Unternehmen über Verwaltung und Bürokratie bietet.

Wieder einmal nur eine neue Studie oder vielleicht doch ein guter Anlass, sich mit den seit Jahren erkennbaren Zielkonflikten zu befassen? Nicht neu, aber deutlich belastbarer zeigt die Studie differenzierte Überlegungen zu den Lebenslagen der Firmen. Und lässt die Vermutung zu, dass eine einseitige Effizienz- und Effektivitätsbetrachtung in Zeiten digitaler Beschleunigung verfehlt ist. Dass bürokratische Verfahren bei Steuern und Abgaben einer längst überfälligen Reform bedürfen, ist hinlänglich bekannt. Dass Anzeige- und Zulassungsprozesse im Anlagenbereich und Genehmigungsverfahren sich unnötig verzögern und damit zur Planungsunsicherheit führen können, ist ein bekanntes Detail bei Fragen der Standortqualität. Und auch die Innovationskraft eines Unternehmens hängt letztendlich von der Praktikabilität und Geschwindigkeit ab, mit der Fachverfahren in den Behörden durch digitale Unterstützung reibungsloser erledigt werden können. Die Beschreibung von Geschäftslagen der neuen Studie  bietet vielfältige Erkenntnisse. Sie bietet vor allem genügend Substanz, Zielkonflikte des eGovernment nicht weiter im Bermudadreieck leerer Kassen, föderativer Befindlichkeiten und vermeintlicher Bedarfe der Wirtschaft zu versenken. Auch die digitale Transformation muss Zielkonflikte komplexer Prozesse beschreiben und zeitgemäß lösen, zum Beispiel dort,  wo sie grundlegend sind. In der Verwaltung, in der Prozesse der Struktur folgen, und in der Wirtschaft, wo die Struktur den Prozessen folgt. Digital vereinfachen und automatisieren, ja. Effizienzgewinne aber zugleich auch in Beratung, Erläuterung von prozessualen Zusammenhängen oder anders formuliert, in  individualisierte Behördenleistung investieren, das brauchen die moderne Verwaltung und die Wirtschaft.  Am besten differenziert, nach den Geschäftslagen der Unternehmen.

Anmerkungen:
1 http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/studie-top-100-wirtschaft.html)

Autoren:

  • Elisabeth Slapio

    Elisabeth Slapio ist Geschäftsführerin, Geschäftsbereich Innovation und Umwelt, der Industrie- und Handelskammer zu Köln. Foto: IHK Köln