Akademische Traditionen versus Bologna-Prozess

Detlev Kran ist Bildungsberater. Er unterstützt Hochschulen bei Akkreditierungsverfahren, berät Unternehmen bei der Suche nach Masterstudiengängen und der Personalentwicklung. Er ist Autor des jährlich erscheinenden MBA-Master-Guide. Im AKADEMIE-Interview fasst er aktuelle Erkenntnisse zum Master ohne ersten Hochschulabschluss zusammen.

Master ohne ersten Hochschulabschluss – geht das?

Ja, aber es ist noch die Ausnahme. „Der Zugang zum weiterbildenden Masterstudium ohne ersten Hochschulabschluss ist vollständig kompatibel mit den Zielen des Bologna-Prozesses, widerspricht allerdings der akademischen Tradition in Deutschland“, resümierte die Deutsche Gesellschaft für Wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium 2009. Mittlerweile tat sich in einigen Bundesländern etwas. Aber es sind noch zarte Ansätze. Die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz stellen weiter unmissverständlich fest: „Zugangsvoraussetzung für einen Masterstudiengang ist immer ein berufsqualifizierender Hochschulabschluss.“ Da diese Beschlüsse aber keine rechtlich bindende Wirkung haben, setzen sich einzelne Länder von dieser vorgegebenen Linie ab.

Welche Bundesländer ermöglichen solch Studium?

Rheinland-Pfalz, Hessen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Berlin ermöglichen Interessenten, nicht nur zu Bachelor-, sondern auch direkt zu weiterbildenden Master-Studiengängen zugelassen zu werden. Durch die Erlaubnis, Master ohne erstes Hochschulstudium zu werden, erschließen nun einige Bundesländer Fachwirten, Fachkaufleuten, Meistern und Betriebswirten (IHK) oder VWA-Absolventen die Möglichkeit der Weiterbildungen mit akademischen Hochschulabschlüssen. Aber auch Arbeitnehmer mit langjähriger Berufserfahrung als Spezialist oder als erfahrene Führungskraft können Masterprogramme besuchen. Gerade für Absolventen aus den Branchen Tourismus, IT oder Hotelgewerbe ergeben sich so neue Wege der Weiterbildung.

Wie sind die Zugangsvoraussetzungen zu einem Studium ohne ersten Hochschulabschluss?

Nach vorausgegangener Beratung können auch Personen zugelassen werden, die

  1. über die (Fach-)Hochschulzugangsberechtigung verfügen,
  2. eine mindestens vierjährige, einschlägige Berufspraxis nachweisen können,
  3. Führungsaufgaben insbesondere mit
  4. Personalverantwortung,
  5. Budgetverantwortung,
  6. Projekterfahrung,
  7. Auslandserfahrung ausüben,
  8. hervorragende Arbeitsnachweise (z. B. Zeugnisse mit sehr guter Beurteilung) vorweisen und
  9. eine individuelle Zugangs- oder Eignungsprüfung (schriftlich und mündlich) mit Erfolg absolviert haben.

Außerdem muss der Interessent bei einigen Programmen über fundierte Englischkenntnisse verfügen und bereits Kenntnisse der wichtigsten und aktuellen Theorien, Prinzipien und Methoden des wissenschaftlichen Lehrgebietes nachweisen.

Was beinhalten Eignungsprüfungen?

Die Anerkennung berufspraktisch erworbener Kompetenzen und Fähigkeiten erfolgt in der Regel im Rahmen einer Eignungsprüfung an der Hochschule. Die Anerkennung der Berufspraxis wird dort anhand eines Kriterienkatalogs vorgenommen, der sich an den in den Modulbeschreibungen eines vergleichbaren Bachelor-Studienganges definierten Kompetenzen und Qualifikationen orientiert. Die Eignungsprüfung soll die Gleichwertigkeit der beruflichen Qualifikation mit der eines abgeschlossenen Erststudiums feststellen. Studierende müssen entsprechende Dokumente, Nachweise, Arbeitszeugnisse  etc. vorlegen, die erworbene Qualifikationen und Kompetenzen auf Bachelor-Niveau – das entspricht Level 6 des Europäischen Qualifikationsrahmens – dokumentieren. Oft werden auch im Verfahren noch zwei oder drei schriftliche Arbeiten bzw. Klausuren erwartet. Ein Fachgespräch und eine wissenschaftliche Arbeit runden die Eignungsprüfung gelegentlich ab. Die genauen Voraussetzungen sind den Prüfungsordnungen der jeweiligen Studiengänge und den Hochschulgesetzen der Bundesländer zu entnehmen.

Heft 4_2013 Angebote für MBA

Gibt es Alternativen im Ausland?

Ja, als prominentes Gegenbeispiel zum deutschen System kann Großbritannien oder Skandinavien genannt werden. Stellvertretend können hier MBAs der Open-University oder der Henley Business School mit Sitz in Großbritannien und Zweigstellen in Deutschland genannt werden.

Seit vielen Jahren unterhält z. B. auch der VWA-Bundesverband zu anerkannten europäischen Business Schools Kontakte und hat für die Zulassung von erfolgreichen BA-/VWA-Absolventen zum Master of Business Administration (MBA)-Studium Absprachen getroffen. Der Bundesverband kooperiert mit der Aston Business School der Aston University in Birmingham, der WU Executive Academy der Wirtschaftsuniversität Wien und der Ecole de Management Strasbourg der Université de Strasbourg.

Sind Studierende ohne ersten Hochschulabschluss schlechter als die mit Bachelor?

Erste Erfahrungen zeigen, dass die Studierenden nicht signifikant besser oder schlechter sind als Studierende mit erstem Hochschulabschluss. „Die Teilnehmer/Teilnehmerinnen ohne Hochschulabschluss sind in den praktischen Fächern tendenziell etwas besser“, resümiert z. B. Prof. Dr. rer. nat.  Rainer Oechsle von der FH Trier. Die Bewerber sind in einem praxisorientierten Studiengang auch auf einem ähnlichen Notenniveau wie Absolventen mit erstem Hochschulabschluss.

Prof. Dr. Hans Rück, Dekan des Fachbereichs Touristik/Verkehrswesen Fachhochschule Worms, ergänzt: „Entscheidend ist aber, dass eine ausreichende Studierfähigkeit mit hoher Sicherheit prognostiziert werden kann. Wir bevorzugen deshalb ein differenziertes detailliertes Anrechnungsverfahren zunächst nach Aktenlage, Modul für Modul, zuzüglich eines intensiven persönlichen Interviews zur Klärung offener Fragen und Prüfung der Studienmotivation.“

Heft 4_2013 Master ohne Abschluss

Die Betreuung beruflich qualifizierter Masterstudierender ist aber aufwändiger als die Betreuung der Masterstudierenden mit Hochschulabschluss, so die Erfahrungswerte vieler Hochschulen. Gerade im Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens, der kritischen Analyse sowie Mathematik sind starke Defizite vorhanden. Vorseminare in diesem Feld sind also empfehlenswert.

Danke für das Gespräch!

Autoren:

  • Detlev Kran Dipl.-Päd. MBA (USA)