Armut: Begriffsinhalt und Messkonzepte aus Ökonomensicht

U1_Akademie_02_2010.inddDieser Beitrag behandelt den vieldeutigen Begriff der Armut aus Ökonomensicht und stellt Messkonzepte dar, die der empirischen Armutserfassung in entwickelten Volkswirtschaften zugrunde liegen, namentlich Armutsindikatoren der sogenannten FGT-Klasse. Auf Ursachen von Armut, empirische Befunde und staatliche Armutsbekämpfung wird nicht eingegangen.

Was bedeutet Armut?

Im zweiten Kapitel des fünften Buches von „Wohlstand der Nationen“ zählt Adam Smith (1776/1976, Vol. II, S. 399 f.) zu den lebenswichtigen Gütern („necessaries“) nicht nur diejenigen, welche zur Erhaltung der physischen Existenz unerlässlich („indispensably necessary“) sind. Vielmehr gehörten dazu auch solche Dinge, deren Fehlen bei achtbaren Leuten, selbst der untersten Schicht, diese nach den „Gewohnheiten des Landes“ anstößig („indecent“) erscheinen lässt und sie deshalb demütigt, d. h. ihnen einen einsichtigen Grund gibt, sich ihrer Lage zu schämen und in ihrer Selbstachtung verletzt zu sehen. Dieser sogenannte Lebenslagenansatz, Armut zu kennzeichnen, ist umfassender als der sogenannte Ressourcenansatz, der Armut als eklatanten Mangel an lediglich materiellen Ressourcen, namentlich Einkommen, begreift. Um nur ein Beispiel zu geben: Wer mangels Einkommens obdachlos ist, hat nicht nur kein Dach über dem Kopf, sondern ihr/ihm sind die Entfaltungsmöglichkeiten versagt, welche eine abgeschirmte Privatsphäre eröffnet. In Fortführung von Smiths Grundgedanken versteht Amartya Sen (1985; 1997, A.7.4) Armut als den sozialethisch missbilligten Mangel eines Individuums an Befähigtsein („capability deprivation“) zu einer in den Kerndimensionen „anständigen“ Lebensführung („functionings“), namentlich: sich ausreichend und gesund zu ernähren; medizinische Grundversorgung beanspruchen und sich gesund reproduzieren zu können; Bildung und Wissen zu erwerben; die nach den in einer bestimmten Gesellschaft herrschenden Wertvorstellungen unverzichtbaren Standards ökonomischer, soziokultureller und politischer Teilnahme zu verwirklichen.

Als absolute Armutsgrenze wird üblicherweise eine Verfügbarkeit über materielle Ressourcen bezeichnet, die den gerade (noch) für das physische Überleben dauerhaft notwendigen Grundbedarf (Nahrung, Trinkwasser, Kleidung, Unterkunft) sichert, dessen Unterschreiten für das Individuum eine extreme Notlage bedeutet. Dieser sogenannte Subsistenzbedarf lässt sich weitgehend unabhängig sowohl von den Präferenzen des betroffenen Individuums als auch von den gesellschaftlich gültigen Wertmaßstäben bestimmen. Häufig wird für internationale Vergleiche als absolute Armutsgrenze (poverty line) ein verfügbares Einkommen pro Tag und Kopf von 1 US-Dollar in lokaler Kaufkraftparität herangezogen. In den für Entwicklungsländer typischen Gesellschaften mit einem hohen Grad an Eigenversorgung und nicht-monetärem Tauschhandel wird durch einen derartigen Indikator Armut tendenziell überzeichnet, und umgekehrt unterzeichnet im Fall staatlich künstlich niedrig gehaltener Preise, welche nicht der wirklichen Knappheit von lebensnotwendigen Gütern entsprechen. Besser geeignet für Entwicklungsländer erscheinen Armutsmaße, welche direkt bei den lebenswichtigen Gütern, deren die Armen entbehren, ansetzen.

Für entwickelte Volkswirtschaften wird Armut üblicherweise relativ durch eine Armutsgrenze oder -schwelle definiert, die als ein bestimmter Prozentsatz des Mittelwertes oder des Medians einer gegebenen Verteilung der persönlichen verfügbaren Einkommen festgelegt wird, zum Beispiel 50 % des Durchschnittsnettoeinkommens oder 60 % des Medians der Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen (siehe zu diesem Begriff meinen Artikel zur Messung von Verteilungsungleichheit in Akademie, Heft 1/2010, S. 7 f.). Ein sinnvoller Gebrauch des Begriffs der relativen Armutsgrenze setzt voraus, dass sie deutlich über der absoluten Armutsgrenze liegt. Das facettenreiche, also vieldimensionale Konzept eines sogenannten soziokulturellen Existenzminimums (basic needs) wird mittels der relativen Armutsgrenze eindimensional auf einen monetären Indikator, typischerweise das verfügbare Einkommen, reduziert – nicht zuletzt, um einen praktikablen Ansatzpunkt für staatliche Sozialpolitik zu gewinnen.

Absolute und relative Armut sind objektivierende Begriffe für die jeweils gemeinte Mangellage im „Normalfall“. Schwerbehinderung oder eine schwere Krankheit mag einen Wohlhabenden auch objektiv ärmer erscheinen lassen als einen gesunden, aber deutlich weniger wohlhabenden Menschen. Ein objektiv relativ armes Individuum mag sich subjektiv nicht arm fühlen, weil es sich in „seinen Kreisen akzeptiert“ sieht oder freizeitintensive Selbstverwirklichung üblichen Formen soziokultureller Teilhabe vorzieht. Umgekehrt gibt es Individuen, die sich als „arm“ und/oder gesellschaftlich nicht respektiert fühlen, ohne objektiv arm zu sein. Subjektiv gefühlte Armut wird nach einem Konzept der EU-Kommission bei einer Person dann unterstellt, wenn ihr Nettoeinkommen geringer ist als das nach eigenen Angaben unbedingt notwendige Einkommen, um „finanziell zurechtzukommen“.

Aus dem Lebenslagenansatz hat die Armutsforschung den Begriff der sogenannten Deprivationsarmut (lat. deprivare = rauben, entziehen) entwickelt. Diese wird als gegeben angesehen, wenn eine Person in wichtigen Teilbereichen ihrer Lebensführung materiellen Entbehrungen ausgesetzt ist und deshalb die nach herrschendem Konsens ihrer gesellschaftlichen Umwelt als minimal akzeptierten Standards nicht erreicht, z. B. die Kosten für eine „anständige“ Wohnung und deren „ausreichende“ Beheizung aus eigener Kraft nicht aufbringen kann oder, gemessen am „normalen“ Standard, etwa des Fleisch-, Fisch- und Geflügelkonsums, nur über eingeschränkte Ernährungsoptionen verfügt. Die OECD (2008) bemisst Deprivationsarmut länderspezifisch am Anteil der Bevölkerung, der mindestens auf zwei von sieben wichtigen Lebensstandardmerkmale verzichten muss.

Die vorgestellten Armutskonzeptionen thematisieren nicht, ob Armut einer Person auf unzureichender individueller Anstrengung oder auf Umständen beruht, die sich ihrer Kontrolle weitgehend entziehen. Dies ist aber von Belang, wenn wertend gefragt wird, ob und in welchem Maß es geboten („gerecht“) ist, einer armen Person zu helfen, ihre Lebenslage zu verbessern. Genießt nicht nur Selbstverwirklichung, sondern auch Selbstverantwortlichkeit eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung, dann ist Armut infolge unzureichender individueller Anstrengung, soweit diese als Armutsursache identifiziert werden kann, kein Grund für eine sozialpolitische Intervention, d. h. für staatliche Unterstützung der „bedürftigen“ Person. Die Festlegung einer Armutsgrenze und die politische Festlegung, ob und unter welchen materiellen Umständen staatliche Unterstützung gewährt werden soll, sind grundsätzlich zu trennende Fragen, wenn sie auch in der politischen Praxis häufig miteinander verknüpft werden.

Grundsätzlich ist eine armutsfreie Gesellschaft denkbar. Eine genügend ungleiche persönliche Wohlstands- bzw. Einkommensverteilung vorausgesetzt, wird es jedoch praktisch immer arme Individuen geben, falls die Armutsgrenze relativ zum Median oder Mittelwert der Einkommensverteilung festgelegt wird, weil sich die Armutsgrenze mit steigendem durchschnittlichen Lebensstandard automatisch nach oben verschiebt. Bei Festlegung einer mäßigen absoluten Armutsgrenze ist es denkbar, dass eine Gesellschaft so wohlhabend geworden ist, dass kein Individuum absolut arm ist.

Subjektiv gefühlte Armut wird nach einem Konzept der EU-Kommission bei einer Person dann unterstellt, wenn ihr Nettoeinkommen geringer ist als das nach eigenen Angaben unbedingt notwendige Einkommen, um „finanziell zurechtzukommen“.

Konzepte der Armutsmessung

Im Folgenden wird für eine bestimmte Population von n Individuen eine Einkommensschichtung y entsprechend der nach ihrer Höhe aufsteigend geordneten Individualeinkommen, also y1 ≤ y2 ≤ … ≤ yn vorausgesetzt. Diese Methodik sowie die Verfahrensweise, nach der Haushaltseinkommen mittels Äquivalenzskalen in äquivalenzgewichtete Individualeinkommen umgerechnet werden können, wurde in meinem Artikel zur Messung von Verteilungsungleichheit (in: Akademie, Heft 1/2010, S. 7 f.) ausgeführt. Innerhalb der aufsteigend geordneten Einkommensverteilung y wird ein Individuum i als arm identifiziert, wenn sein Einkommen yi die politisch vorgegebene Armutsgrenze oder -schwelle z nicht überschreitet. Ein Armutsindikator (index of poverty) P dient dem Zweck, Ausmaß (und Veränderung) von Armut in einer Gesellschaft auf einer Skala von 0 bis 1 messbar zu machen. Folgende Axiome geben allgemein wünschbare Eigenschaften von P an:

Monotonieaxiom: P nimmt zu (ab), wenn ceteris paribus das Einkommen eines armen Individuums sinkt (steigt).
Transferaxiom: P nimmt zu, wenn ceteris paribus ein Einkommenstransfer von einem armen zu einem reicheren Individuum stattfindet.
Transfersensitivitätsaxiom: Erfolgt ein Einkommenstransfer von einem armen zu einem weniger armen unter den armen Individuen, fällt die Zunahme von P umso stärker aus, je ärmer das gebende Individuum ist.

Foster/Greer/Thorbecke (1984) haben eine Klasse von Armutsindikatoren – in den Armutsberichten seitdem FGT-Klasse genannt – vorgeschlagen, welche durch die Formel

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beschrieben werden. Es bezeichnet n die Gesamtzahl der Individuen, q die Zahl der armen Individuen und gh:= z – yh den Abstand des Einkommens des armen Individuums h von der Armutsgrenze z. Der Parameter a drückt die in der Gesellschaft herrschende „Abneigung gegen Einkommensungleichheit“ aus. Für a = 0 erhält man den – in der Praxis am häufigsten benutzten – Armutsindikator

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bzw. FGT (0), der als Armutsquote (headcount index) bzw. unter dem Aspekt der Wahrscheinlichkeit, dass das verfügbare Einkommen die Armutsschwelle z unterschreitet, auch als Armutsrisikoquote bezeichnet wird. P0 steigt (sinkt), wenn die relative Häufigkeit der armen Individuen zu(ab)nimmt, erfüllt jedoch keines der drei oben genannten Axiome.

Die Armutsquote P0 ist auf der Basis des SOEP1 zwischen 1993 und 2006 von 13,1 % auf 18,2 % der gesamtdeutschen Bevölkerung gestiegen, wenn die Armutsschwelle bei 60 % des Medians der realen – in Preisen von 2005 – jährlichen Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen festgelegt wird (Statistisches Bundesamt 2008, S. 164).

Für α = 1 erhält man

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mit V: = ∑qh=l gh. Die Größe V wird aggregierte Armutslücke (aggregate poverty gap) genannt und  misst den Einkommenstransferbetrag, der an die armen Individuen insgesamt (treffsicher) gezahlt werden müsste, damit keines ihrer Einkommen unter der Armutsgrenze liegt. P1 bzw. FGT (1) ist ein – im Angelsächsischen als poverty gap bezeichnetes – Maß der Armutsintensität, welches als Prozentsatz von z angibt, wie viel jedes der n Individuen der Gesamtpopulation gleichmäßig zur Beseitigung der aggregierten Einkommenslücke aufbringen müsste.

Man betrachte nun die beiden Einkommensverteilungen y = (2, 5, 8,15, 20, 40) und y‘ = (2, 6, 12, 15, 15, 40), und es sei z = 10 die Armutsgrenze. Ein bisweilen verwendeter Armutsindikator ist das sogenannte Armutslückenverhältnis (income gap ratio) welches durch

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definiert ist. I gibt also den durchschnittlichen Einkommensabstand der armen Individuen von der Armutsgrenze, V/q, im Verhältnis zur Armutsgrenze z an; deshalb wird I auch als „normalisierte Armutslücke“ bezeichnet. Die aggregierte Armutslücke bei der vorhin angegebenen Einkommensverteilung y beträgt V = (10 – 2) + (10 –5) + (10 – 8) = 15, und folglich ist I(y;z) = V/z · q = 15/(10 · 3) = 0,5. Die aggregierte Armutslücke bei y‘ beträgt V‘ = (10 – 2) + (10 – 6) = 12, und folglich ist I(y‘;z) = V‘/z·q‘ = 12/(10 · 2) = 0,6. I zeigt eine Armutszunahme bei y‘ gegenüber y an, wogegen die Intuition plausiblerweise eine Abnahme von Armut nahe legt: Denn bei y‘ ist im Vergleich mit y kein armes Individuum ärmer, jedoch ein armes Individuum weniger arm geworden, und ferner hat ein vormals armer Haushalt die Armutsgrenze nach oben überschritten. Deshalb ist I ein nur mit Vorsicht zu verwendender Armutsindikator.

Zwischen P1 und I besteht die Beziehung P1 = P0 · I, denn aus P0 = q/n und I = V/(z · q) folgt P0 · I = V/(z · n) = P1. Die durch P1 bzw. FGT (1) definierte Armutsintensität ist also das Produkt von Armutsquote und normalisierter Armutslücke. Im obigen Beispiel der Verteilung y bzw. y‘ ist mit z = 10 zum einen P1(y;z) = 15/(10 · 6) = 0,25 und zum anderen P1(y‘;z) = 12/(10 · 6) = 0,20, d. h. P1 zeigt im Gegensatz zu I, aber im Einklang mit der Intuition, eine Abnahme von Armut an.

Auf der Basis der o. g. Daten des SOEP ist die Armutsintensität P1 in Deutschland zwischen 1993 und 2006 von 3,8 % auf 5,5 % gestiegen (Statistisches Bundesamt 2008, S. 165).

Alle Pα mit α > 0 genügen dem Monotonieaxiom, folglich auch P1. Jedoch genügt P1 nicht den beiden anderen Axiomen, weil P1 nicht der Einkommensstreuung innerhalb der Teilpopulation der armen Individuen Rechnung trägt. Denn ein regressiver Transfer zwischen armen Individuen, also von einem ärmeren zu einem weniger armen Individuum, hat keinen Einfluss auf P1, weil P1 nur die aggregierte Armutslücke V berücksichtigt, die bei gegebenem Gesamteinkommen der armen Individuen von einem Einkommenstransfer zwischen ihnen nicht beeinflusst wird.

Für α = 2 erhält man aus Formel (2) den Armutsindikator

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P2 bzw. FGT (2) wird quadrierte Armutslücke (squared poverty gap) genannt und ist ebenfalls ein Maß der Armutsintensität, das nunmehr auch die Streuung der Einkommen innerhalb der Teilpopulation der armen Individuen berücksichtigt und diejenigen innerhalb der Armutspopulation am stärksten gewichtet, die – gemessen an gh/z – am intensivsten von Armut betroffen sind. Alle Pα mit α > 1 genügen dem Transferaxiom, Pα mit α > 2 darüber hinaus dem Axiom der Transfersensitivität, verliert aber noch mehr als P2 an anschaulicher Interpretation.

Wie man Formel (1) entnehmen kann, trägt jedes arme Individuum h zu Pα nur mit dem Gewicht seiner relativen Armutslücke gh bei, d. h. eine möglicherweise armutsrelevante Interdependenz zwischen seinem und dem wahrgenommenen Wohlstandsniveau anderer Individuen wird durch Pa nicht abgebildet. Diese erhebliche Beschränkung hat jedoch eine praktisch sehr nützliche Eigenschaft der Klasse der FGT-Armutsindikatoren zur Folge, nämlich additive Zerlegbarkeit: Wird die Gesamtpopulation der n Individuen in m disjunkte Teilpopulationen mit jeweils nj (j = 1, …, m) Individuen zerlegt (d. h. (mj=l nj = n) und bezeichnet Pa(j) den FGT-Armutsindikator für die Teilpopulation j, dann gilt die Beziehung

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d. h. Pα ist das gewogene Mittel der Armutsindikatoren Pα(j) der Teilpopulationen, die mit den Gewichten nj/n zu Pα beitragen. Additive Zerlegbarkeit von Pα sichert Teilgruppenkonsistenz, wonach der Armutsindikator P für die gesamte Bevölkerung zunehmen soll, falls er ceteris paribus für eine Teilpopulation (z. B. die ländliche Bevölkerung) ansteigt. Der von Sen (1976) konstruierte Armutsindikator PS:=P0Gq + P1(1- Gq), worin Gq den Gini-Koeffizienten der Einkommensverteilung innerhalb der Gruppe der armen Individuen angibt, erfüllt das Monotonie- und das Transferaxiom, ist aber nicht additiv zerlegbar, weil der Gini-Koeffizient diese Eigenschaft nicht besitzt. Deshalb genügt PS nicht in allen Fällen dem Axiom der Teilgruppenkonsistenz. Die Eigenschaft der additiven Zerlegbarkeit erlaubt es, Veränderungen des Armutsindikators bei zeitpunktbezogenen Querschnittsanalysen in gewichtete spezifische Beitragskomponenten und bei zeitraumbezogenen -Längsschnittanalysen (dynamische Armutsanalyse) beispielsweise in eine Wachstums- und eine Einkommensverteilungskomponente zu zerlegen.

Resümee

Welche Daten erhoben und wie sie interpretiert werden, ist für eine politisch überzeugende Armutsfestlegung ebenso wichtig wie die herrschenden Vorstellungen davon, was Armut „ist“. Als komplexes Phänomen entzieht sich Armut einer eindeutigen Inhaltsbestimmung. Die Ökonomensicht bevorzugt aus theoretischen und empirischen Gründen den eindimensionalen Ressourcenansatz, der die relativen Einkommenslücken armer Individuen in den Mittelpunkt stellt. Der umfassendere Lebenslagenansatz berücksichtigt, dass die individuelle Lebenslage nicht nur vom Einkommen, sondern auch von diversen Umständen der Person (wie genetische Ausstattung, soziale Herkunft, Gebrechen) sowie ihres institutionellen und politischen Umfelds (z. B. Segregation, Gewaltbereitschaft, diskriminierende Chancenverteilung) beeinflusst wird. Wie schon Adam Smith erkannte, kann relative Deprivation bei Ressourcen mit einer absolut deprivierenden Lebenslage einhergehen. Eine vieldimensionale Armutsbetrachtung wirft schwierige Probleme der Datenerfassung, der Dimensions-gewichtung und der nur partiell möglichen Vergleichbarkeit auf. Zum Schluss ist der Hinweis angebracht, dass unter Anreizgesichtspunkten ein hinreichendes Maß an Einkommensungleichheit – nicht allerdings Armut – notwendig erscheint, um, vielfältige Chancen und individuelle Handlungsfreiheit vorausgesetzt, Wohlstand für möglichst viele Menschen zu erzeugen.

Anmerkungen:

1 SOEP = sozio-ökonomisches Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: eine mikroökonomisch ausgerichtete jährliche Erhebung insbesondere von Einkommensdaten bei einer Stichprobe von rd. 12.000 privaten Haushalten.

Literatur:

Foster, J. E. /Greer, J./Thorbecke, E. (1984): A Class of Decomposable Poverty Measures. In: Econometrica, Vol. 52, S. 761 – 776.

EU-Kommission (2007): Poverty and Exclusion, Special Eurobarometer, No. 279, Brüssel.

OECD (2008): Growing Unequal? Income Distribution and Poverty in OECD Countries, Paris.

Sen, A. K. (1976): Poverty: An Ordinal Approach to Measurement. In: Econometrica, Vol. 44, S. 219 – 231.

Sen, A. K. (1985): Commodities and Capabilities. Amsterdam.

Sen, A. K. (1997): On Economic Inequality. Erw. Aufl. Oxford.

Smith, A. (1776/1976): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. (Hrsg. E. Cannan), Chicago.

Statistisches Bundesamt (2008): Datenreport 2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

World Bank (2005): Introduction to Poverty Analysis. Washington.

Autoren:

  • Dr. Rupert Windisch