Bildung als öffentliches und privates Gut

Gedanken um die Zukunft der VWA:

Bildung als öffentliches und privates Gut

150303 V.2 Akademie_01_2015-page-018I. Als öffentliche Güter bezeichnet man solche Natur-, Sach-, Kultur- und Rechtsgüter sowie Dienstleistungen, die hauptsächlich am kollektiven, daneben am individuellen Nutzen orientiert sind. Dazu zählen zum Beispiel der Deichbau, der Klimaschutz, die Landesverteidigung, die Tätigkeiten von Gerichten und Schulen. Alle Menschen sind und jeder Einzelne ist daran interessiert, dass solche öffentlichen Güter angeboten werden. Sie schützen und sichern die menschliche Existenz. Öffentliche Güter kommen allen zugute und niemand kann und soll davon ausgeschlossen werden.

Es hängt allerdings von Ort und Zeit bzw. vom Kulturkreis ab, welchen Bedingungen sie unterworfen sind. In den meisten Fällen ist der Staat tätig. Er stellt die öffentlichen Güter bereit, erhält sie, ersetzt sie und reglementiert sie, wenn Übernutzung droht (z.B. eines Gemeinschaftsforstes) oder Nutzungszwang gefordert wird (z.B. Schulpflicht). Die Finanzierung öffentlicher Güter geschieht meist über allgemeine Deckungsmittel, genannt Steuern, kann aber auch über (Investitions-)Beiträge und (laufende) Gebühren erfolgen.

Das Angebot von und die Nachfrage nach öffentlichen Gütern lassen sich nicht auf die einzelnen Menschen aufteilen, denn es herrscht keine Rivalität zwischen den Nutznießern. (Jeder wird verteidigt, alle profitieren von Gerichten und vom Rechtsstaat.)

Das Gegenteil von öffentlichen Gütern sind private Güter. Sie unterliegen dem Konkurrenzprinzip, haben einen Preis und werden gehandelt. Wer bezahlt, erhält das Gut. Wer nicht bezahlt, erhält keins. (Denken Sie an Autos oder Bücher oder Lebensmittel.)

II. Nun gibt es aber Güter, die einerseits öffentliche Güter sind, andererseits wie private Güter vermarktet werden können. Sie werden nach Richard A. Musgrave als meritorische Güter bezeichnet. Bildung gehört dazu. Niemand wird bestreiten, dass Schulbildung, berufliche Ausbildung und Hochschulbildung für das Leben in der Gesellschaft unerlässlich sind.
Keiner will Analphabeten und ungebildete Mitbürger. Bildung – so breit und wichtig für alle – kann portioniert angeboten und nachgefragt werden. Anders formuliert: Bildung lässt sich erstellen, vermitteln und verkaufen. Es muss vom Staat nur sichergestellt sein, dass alle Einwohner zumindest eine Grundlagenbildung erhalten können.

Für solche Güter wie Bildung ist deshalb ein plurales (zugespitzt: pluralistisches) Bildungssystem am geeignetsten. Weniger hilfreich ist weder ein staatliches Bildungsmonopol noch eine rein private Bildungswirtschaft. Das Nebeneinander verspricht hohe Leistungsfähigkeit. Weltweit finden sich unterschiedliche Mischungsverhältnisse. Manche Länder wie Deutschland unterhalten öffentlich finanzierte Schulen und Hochschulen (ohne Schul- und Studiengebühren), andere Länder wie die USA ziehen private Bildungsunternehmen (gegen beträchtliches Entgelt) vor.

In unserem Land nimmt Bildung als öffentliches und privates Gut Fahrt auf. Nach wie vor dominieren staatliche Schulen, staatliche Fachhochschulen und staatliche Universitäten. Unverkennbar boomen aber seit wenigen Jahren private Bildungsunternehmen auf allen Ebenen der Ausbildung und Weiterbildung. Exemplarisch seien die Hochschulen genannt. Von den knapp 400 Hochschulen in Deutschland sind 110 privat (davon 40 kirchliche Hochschulen). Die privaten Hochschulen bilden derzeit über fünf Prozent, demnächst wohl zehn Prozent der 2,5 Millionen Studierenden aus.

III. Was macht eine private Bildungseinrichtung erfolgreich, wenn sie Bildung als privates Gut anbietet? Antwort: Der Erfolg lässt sich auf drei Ursachen zurückführen:

1. Eine private Aus- oder Weiterbildungsstätte versteht sich als Bildungsunternehmen im Wettbewerb (nicht als staatsmonopolistische Institution). Die für die Wissenschaftler geltenden Eigenschaften, frei, selbstständig und unabhängig zu forschen und zu lehren, gelten auch für private Bildungsstätten. Sie wollen sich frei entfalten können, legen Wert auf Autonomie und möchten unabhängig von interventionistischen Interessen sein.

2. Die Unternehmensführung (Studienleitung und Geschäftsführung) ist professionalisiert und arbeitet kundenorientiert. Das heißt die zentralen und dezentralen Entscheidungsgremien arbeiten
wie Entrepreneurs, bemühen sich um Attraktivität bei Lernenden, Forschern, Lehrenden und Mitarbeitern, steigern die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft aller Mitglieder und fördern
die akademischen und kaufmännischen Aktivitäten.

3. Private Bildungsunternehmen sind Innovationstreiber. Dazu vier Beispiele:

  • Private Bildungseinrichtungen geben dem Bildungssystem Impulse vor Ort. Die Studierenden finanzieren das Studium samt Lebenshaltung aus vier Quellen: Jobs, Stipendien, Bildungskredite und Eltern. Die Verwendung der Studiengebühren und die Ausgaben der Studierenden für ihre Lebenshaltung setzen Multiplikatoreffekte am Standort in Gang. Die Absolventen werden als Fach- und Führungskräfte begrüßt und tragen zum Abbau des offensichtlichen Arbeitskräftemangels bei.
  • Formalzielerreichung durch Doppik. Außer ihren Sachzielen (der Vermittlung von Wissen) suchen private Bildungsunternehmen (in der Rechtsform des Vereins oder der gGmbH) der formalen Zieltriade Rentabilität, Liquidität und Sekurität zu genügen. Das kaufmännische Rechnungswesen spiegelt die Erfolgs-, Finanzund Vermögenslage des Bildungsunternehmens wider und unterliegt einer Abschlussprüfung durch den Wirtschaftsprüfer. Interne Rechnungen informieren über Liquiditätslage und Risiken bei Kapitalanlagen. Detaillierte Kosten- und Erlösrechnungen schaffen Transparenz über die einzelnen Studiengänge mit „break-even points“ sowie über Forschungsprojekte und andere Vorhaben.
  • Studierende als Kunden und Partner. Die Studierenden sind zwar als Zahler von Studiengebühren Kunden des Bildungsunternehmens, werden aber als Teilnehmer am Ausbildungsprozess und Wissenschaftsbetrieb zu Partnern. Lehrende und Lernende verbinden Vorlesungen, Seminare und andere Veranstaltungen, auch Erarbeitung, Betreuung und Prüfung von Klausuren, Vorträge, Hausund Abschlussarbeiten samt Bachelor- und Mastertheses.
  • Leitsätze für Persönlichkeitsentwicklung. Allen Studierenden und allen Professoren und Mitarbeitern beispielsweise einer VWA können die folgenden sieben Leitsätze (der SRH Hochschule Berlin) den Weg zur persönlichen Entwicklung weisen:
    1. Eintreten für persönliche Freiheit,
    2. Betonung der Selbstbestimmung,
    3. Förderung der Eigenverantwortung in sozialer Bindung,
    4. Toleranz und Weltoffenheit,
    5. Wahrung der Unabhängigkeit,
    6. Eintreten für soziale Marktwirtschaft und Wettbewerb,
    7. Unternehmerische Führung der Hochschule.
  • Der letztgenannte Leitsatz bedeutet, dass sich die einzelne VWA an Änderungen der Nachfrage anpasst und ihre Leistungen in der Erforschung, Aufbereitung und Vermittlung von Wissen qualitätsgesichert anbietet.

Autoren:

  • Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Peter Eichhorn

    Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Peter Eichhorn ist Ehrenpräsident des Bundesverbandes VWA, Emeritus der Universität Mannheim und ehemaliger Präsident der SRH Hochschule Berlin. Foto: SRH Hochschule Berlin