Chancen und Risiken nachhaltiger Finanzierung

Mittelständische Unternehmen benötigen auf Grund ihrer spezifischen Merkmale und ihrer Führungsbedingungen in besonderer Weise eine nachhaltige Finanzierung zur Sicherung ihrer Existenz und ihrer Entwicklungsmöglichkeiten. Die Charakteristika von mittelständischen Unternehmen bestehen darin, dass es sich grundsätzlich um eigentümergeführte Betriebsformen der unterschiedlichsten Größenordnungen vom Kleinbetrieb des Handwerkers bis zum mittelständischen Konzernverbund sowie um unterschiedliche Rechtsformen vom Einzelkaufmann bis zur eigentümergeführten Kapitalgesellschaft handelt. Insbesondere bei personenbezogenen Rechtsformen mit variablem Eigenkapital ergeben sich häufig Probleme dahin gehend, dass die Tendenz besteht, Entnahmen in einem Umfang vorzunehmen, der ein nachhaltiges Wirtschaften beeinträchtigt. Anstatt dem Unternehmen die notwendige Menge an Beteiligungskapital aus Eigentümerquellen zuzuführen, die eine existenzerhaltende und zukunftssichere Entwicklung ermöglicht, erfolgen häufig wachstumshemmende Entnahmen bis hin zu „Kahlschlägen“. Dazu kommt, dass derartigen Unternehmen nur in seltenen Fällen die notwendigen Mittel aus dem Privatvermögen des Eigentümers zugeführt werden. Insbesondere ist in diesem Zusammenhang von Interesse, inwiefern und inwieweit die zunehmend auch an mittelständische Unternehmen herangetragene Forderung zu nachhaltigem Wirtschaften erfüllt werden kann und welchen Beitrag dazu die betriebliche Finanzierungslehre zu leisten im Stande ist. In diesem Zusammenhang ist die aktuelle Situation mittelständischer Unternehmen von Bedeutung, die sich bislang vorwiegend über den Kreditmarkt finanziert haben, nunmehr aufgrund geänderter bankaufsichtsrechtlicher Bestimmungen jedoch Schwierigkeiten bei der Kreditfinanzierung haben, ihnen es aber auch an der Kapitalmarktfähigkeit mangelt. Da andererseits die Führung des mittelständischen Unternehmens durch den/die Eigentümer gewährleistet bleiben soll, scheiden Formen der Beteiligungsfinanzierung über private Equity-Firmen weitgehend aus. Sind es doch gerade private Equity-Firmen, die in letzter Zeit zuerst in Unternehmen eingetreten sind, um als rettender Engel gefeiert zu werden, und die dann Knall auf Fall sich aus diesem Engagement wieder gelöst und durch überhöhte, nicht gerechtfertigte Entnahmen das Unternehmen ruiniert haben. Von Nachhaltigkeit kann in diesem Zusammenhang wohl nicht die Rede sein. In Konkurrenz zum Wirken von private Equity-Firmen stehen die Chancen, die sich aus der Aktivierung von Familienunternehmen durch Management buy outs (MBO) ergeben. Dies kann der Fall sein, wenn Manager des Unternehmens im Rahmen von Management buy outs die bisherigen Eigentümer ablösen und selbst entsprechende Beteiligungen am Unternehmen eingehen, also zu Eigentümern an mittelständischen (Familien-)Unternehmen werden. Bundesweit ergibt sich dafür ein Potenzial von jährlich 400 bis 500 Unternehmen mit Umsätzen zwischen fünf und 50 Mio. EUR. Dabei kommt es allerdings vor allem darauf an, dass entweder Banken oder der Kapitalmarkt den neuen Eigentümern ausreichende Mittel zur Finanzierung ihrer Beteiligungen zur Verfügung stellen, und zwar ohne Stellung persönlicher Sicherheiten. Allerdings dürfte dieser Finanzierungsmodus für nachhaltige Investitionen eher die Ausnahme als die Regel sein. Die Nachhaltigkeitswissenschaft (Sustainability Science) selbst ist ein noch relativ junger Wissenschaftszweig. Er wurde im Jahr 2001 offiziell auf dem Kongress „Challenges of a Changing Earth“ in Amsterdam eingeführt. Dem vorangegangen war 1992 auf dem sog. „Erdgipfel“ der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED) in der „Agenda 21“ eine Skizzierung der Rolle der Wissenschaft im Dienst einer nachhaltigen Entwicklung (Kapitel 35). Dementsprechend handelt es sich bei der Nachhaltigkeitswissenschaft (vgl. Stappen 2006) grundsätzlich um eine normative Wissenschaft, deren Ziel darin besteht, nachhaltige Praxis und nachhaltiges Handeln wissenschaftlich zu fundieren. Insgesamt ist die Nachhaltigkeitswissenschaft multidisziplinär sowie primär praktisch ausgerichtet und gründet auf der Verantwortung der Wissenschaft und des einzelnen Wissenschaftlers gegenüber künftigen Generationen und dem Lebenssystem Erde. Die Bundesregierung hat 1992 in ihrer nationalen Strategie unter dem Titel „Perspektiven für Deutschland“ das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung in zehn Managementregeln der Nachhaltigkeit vor dem Hintergrund skizziert, dass die Grundsätze einer nachhaltigen Entwicklung schrittweise zu konkretisieren sind, damit sie für das Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft relevant werden. Unter diesen Voraussetzungen ist zu fragen, was Nachhaltigkeit in der Finanzierung konkret bedeuten kann. Ausgangspunkt ist die für die Forstwirtschaft vor 300 Jahren durch Hans Carl von Carlowitz in der grundlegenden Abhandlung von 1712 zur Waldwirtschaft (Sylvicultura Oeconomica, 105 f.) geprägte (ökologische) Begriffsfassung, dass es eine Kunst oder Wissenschaft sei, wie man die Erhaltung und den Anbau von Holz bewerkstellige, damit es eine kontinuierliche, beständige und nachhaltige Nutzung gebe. Auf die Finanzierung übertragen muss diese Forderung wohl so lauten: Dem Unternehmen darf nur so viel an Gewinn als „Frucht“ entzogen werden, dass darunter die künftigen (ökonomischen) Finanzierungsmöglichkeiten nicht leiden. Somit soll der Unternehmer nur einen – unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit – „angemessenen“ Unternehmerlohn für sich beanspruchen und entnehmen, der die Existenz und das Wachstum des Unternehmens nicht beeinträchtigt. Dem mittelständischen Unternehmen wächst bei Verfolgung einer derartigen Finanzierungspolitik laufend Eigenkapital zu, das seinerseits wiederum die Finanzierungsmöglichkeiten von Investitionen, die als nachhaltig erkannt worden sind, verbessert. Steigenden Eigenkapitalquoten und Eigenkapitalrenditen werden sich die Banken unter diesen Voraussetzungen bei künftigen Kreditanträgen nicht verschließen können. Insofern erfüllt eine derartige Strategie eigentümergeführter Unternehmen, für die das Konzept der Nachhaltigkeit maßgeschneidert erscheint, in besonderer Weise das Postulat ökonomischer Nachhaltigkeit. Diskussionsbedarf besteht allerdings bezüglich des als angemessen angesehenen Unternehmerlohns, insbesondere in sozialer Hinsicht. Dieser wird sich vermutlich erheblich von den Vorstellungen angestellter Manager („Fremdunternehmer“) unterscheiden, deren Zielsetzungen bekanntlich andere sind und zu anhaltenden Diskussionen in der Öffentlichkeit sowie zu Initiativen des Gesetzgebers geführt haben. Besondere Probleme ergeben sich bei Familienunternehmen mit mehreren „Stämmen“ (wie z. B. bei Märklin, wo 22 Familiengesellschafter zufrieden zu stellen waren und dadurch die Angemessenheit von Entnahmen schwierig zu gestalten ist). Zu denken ist bei der Beteiligungsfinanzierung auch an Formen der betrieblichen Partnerschaft, bei der die Mitarbeiter Mitunternehmer werden, z. B. durch stille Beteiligungen, Beteiligungen über GmbH-Anteile, Beteiligungen über Belegschaftsaktien oder indirekte Beteiligungen über zwischengeschaltete Gesellschaften, in denen die Beteiligungen der Mitarbeiter gebündelt werden. Auch die Aktiengesellschaft eignet sich für derartige Finanzierungen, wenn über das Grundkapital vinkulierte Namensaktien ausgegeben werden, die ausschließlich von den Eigentümern und beteiligten Mitarbeitern gezeichnet werden können und die nicht börsenplatziert sind. Zu denken wäre auch daran, ggf. einen Teil des Grundkapitals ausgewählten Kunden und anderen Partnern zu öffnen. Die beteiligten Mitarbeiter können auch an der Hauptversammlung teilnehmen, in den Aufsichtsrat gewählt werden und erhalten regelmäßig die wesentlichen Angaben zur Unternehmensentwicklung. Insofern ist auch dem Gebot der Transparenz im Sinne einer guten Unternehmensführung bestmöglich Rechnung getragen. Dazu kommen im Rahmen der Fremdfinanzierung grundsätzlich auch Formen der partnerschaftlichen Kreditgewährung in Betracht, z.B. Mitarbeiterdarlehen und Mitarbeiterguthaben, die noch dazu den Vorteil haben können, dass Steuern und Sozialbeiträge erst später zu entrichten sind. Denkbar sind auch Finanzierungen über Genussrechte, vorausgesetzt, das mittelständische Unternehmen ist  kapitalmarktfähig.

 

Heft 01_2013 Tortendiagramm

Die Gemeinsamkeit dieser Formen der Finanzierung besteht darin, dass sie nach denselben Grundsätzen der Nachhaltigkeit gestaltet und behandelt werden können wie der Unternehmerlohn des mittelständischen (Haupt-) Eigentümers. Befolgen mittelständische Unternehmer den Grundsatz angemessener Entlohnung ihrer wirtschaftlichen Betätigung und beteiligen sie ihre Mitarbeiter am Firmenkapital und/oder nehmen sie partnerschaftliche Kreditgewährung in Anspruch, dann entsprechen sie auch dem Postulat sozialer Nachhaltigkeit, wonach eine Gesellschaft so organisiert sein sollte, dass sich die sozialen Spannungen in Grenzen halten und Konflikte auf friedlichem Weg ausgetragen werden. Gesellschaftliche Konflikte entzünden sich zum einen an einer unangemessenen Entlohnung der Managertätigkeit, und zwar dann, wenn die Entlohnung in keinem Verhältnis zur erbrachten Leistung steht und die überhöhte Entlohnung von Fremdunternehmern im Wege der „Selbstbedienung“ unter Hinweis auf den globalen Zusammenhang und das (schlechte) Beispiel anderer, oft sogar branchenfremder Bezugsfälle unter Duldung von Aufsichtsräten erfolgt, die ihrer Verantwortung für das Unternehmen nicht in der gebotenen Weise nachkommen. Eigentümergeführte mittelständische Unternehmen sehen sich in diesem Zusammenhang grundsätzlich in einer Position, in der sich das Principal-Agent-Problem nicht stellt, sondern sie aus eigenem Potenzial sozialer Nachhaltigkeit zum Durchbruch verhelfen können. Allerdings gehört dazu auch ein weniger schroffer Umgang mit den Stakeholdern, konkret den Gewerkschaften, den Politikern und der eigenen Belegschaft. Zum anderen werden soziale Spannungen in Unternehmen minimiert, wenn die Mitarbeiter in geeigneter, also auch nachhaltiger Weise am Erfolg des gemeinsamen Wirtschaftens teilhaben können, und zwar in Form angemessener Ausschüttungen als Ausdruck der Teilhabe am Unternehmen. Oft wird die Mitarbeiterbeteiligung aus der Not geboren, manchmal auch schon bei der Gründung des Unternehmens vorgesehen. Auch die bereits angesprochenen Beteiligungsgesellschaften der Mitarbeiter (= indirekte Beteiligung) gehen in diese Richtung. Dabei werden Einlagen der Mitarbeiter gesammelt und dem Unternehmen zur Verfügung gestellt. Die Beteiligung ist dabei laufend über Mindestbeiträge und durch laufende Erhöhung der Einzahlungen möglich. Auf diese Weise können insbesondere kleine Unternehmen profitieren. Mittelständische Unternehmen sollten schließlich im Rahmen der Finanzierung von Investitionen dem Postulat der ökologischen Nachhaltigkeit Rechnung tragen: Abgesehen davon, dass die geplanten Investitionen nicht zu einem Raubbau an der Natur führen, sollten die Investitionen umweltfreundlich sowie gleichzeitig innovativ sein und dem Gedanken eines schonenden Umganges mit den nicht erneuerbaren, aber auch den erneuerbaren Ressourcen folgen. Die Ökologie müsste somit in Einklang mit der Ökonomie stehen und als Rahmenbedingung der sozialen Nachhaltigkeit verpflichtet sein. Erst wenn die genannten drei Dimensionen bei der Finanzierung mittelständischer Unternehmen möglichst konfliktfrei berücksichtigt sind, kann von einer nachhaltigen Finanzstrategie gesprochen werden: Diese verringert in ihrer Eigenschaft als Sicherungsstrategie naturgemäß die Unternehmensrisiken, kann sie aber nicht in jedem Fall ausschließen. Ein besonderes Risiko ist darin zu sehen, dass in Verfolgung von Nachhaltigkeitsstrategien Wachstumschancen insbesondere in produktionswirtschaftlicher Hinsicht vernachlässigt werden und damit die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Unternehmen, die diesen Zielsetzungen nicht folgen, gemindert wird. Eine besondere Rolle spielen auch und nicht zuletzt die nachhaltigen Kundenbeziehungen, die sowohl von der Produktseite als auch von der Finanzierungsseite gefördert werden können. Dies geht soweit, dass Kunden mit ständigen Beziehungen direkt in die nachhaltige Finanzierung mit einbezogen werden. Damit wäre beiden Seiten gedient: Dem mittelständischen Produzenten, der über stabile Absatzbeziehungen verfügt, und den Kunden, die dessen Produkte über die geleistete Finanzierung kostengünstiger beziehen können. So lange eine Unternehmenspolitik der Nachhaltigkeit nicht internationale Priorität hat und von der Politik gefördert wird, bleiben allerdings Risiken latent bestehen und beeinträchtigen die Bemühungen um nachhaltige Unternehmensführung. Ein typisches Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Gestaltung der deutschen Erbschaftsteuer, die trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Politik grundsätzlich mittelständische Unternehmen in besonderer Weise in ihrer Existenz bedroht. Der sauberste Lösungsweg wäre, diese Variante der Vermögensbesteuerung ersatzlos zu streichen und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit von deutschen Mittelstandsunternehmen zu verbessern und langfristig zu gewährleisten. Denn im Grunde bedeutet die Besteuerung von Erbschaften den schleichenden staatlichen Entzug von Eigentum und steht somit im Gegensatz zu den Grundsätzen nachhaltigen Wirtschaftens und Finanzierens, die sich im Spannungsfeld von ökologischen, ökonomischen und sozialen Erfordernissen zu behaupten haben. Literatur: UNDP/OECD: Sustainable Development Strategies. A Ressource Book. London 2002. Stappen, Ralf, K.: Exkurs zur Nachhaltigkeitswissenschaft. In: A Sustainable World is Possible. Der Wise Consensus. Eichstätt 2006, 47-54.

Autoren:

  • Prof. Dr. Guido Eilenberger