Der MBA im Jahr 2020: Tiefgreifende Änderungen sind nötig

Ausgabe_3_2011_020In letzter Zeit wurde heftige Kritik am MBA-Abschluss laut. Kritiker stellen ihn grundsätzlich in Frage. Sie vertreten die Auffassung, dass MBA-Programme nicht jene gut ausgebildeten und sachkundigen Mitarbeiter herausbilden, an denen Arbeitgeber interessiert sind. Andere machen die Shareholder-Perspektive der MBA-Programme für die Finanzkrise verantwortlich oder geben ihnen zumindest eine Mitschuld daran. Und schließlich gibt es den Ruf nach einer tiefgreifenden inhaltlichen Umgestaltung der MBA-Programme, um der sich rasch wandelnden Wirtschaft gerecht zu werden.

Angesichts einer derart scharfen Verurteilung von MBA-Programmen wäre zu erwarten, dass Studierende sie weniger nachfragen und das Interesse der Personalbeschaffer verpufft. Das Gegenteil ist aber der Fall! Der GMAT (Graduate Management Admission Test), der vor allem bei vielen Junior-MBA-Programmen Zulassungsvoraussetzung und Auswahlkriterium ist, wird heute von mehr Kandidaten denn je abgelegt und bei den MBA-Programmen steigt die Zahl der Bewerber.

Weswegen steht der MBA also auf dem Prüfstand? Ein unmittelbarer Grund dafür ist die Finanzkrise. Warum haben die „Master of Business Administration“ die Krise nicht vorhergesehen? War ihre Gier einfach zu groß? Wäre die Krise durch ein anderes MBA-Curriculum zu verhindern gewesen?

Bei der Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen wird oft reuevoll ein gewisses Maß an Mitverantwortung eingeräumt und sogleich auf die von Business Schools beabsichtigten oder bereits umgesetzten Änderungen des Curriculums verwiesen.

Die künftige Rolle von Business Schools

Die Diskussion über die Rolle von Business Schools ist aber zu wichtig, als dass sie auf curriculare Fragen beschränkt bleiben könnte. Die grundlegenden Zielsetzungen von Business Schools, die Zielgruppen, die Lehrveranstaltungsinhalte und die pädagogischen Grundlagen der MBA-Programme sind bei der Frage, welche Rolle Business Schools künftig in der Gesellschaft spielen, einer eingehenden Überprüfung zu unterziehen. Sollten Business Schools das ambitionierte Ziel ihrer Gründerväter überdenken, nämlich Manager heranzubilden, denen als Berufsgruppe ebenso viel Achtung gebührt wie Ärzten und Juristen? Business Schools müssen sich über ihre Rolle bei der angestrebten Professionalisierung des Managements im Klaren sein.

Kurzfristig heißt das: Änderung des Curriculums

Auf Möglichkeiten zur Verbesserung des Curriculums angesprochen, werden von den Rektoren der führenden internationalen Business Schools oft drei große Bereiche besonders herausgestrichen: Soft Skills, Ethik und gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (CSR) sowie Globalisierung.

Soft Skills sind seit jeher ein wichtiges Merkmal erfolgreicher Manager. Sie werden aber im Hinblick darauf, dass Manager für einen zusehends komplexer werdenden Dialog zwischen einer Vielzahl von Anspruchsgruppen und Unternehmen Sorge zu tragen haben, in Zukunft sehr wahrscheinlich noch wesentlicher. Die fachliche Kompetenz von Managern – ihr wirtschaftliches Grundlagenwissen – wird in zunehmendem Maße zu einem Hygienefaktor. Ihre Soft Skills sind es, durch die erfolgreiche Manager sich von Geschäftsführern unterscheiden werden.

Die Diskussion über Ethik und CSR ist untrennbar mit einer Reihe noch komplexerer, ineinander greifender Probleme auf globaler Ebene verflochten. Folglich stehen Business Schools auch vor der Herausforderung, die künftigen Führungskräfte beim Umgang mit dringlichen globalen Problemen anzuleiten. Die ungleiche Verteilung von Wohlstand, die gegenläufige Bevölkerungsentwicklung in den Industrie- und Entwicklungsländern, die Ungleichheit von Ländern hinsichtlich ihrer Möglichkeit und Bereitschaft, sich mit Umweltfragen auseinanderzusetzen, oder die zwischen Staaten herrschenden Unterschiede bei sozialpolitischen und ethischen Standards sind nur einige Beispiele.

Durch den globalen Wettbewerb, das globale Beschaffungswesen, die globale Finanzierung und den globalen Verkauf ist die Notwendigkeit, Manager mit interkulturellem Verständnis und Feingefühl heranzubilden, gestiegen. Deshalb geben sich Business Schools größte Mühe, den Unterricht so zu gestalten, dass die Studierenden in einem internationalen Umfeld lernen und ihr interkulturelles Verständnis vertiefen.

Tiefgreifende Änderungen im System

Während man an einigen Business Schools die schrittweise Umgestaltung der angebotenen MBA-Programme anscheinend als ausreichend erachtet, gibt es eine große Gruppe zukunftsorientiert denkender Rektoren, die erkannt hat, dass es zu umfassenden Änderungen im System kommen muss:

Es ist dringend erforderlich zu überdenken, welche Ziele Business Schools verfolgen und welche Rolle sie in der Managementausbildung spielen sollen. Ein Grund, weshalb Business Schools derart massiv in die Kritik geraten sind, ist wohl die zu beobachtende Verschiebung ihres strategischen Fokusses von der Vermittlung des für die Berufsausübung erforderlichen Rüstzeugs hin zur Produktion eines auf sich selbst bezogenen und größtenteils irrelevanten Wissens. Die verstärkte Kontextualisierung der von Business Schools betriebenen Forschung – verbunden mit einer Erweiterung des Kreises derer, die daran teilhaben und zum Managementwissen beitragen – ist daher wesentlich.

Auch im Hinblick auf die Lehre gilt es, ein neues Gleichgewicht zu finden. In letzter Zeit hat man an Business Schools das Augenmerk zu Recht auf die Schärfung der analytischen Fähigkeiten der Absolventen gelegt. Diese Schwerpunktsetzung hat allerdings ihren Preis: In den MBA-Programmen werden entsprechend weniger Zeit und Aufmerksamkeit der Entwicklung der Führungsqualitäten und Einstellungen sowie der Herausbildung des Verständnisses für Sinn und Zweck der Sache gewidmet. Im Laufe der kommenden zehn Jahre werden sich deshalb innovative Lehransätze herausbilden, bei denen die Fokussierung auf analytische Fähigkeiten mit dem Augenmerk auf Ethik und CSR verbunden wird. Das bedeutet wahrscheinlich, dass die Studierenden verstärkt erfahrungsorientiert und durch eigene praktische Erfahrungen lernen werden.

Künftig werden Business Schools auch bei der Professionalisierung des Managements eine zentrale Rolle spielen müssen. Ihre Verpflichtung geht über das Hervorbringen von Technokraten hinaus – Management ist ein Mix aus Erfahrung, Verständnis und Analyse. Business Schools müssen dieser Herausforderung gerecht werden und es letztendlich schaffen, aus ihren MBAs Fachleute mit einem Portfolio an Wissen, Handlungsweisen und Werten zu machen. Akkreditierungseinrichtungen wie AACSB, Equis und AMBA wird in diesem Zusammenhang besondere Verantwortung zuteilwerden, denn ihnen obliegt es zu gewährleisten, dass der Kern des an Business Schools vermittelten Wissens in einem vernünftigen Ausmaß harmonisiert wird.

Zur Entwicklung der beiden anderen Dimensionen der Professionalisierung – gemeinsame Handlungsweisen und Werte – sind Business Schools gefordert, ihre Studierenden vermehrt mit komplexen Entscheidungsproblemen zu konfrontieren, um deren Urteilsvermögen als Manager zu schärfen. Somit sind Business Schools für die Wiedererlangung des Vertrauens der Gesellschaft in Manager und damit deren gesellschaftliche Legitimation von zentraler Bedeutung. Aus diesem Grund werden Business Schools praktisch nicht umhin können, eine Professionalisierung des Managements mitzutragen.

Zudem werden Business Schools ihr Leitbild genauer darlegen müssen, damit viel mehr Klarheit darüber herrscht, welche Rolle sie in der Gesellschaft zu spielen beabsichtigen. Es wird überdies erforderlich sein, dass sie sich Gedanken machen, wie die von ihnen betriebene Forschung geartet sein soll und sich innovativen pädagogischen Ansätzen verschreiben, durch die eine Ausgewogenheit zwischen analytischen Fähigkeiten zur Problemlösung einerseits und der Auseinandersetzung mit Verantwortung und Rechenschaftspflicht gegenüber der Gesellschaft anderseits ermöglicht wird.

Und schließlich werden Business Schools ihren gesellschaftlichen Nutzen besser kommunizieren müssen. In diesem Zusammenhang werden viele derzeit noch sehr vage Themenkreise zu behandeln sein. Die ideale Zusammensetzung der Vortragenden und die Art der Forschungstätigkeit werden vom Leitbild der jeweiligen Business School abhängig sein; die angebotenen Programme und deren Inhalte davon, welche Rolle die Gesellschaft Business Schools bei der Professionalisierung des Managements zuschreibt. Das gilt auch für die Art und Weise, wie Programme angeboten werden. So könnte Professionalisierung des Managements zum Beispiel bedeuten, leitende Manager zur regelmäßigen Belegung einer gewissen Anzahl von Auffrischungskursen und kurzen Management-Update-Programmen zu verpflichten. Das würde der in anderen Bereichen – beispielsweise bei Ärzten – üblichen Praxis, dass die Berufsausübung mit der verpflichtenden Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen gekoppelt ist, entsprechen.

Der MBA im Jahr 2020

Wir prognostizieren, dass es MBA-Programme auch 2020 noch geben wird. Werden diese große Ähnlichkeit mit den heutigen haben?

Das Curriculum von MBA-Programmen wird in Zukunft wahrscheinlich sehr viel komplexer werden. Zudem muss es zur Annäherung von Ausbildung und Praxis kommen und das Bewusstsein von MBAs für gesellschaftliche Missstände sollte geschärft werden. Neben der Weitergabe der erforderlichen wirtschaftlichen Grundlagen werden Business Schools auch ihre Verpflichtung, Werte zu vermitteln, erfüllen müssen – Werte, die eine Gruppe professioneller Manager verinnerlicht und teilt. Das ist wohl sehr viel schwieriger als fachbezogener Unterricht.

Auch durch technische Entwicklungen werden sich die Unterrichtsmethoden wesentlich verändern. Studierende – und ganz besonders vielbeschäftigte Manager, die ein Executive-MBA-Studium beginnen – erwarten in zunehmendem Maße zeit- und ortsunabhängigen Zugriff auf Lernmaterialien. Hochentwickelte Online-Lernplattformen für synchrone und asynchrone Kommunikation, das Senden und Empfangen von Dateien, Videokonferenzen, die Telepräsenz von Professoren, die von anderen Orten der Erde aus unterrichten sowie virtuelle Universitäten in „Second Life“ ermöglichen einen Ausblick auf künftige Entwicklungen. Trotzdem sind wir der Meinung, dass Fernunterricht persönlichen Kontakt und die Interaktion im Hörsaal nicht zur Gänze wird ersetzen können. Gemeinsam mit Kollegen und Professoren zu essen, bedeutet eine emotionale Bindung und Erfahrung, wie sie selbst durch den Einsatz modernster Telepräsenz-Lösungen nicht erzielt werden könnte – und daran wird sich wohl so schnell nichts ändern.

Autoren:

  • Prof. Bodo B. Schlegelmilch

  • Prof. Howard Thomas