Eine didaktische Skizze

Sauernheimer_1-20141. Einleitung

Diesem Prinzip kann sowohl eine erklärende (positive) als auch eine bewertende (normative) Deutung gegeben werden. In der ersten Interpretation besagt das Prinzip, dass sich in einer Marktwirtschaft die Produzenten eines Landes auf jene Güter spezialisieren werden, die in diesem Land mit komparativem Kostenvorteil erzeugt werden können. In der zweiten Interpretation besagt das Prinzip, dass sich die Länder nach ihrem komparativen Kostenvorteil spezialisieren sollen, wenn sie aus dem Außenhandel Wohlfahrtsgewinne erzielen wollen. Im Folgenden soll mit Hilfe des einfachsten denkbaren, ganzzahligen Zahlenbeispiels das Prinzip erläutert werden.

Der berühmte Ökonom Paul Samuelson, Nobelpreisträger 1970, ausgebildeter Mathematiker, berichtete
einmal, von Mathematikkollegen etwas spöttisch gefragt worden zu sein, ob es in der Nationalökonomie denn auch nur ein einziges Theorem gäbe, das zugleich wahr und nichttrivial sei. Er habe dann – nach einiger Überlegung – das Theorem der komparativen Kosten genannt. Anlass genug also, einen Blick darauf zu werfen.

2. Das Zahlenbeispiel

Wir betrachten zwei Länder, Inland I und Ausland A, zwei Güter, Maschinen M und Textilien T sowie
einen Produktionsfaktor Arbeit L. Das Inland könne maximal 3 Einheiten (EH) Textilien oder 9 EH Maschinen produzieren, das Ausland maximal 2 EH Textilien oder 2 EH Maschinen. Da die Konsumenten in beiden Ländern beide Güter konsumieren möchten, wird die Produktion Q diversifiziert: I möge 1 EH T und 6 EH M, A 1 EH T und 1 EH M produzieren. Im Ausgangsgleichgewicht in Autarkie stimmt in jedem Land der Konsum C mit der Produktion Q auf beiden Märkten überein: QT=CT, QM=CM. Für die Welt als Ganze W beläuft sich die Produktion (der Konsum) von T auf 2, von M auf 7. Die Spalten 4–7 in Tab. 1 beschreiben das Autarkiegleichgewicht (siehe Tabelle nächste Seite).

Autarkie Handel
Tmax Mmax QT QM CT CM QT QM CT CM L G PT PM
I 3 9 1 6 1 6 0 9 1 7 6 36/54 12/18 4/6
A 2 2 1 1 1 1 2 0 1 2 6 36/18 18/9 18/9
W 2 7 2 7 2 9 2 9

3. Die Interpretation

Kommt Spezialisierung zustande und wenn ja, in welchem Land auf welches Produkt?
Antwort auf diese Frage liefert das Theorem der komparativen Kosten. Wenn das Inland maximal 3 EH T oder maximal 9 EH M oder lineare Kombinationen dieser Mengen produzieren kann, „kostet“ 1 EH T den Verzicht auf 3 EH M. Die Opportunitätskosten von Textilien im Inland sind 3 (Maschinen). Analog betragen die Opportunitätskosten von Textilien im Ausland 1 (Maschine). Textilien zu produzieren ist daher im Ausland vergleichsweise billig. Das Ausland hat insofern bei Textilien einen komparativen Kostenvorteil. Analog hat das Inland bei Maschinen einen komparativen Kostenvorteil, kostet 1 EH M hier doch nur 0,33 EH T, wohingegen im Ausland 1 EH M 1 EH T kostet. Das Ausland wird sich daher auf die Produktion von Textilien, das Inland auf die Produktion von Maschinen spezialisieren.

Man beachte, dass das Ausland, obgleich es bei beiden Gütern einen absoluten Produktionsnachteil hat, bei Textilien einen komparativen Produktionsvorteil hat, weil dort sein absoluter Produktionsnachteil vergleichsweise klein ist. Analog hat das Inland, obgleich es bei beiden Gütern einen absoluten Produktionsvorteil hat, bei Textilien einen komparativen Produktionsnachteil, weil dort sein absoluter Produktionsvorteil vergleichsweise klein ist.

Wenn sich das Inland nun auf die Produktion von Maschinen, das Ausland auf die Produktion von Textilien spezialisiert, belaufen sich die neuen Produktionsmengen auf 0 EH T und 9 EH M im Inland, 2 EH T und 0 EH M im Ausland. Die Weltproduktion nimmt um 2 EH M zu bei gleichbleibender Weltproduktion von T. Man erkennt hier bereits die wohlfahrtssteigernde Wirkung des Handels.

Wie steht es mit dem Konsum? Da die Konsumenten in beiden Ländern vor und bei Handel eine diversifizierte Konsumpalette wünschen, muss auf dem Wege des Handels das im jeweiligen Inland
nicht mehr produzierte Gut beschafft werden. Die Menge an importierbaren Gütern hängt offenbar vom zustande kommenden, relativen Weltmarktpreis von Textilien ab. Wir wollen zunächst einmal annehmen – später wird diese Annahme zu rechtfertigen sein –, dass sich der Weltmarktpreis zwischen den Autarkiepreisen einpendeln wird. Dieser lag im Inland bekanntermaßen bei 3, im Ausland bei 1. Der einzige Weltmarktpreis, der dazwischen liegt und ganzzahlig ist, ist 2. Nehmen wir also diesen Preis von 2 an. Nehmen wir ferner – zu Illustrationszwecken – an, die Nachfrager wünschten eine Beibehaltung ihres Konsumniveaus an T. Dann werden sowohl das Inland als auch das Ausland 2 EH M gegen 1 EH T am Weltmarkt tauschen wollen. Das Inland beschafft sich so durch Import die 1 EH an T, die es in Autarkie noch selbst produziert hatte, das Ausland exportiert die 1 EH an T, die es jetzt mehr produziert als in Autarkie. Die Tauschwünsche sind realisierbar und es resultieren die neuen Konsummengen CT=1 und CM=7 im Inland und CT=1 und CM=2 im Ausland. Man erkennt, dass der Weltkonsum, wie auch die Weltproduktion, von Maschinen von 7 auf 9 gestiegen ist. Die Wohlfahrtserhöhung durch Handel zeigt sich in einer Zunahme an Konsummöglichkeiten von Maschinen (man störe sich nicht am Ausdruck „Konsum von Maschinen“ – Konsum beinhaltet sowohl den Verbrauch als auch den Gebrauch von Gütern).

Während soweit die wohlfahrtsteigernde Wirkung des Handels für die Welt als Ganze gezeigt wurde, bleibt noch offen, ob beide Länder oder nur eines der beiden Länder aus dem Handel profitieren. Anhand der Konsummöglichkeiten lässt sich zeigen, dass beide Länder profitieren: Konnte das Inland vor Aufnahme von Handel 1 EH T und 6 EH M konsumieren, so sind es jetzt 1 EH T und 7 EH M. Konnte das Ausland vor Aufnahme von Handel 1 EH T und 1 EH M konsumieren, so sind es jetzt 1 EH T und 2 EH M. Beide Länder gewinnen also an Konsum von M, ohne an Konsum von T zu verlieren. Der internationale Handel beinhaltet also nicht, dass einer verliert und ein anderer gewinnt, sondern alle, hier beide, gewinnen. Es ist nicht so, wie noch der Kirchenvater Augustinus dachte (und wie manch anderer 1.600 Jahre später auch noch denkt), dass nur einer etwas finden kann, was ein anderer verloren hat, sondern beide können etwas finden. Der internationale Handel ist – in der Sprache der Spieltheorie – kein Nullsummenspiel sondern ein Positivsummenspiel.

In dem hier gewählten Zahlenbeispiel wird nicht nur unmittelbar ersichtlich, dass beide Handelspartner gewinnen, sondern auch, dass beide im gleichen absoluten Umfang gewinnen: Der weltwirtschaftliche Wohlfahrtsgewinn in Form zweier zusätzlich verfügbarer Maschinen verteilt sich so auf die beiden Länder, dass beide je eine Maschine zusätzlich erhalten.

Wo kommt dieser Wohlfahrtsgewinn her? Wie durch Zauberei sind mehr Güter verfügbar. Weder hat der Weltfaktorbestand an Arbeit zugenommen noch gibt es technischen Fortschritt. Wo also kommt der
Produktionszuwachs und – bei gegebenem Faktorbestand – der Produktivitätszuwachs her? Es ist die Spezialisierung auf das mit komparativem Produktionsvorteil erzeugte Gut, das den Wohlfahrtsgewinn generiert. Spezialisierung und Handel ermöglichen es nämlich, auf die wenig produktive Tätigkeit der Arbeit in jenen Sektoren zu verzichten, deren Produkte man ohne Handel selbst erzeugen muss. Wenn man im Inland über 6 EH Arbeit verfügt und man muss ein Drittel davon, also 2, im Textilsektor einsetzen, um in Autarkie die von den Konsumenten gewünschte 1 EH an T zu produzieren, kann man bei Handel mit diesen 2 EH Arbeit 3 EH M produzieren, von denen man 2 am Weltmarkt für 1 EH T eintauschen kann, sodass man die gleiche Menge an Textilien wie in Autarkie hat plus eine zusätzliche EH an M. Die Arbeit ist nicht mehr, aber produktiver geworden. Analog im Ausland: Dort musste man in Autarkie von seinen 6 EH Arbeit 3 in der Maschinenproduktion einsetzen, um 1 EH M zu produzieren. Nach Spezialisierung und Aufnahme von Handel kann man mit den frei gewordenen 3 Arbeitskräften 1 EH T produzieren und exportieren. Am Weltmarkt erhält man dafür 2 EH M, sodass die Produktivität dieser 3 Arbeitskräfte um 1 M gestiegen ist. Auch hier ist die Arbeit nicht mehr, sondern produktiver geworden. Die Reallokation von
5 EH Arbeit in der Welt, 2 EH von T nach M in I und 3 EH von M nach T in A hat die Weltproduktion an T unverändert gelassen, die von M um 2 EH erhöht.

4. Eine geometrische Darstellung

Abb. 1 präsentiert eine geometrische Darstellung des Modells.

Abbildung 1 (eigene Darstellung)

Abbildung 1 (eigene Darstellung)

Auf der Ordinate ist die Maschinenmenge, auf der Abszisse die Textilmenge abgetragen. Die Geraden 9–3 und 2–2 beschreiben in Form linearer Transformationskurven die Produktionsmöglichkeiten der beiden Länder. In der Ausgangssituation liegen die Produktions- und Konsumpunkte in A (Inland) und A‘ (Ausland). Der relative Preis von Textilien in Autarkie kommt im Anstiegsmaß der beiden Transformationskurven (3 im  Inland, 1 im Ausland) zum Ausdruck. Nach Öffnung der Grenzen und bei einem eltmarktpreisverhältnis von 2 spezialisiert sich das Inland auf M, das Ausland auf T, sodass die Produktionspunkte von A und A‘ nach B und B‘ wandern. Die neuen Konsummöglichkeiten liegen auf der gestrichelten Weltmarktpreisgeraden, die für das Inland bei B, für das Ausland bei B‘ ansetzt und ein Anstiegsmaß von 2 hat. Es ist angenommen, dass die neuen Konsumpunkte bei C und C‘ und damit senkrecht über den alten liegen, sodass die Wohlfahrtsgewinne ausschließlich in ME des Gutes Maschinen gemessen werden können. (In der Sprache der mikroökonomischen Theorie bedeutet das, dass implizit Nachfragefunktionen unterstellt sind, bei denen der Substitutionseffekt exakt durch den Einkommenseffekt kompensiert wird.)

5. Spezialisierung und Preissignale

Oben wurde behauptet, dass sich die Länder auf diejenigen Güter spezialisieren werden, die sie mit komparativem Kostenvorteil erzeugen. Woher aber sollen die Produzenten in einer Marktwirtschaft wissen, wo die komparativen Vorteile in ihren Ländern liegen? Produzenten orientieren sich in einer Marktwirtschaft an den absoluten Preisen, den eigenen und denen ihrer Konkurrenten, die komparativen Preise kennen sie nicht. Wenn das so ist, spezialisieren sie sich dann nicht möglicherweise in die falsche Richtung? Man kann zeigen, dass – unter der Prämisse ausgeglichener Handelsbilanzen – eine Spezialisierung gemäß den absoluten Kosten und Preisen mit einer Spezialisierung gemäß den komparativen Kosten und Preisen übereinstimmt. Zu diesem Zweck muss man aber absolute Preise in die Analyse einführen und damit ein Geld, in dessen Mengen die Preise der Güter ausgedrückt werden können.

Nehmen wir an (Tab. 1, Spalte 13), die Geldmenge betrage im In- und Ausland jeweils 36 €. Damit kann man im Inland maximal 3 EH T oder 9 EH M kaufen, sodass sich die Geldpreise der beiden Güter auf PT=12 € bzw. PM=4 € belaufen. Analog betragen die Geldpreise der beiden Güter im Ausland PT=18 € bzw. PM=18 €. Bei vollständigem Wettbewerb sind diese Preise im langfristigen Gleichgewicht den Durchschnittskosten gleich. Man erkennt, dass dem absoluten Produktionsvorteil (-nachteil) des Inlandes (Auslandes) bei beiden Gütern ein absoluter Preisvorteil (Preisnachteil) bei beiden Gütern entspricht. In den absoluten Preisen (12:4 und 18:18) spiegelt sich perfekt der komparative Kostenvorteil der ursprünglichen Mengenbeziehungen (3:1) wieder. Die Einführung des Geldes und der absoluten Preise vermag an den relativen Preisen nichts zu ändern. Geld liegt „wie ein Schleier“ über den realwirtschaftlichen Aktivitäten.

Freilich scheinen die absoluten Preise nun den Außenhändlern, die sich an ihnen orientieren, die falschen Signale zu geben: Die heimischen Produzenten werden sich nicht auf Maschinen spezialisieren wollen, da ihnen der Absatz von Textilien im Ausland ebenfalls höhere Preise als im Inland sichert. Ausländische Produzenten werden sich nicht auf Textilien
spezialisieren wollen, da sie nicht nur bei Maschinen, sondern auch bei Textilien wegen zu hoher Kosten und Preise der eigenen Erzeugnisse keine Absatzmöglichkeiten im Ausland sehen. Die vom Theorem der komparativen Kosten postulierte Spezialisierung kommt demnach in der Marktwirtschaft nicht zustande: Der komparative Kostennachteil des Inlandes bei Textilien geht einher mit einem absoluten Kostenvorteil und der komparative Kostenvorteil des Auslandes bei Textilien geht einher mit einem absoluten Kostennachteil. Stimmt das Theorem der komparativen Kosten also nicht?

Seine Gültigkeit ist an eine Bedingung gebunden, die im vorliegenden Fall verletzt ist. Es gilt unter den Bedingungen einer ausgeglichenen Handelsbilanz. Hier aber haben wir es mit einem Handelsbilanzüberschuss des Inlandes, einem Handelsbilanzdefizit des Auslandes zu tun: Das Inland, das bei beiden Gütern einen absoluten Kostenvorteil hat, wird beide Güter exportieren, das Ausland, das bei beiden Gütern einen absoluten Kostennachteil hat, wird beide Güter importieren.

Diese Situation aber kann kein Gleichgewicht sein. Infolge des Handelsbilanzüberschusses (von anderen Leistungsbilanztransaktionen sowie von Kapitalbilanztransaktionen wird hier vereinfachend abgesehen) kommt es zu Geldmengenzuflüssen in das Inland und Geldmengenabflüssen aus dem Ausland. Diese Geldmengenveränderungen lassen im Inland die Preise steigen, im Ausland die Preise sinken. Infolgedessen verliert das Inland, gewinnt das Ausland an Wettbewerbsfähigkeit. Das ursprüngliche Ungleichgewicht wird kleiner und schließlich gänzlich verschwinden und einem Handelsbilanzgleichgewicht Platz machen. Wenn z. B. die Geldmenge im Inland um 50 % gestiegen, im Ausland um 50 % gesunken ist, werden die Preise im Inland auf PT=18 € bzw. PM=6 € gestiegen, im Ausland auf PT=9 € bzw. PM=9 € gesunken sein. Das Ausland wird bei einem der beiden Güter wettbewerbsfähig geworden sein und die Handelsbilanz damit zum Ausgleich kommen können. Jenes Gut aber, bei dem das Ausland zuerst wettbewerbsfähig wird, ist genau das Gut, bei dem es seinen komparativen Kostenvorteil (Textilien) hat. Damit bringen in der langen Frist, in der man mit ausgeglichenen Handelsbilanzen rechnen kann, die Außenhändler in der Marktwirtschaft genau jenes wohlfahrtserhöhende Spezialisierungsmuster zustande, das auf den komparativen Kosten, die die Außenhändler gar nicht kennen, beruht. Wenn es die Marktwirtschaft nicht gäbe, man müßte sie erfinden.

Man sieht anhand der Tabelle auch, dass es drei Möglichkeiten gibt, Kosten zu definieren:

  1. Die Opportunitätskosten (einer EH Textilien im Inland) bestehen in den Verzichtsmengen an Maschinen (3 ME an M).
  2. Die Faktorkosten bestehen in den für die Produktion benötigten Faktormengen (2 EH an Arbeit).
  3. Die monetären Kosten werden in Geld gemessen (12 EH an €).

6. Die Terms of Trade und die Verteilung der Welthandelsgewinne

Eingangs wurde angenommen, das Weltmarktpreisverhältnis liege zwischen den Autarkiepreisen und betrage – gemessen anhand des relativen Textilienpreises – 2 (ME an M). Was aber geschieht, wenn
das nicht der Fall ist? Nehmen wir an, der Weltmarktpreis für Textilien betrage 5. Dann lohnt es für das Ausland, wo die Produktion von Textilien 1 kostet, offenbar erst recht, Textilien zu exportieren. Für das Inland, wo die Produktion von Textilien 3 kostet, lohnt es unter diesen Umständen nun aber auch, Textilien zu exportieren. Der Maschinenexport lohnt hingegen nicht mehr, weil ihre Produktion 0,33 (ME an T) kostet, am Weltmarkt aber nur 0,20 (EH an T) erlöst werden. Beide Länder spezialisieren sich auf Textilien und nirgendwo werden Maschinen produziert. Auf den Weltgütermärkten herrscht demzufolge ein Überschussangebot an Textilien und eine Überschussnachfrage an Maschinen. Der Weltmarktpreis von 5 kann daher nicht gleichgewichtig sein.

Was geschieht? Das Überschussangebot an Textilien drückt den Textilpreis, zunächst von 5 auf 4. Beim Preis von 4 besteht allerdings nach wie vor ein Nachfrageüberhang nach Textilien, weil die Aufnahme der Produktion von Maschinen im Inland nach wie vor – bei Kosten von 0,33 und dem neuen Preis von 0,25 – nicht lohnt. Der Preis von Textilien sinkt also weiter. Bei einem Preis von 3 wäre für das Inland die Aufnahme der Produktion von Maschinen gerade kostendeckend. Ob produziert wird oder nicht, ist unbestimmt. Erst wenn der Weltmarktpreis für Textilien unter 3 fällt, z. B. auf 2, lohnt die Aufnahme der Produktion von Maschinen im Inland definitiv, weil jetzt der Preis von Maschinen mit 0,50 (ME an T) höher liegt als die Kosten von 0,33 (ME an T). Daraus folgt, dass die Preise sich solange anpassen werden, bis ein Preisverhältnis gefunden ist, bei dem für jede Nachfrage ein Angebot verfügbar ist. Dies aber ist nur bei einem zwischen dem Autarkiepreisverhältnis liegenden Weltmarktpreisverhältnis der Fall. Es war also völlig berechtigt, ein Preisverhältnis von 2 anzunehmen, jedes andere (ganzzahlige) wäre mit einem Weltmarktgleichgewicht nicht kompatibel.

Es ist nun allerdings klar, dass das zustande kommende Weltmarktpreisverhältnis nicht nur Markträumung sichert, sondern darüber hinaus auch bestimmt, wie die Welthandelsgewinne auf die beiden Länder verteilt werden. Im Zahlenbeispiel der Tabelle gewann jedes Land 1 EH an M. Läge der Weltmarktpreis von Textilien z. B. bei 1,50 (ME an M), würde das Inland für den Import von 1 ME an T nur 1,50 ME an M hergeben müssen und verblieben ihm zum Eigenkonsum nicht mehr nur 7, sondern 7,50 ME an M übrig. Es würde sich insoweit besser stellen, sein Wohlfahrtsgewinn aus dem Außenhandel wäre höher als bei dem alten Preisverhältnis von 2. Das Ausland stellt sich hingegen schlechter: Es bekommt für seinen Textilexport von 1 EH jetzt nur noch 1,50 EH
M statt – wie vorher – 2 EH M. Die Welthandelsgewinne sind nunmehr anders verteilt als zuvor: Das Inland hat einen höheren, das Ausland einen niedrigeren Gewinn. Dies ist natürlich die Folge des aus Sicht des Inlandes gesunkenen Importgüterpreises, aus der Sicht des Auslandes Folge seines gesunkenen Exportgüterpreises. Die Verteilung der Welthandelsgewinne hängt also von dem zustande kommenden Weltmarktpreisverhältnis ab.

Das Weltmarktpreisverhältnis in Form des relativen Exportgüterpreises nennt man auch Terms of Trade (Tauschbedingungen). Es ist aus der Sicht des Inlandes der relative Maschinenpreis, aus der Sicht des Auslandes der relative Textilpreis. Daher kann man auch sagen, dass die zustande kommenden Terms of Trade die Verteilung der Welthandelsgewinne determinieren.

Es ist nun oft zu lesen, dass sich die Terms of Trade für die Entwicklungsländer, insbesondere die nichtölexportierenden Exportländer, verschlechterten und sie deshalb aus dem internationalen Handel verlören. Diese Ansicht ist offenbar irrig. Sich verschlechternde Terms of Trade bedeuten, dass die Wohlfahrtsgewinne aus dem Handel abnehmen, also kleiner sind, als sie ohne die Terms of Trade-Verschlechterung ausgefallen wären. Es heißt nicht, dass das Land aus der Aufnahme von Außenhandel verliert. Das wäre nur möglich, wenn bei Handel Güter produziert und exportiert werden zu Preisen, die niedriger als die nationalen Gestehungskosten liegen. Dann liegt offenbar eine falsche Spezialisierungsrichtung vor. Es mag in der Realität durchaus sein, dass die Regierung eines Landes Konsumgüterimporte wünscht, die nur mit Exporten zu Niedrigstpreisen bezahlt werden können. Verzicht auf Export und Verwendung der Güter im Inland könnte hier volkswirtschaftlich eine sinnvollere Lösung sein. Die erzwungene landesinterne Umverteilung vom Privatsektor zum Staatssektor ist hier die Quelle des volkswirtschaftlichen Wohlfahrtsverlustes, nicht der Handel per se.

Kritik

An diesem ricardianischen Außenhandelsmodell kann in vielfacher Weise Kritik geübt werden. Die wichtigsten Kritikpunkte sind:

  1. Das 2 x 2 x 1-Modell (2 Länder, 2 Güter, 1 Produktionsfaktor) ist die Minimumausstattung eines Außenhandelsmodells. Mehr Länder würden benötigt, wenn man die Wohlfahrtswirkungen von Zollunionen, Freihandelsunionen oder anderen Handelsblöcken studieren will. Mehr Güter würden benötigt, wenn man auch nichthandelsfähige Güter in die Analyse einbeziehen will. Und mehr Faktoren, etwa Arbeit und Kapital oder qualifizierte und unqualifizierte Arbeit, müssen einbezogen werden, wenn man die Wirkungen der Globalisierung auf die Einkommensverteilung zwischen diesen Gruppen erklären will.
  2. Das Modell unterstellt perfekte internationale Faktorimmobilität bei perfekter intersektoraler Faktormobilität. Damit werden die internationalen Direktinvestitionen, die seit Jahren rascher wachsen als die internationalen Warenströme, genauso ausgeklammert wie die Möglichkeit einer durch den handelsbedingten Strukturwandel auftretenden temporären und sich im Zeitverlauf womöglich verfestigenden Arbeitslosigkeit.
  3. Die hier betrachteten, statischen Wohlfahrtsgewinne machen möglicherweise nur einen kleinen Teil der insgesamt zu erwartenden Handelsgewinne aus: Es fehlen die – dynamischen – Gewinne aus handelsinduzierten Wachstumsprozessen, Gewinne aus steigenden Skalenerträgen sowie Gewinne aus größer werdender Produktvielfalt und effizienzsteigernder Unternehmensselektion.
  4. Auf der anderen Seite bleiben auch wohlfahrtsmindernde Handelswirkungen aufgrund unvollkommener Märkte außer Acht, wie etwa eine unzureichende Internalisierung von handelsbedingten Umweltkosten, Marktmachtkonzentrationen und staatlich herbeigeführte Marktverzerrungen.

Literatur:
Rose, K., Sauernheimer, K., Theorie der Außenwirtschaft, 14. Aufl. München 2006.

Autoren:

  • Universitätsprofessor em. Dr. Karlhans Sauernheimer

    Universitätsprofessor em. Dr. Karlhans Sauernheimer ist Studienleiter der VWA Wiesbaden und war bis 2010 Lehrstuhlinhaber der Professur für Volkswirtschaftslehre, insb. Volkswirtschaftstheorie, und Direktor des Instituts für Allgemeine und Außenwirtschaftstheorie an der Uni Mainz.