Ethische Werte und Normen als Bedingungen des unternehmerischen Entscheidens

Ausgabe_3_2011_011In einer Zeit, in der Moral und Ethik als Orientierung menschlichen Handelns an Bedeutung verloren haben, ist es wichtig, die Frage zu stellen, in welchem Umfang dieser Bedeutungsverlust auch für die Wirtschaft, insbesondere für das unternehmerische Entscheiden, zutrifft.

Diese Frage ist berechtigt, weil zahlreiche Medien fortlaufend darüber berichten, dass in der Wirtschaft nationale und internationale Verträge verletzt, Insiderwissen missbraucht, Schmiergelder gezahlt, Anleger betrogen, Steuern hinterzogen, Subventionen erschlichen, Bilanzen gefälscht werden usw.

In dieser kritischen Lage ergibt sich eine Reihe von Fragen, die sich auf die Kopplung des unternehmerischen Entscheidens mit ethischen Werten und Normen beziehen. Wir behandeln einige dieser Fragen, indem wir analysieren, welche ethischen Bedingungen im Allgemeinen beim unternehmerischen Entscheiden erfüllt werden müssen, um dieses ethisch zu fundieren und praktisch durchsetzbar zu gestalten. Dabei zeigen wir, dass Vertrauen und Verantwortung zwei grundlegende Werte darstellen, die mit dem unternehmerischen Entscheiden in einer moralisch geprägten Wirtschaft untrennbar verbunden sind, allen wirtschaftlichen Akteuren sowohl kurz- als auch langfristig deutliche Vorteile bringen und auch der Gesellschaft Nutzen stiften. Diese Werte verstehen wir als Bedingungen, die in jedem Fall erfüllt sein müssen, wenn unternehmerische Entscheidungen nicht nur als ökonomisch, sondern auch als ethisch fundiert akzeptiert und zum Vorteil aller praktisch gelebt werden sollen.

Ethische Fundierung unternehmerischer Entscheidungen

Abgrenzung einiger ethischer Begriffe

Zunächst behandeln wir einige Fragen der Sprachregulierung, um das gegenseitige Verständnis der anstehenden Probleme zu sichern. Zu allem Überfluss werden die Begriffe Moral und Ethik in der Umgangssprache, in der betriebswirtschaftlichen Fachsprache, aber auch in der philosophischen Fachsprache, häufig synonym verwendet. Von dieser Verwendung als Synonyma trennen wir uns aus Gründen der Präzision und unterscheiden zwischen Moral und Ethik, wobei gewisse Überschneidungen nicht vermieden werden können.

Unter Moral verstehen wir nachfolgend ein geschichtlich entstandenes System von Regeln, Normen und Werten, das von einer Gruppe von Menschen gemeinsam aufgestellt und für sich als verbindlich akzeptiert wird. Nach seiner Entstehung ist das Regelsystem der Moral als Gruppenmoral zu verstehen, das zunächst nur für die akzeptierende Gruppe gilt. Es hat den Charakter einer Verhaltensregel (Kodex) und appelliert an die Gruppenmitglieder, ihre Entscheidungen und Handlungen an diesem Regelsystem zu orientieren sowie eigene und fremde Entscheidungen danach zu beurteilen.1 Der Werte- und Regelkanon dieses Systems ändert sich im Zeitablauf inhaltlich mit dem sich geschichtlich ändernden Freiheitsverständnis und den Lebensbedingungen der Gruppe.

Als Moralität (Sittlichkeit) bezeichnen wir das menschliche „Gutseinwollen“, das zum Prinzip der Willensbildung und Praxis erhoben wird.2 Den Begriff des Wertes definieren wir als grundlegenden Richtpunkt der Moralität. Als Normen bezeichnen wir generelle Vorschriften (Werturteile, Vorgaben, Imperative, Weisungen, Soll-Aussagen) für menschliches Verhalten. Normen verkörpern Durchsetzungsanweisungen ethischer Werte und sind weder beweisbar noch empirisch überprüfbar.

Unter Ethik verstehen wir ein System von Aussagen, das über moralische Entscheidungen und Handlungen spricht. Ethik selbst ist also nicht Moral, sondern Ethik spricht über Moral und über die Wechselbeziehungen zwischen Moral und Moralität. Im Gegensatz zur Moral fällt die Ethik keine moralischen Urteile über einzelne Entscheidungen und Handlungen, sondern sie analysiert Besonderheiten (insbesondere Bedingungen) moralischer Handlungen und Entscheidungen auf einer übergeordneten, abstrakteren Sprachebene (Metaebene). Moralische Entscheidungen und Handlungen sind somit Objekte der Ethik. Als Disziplin der Philosophie ist Ethik die Wissenschaft des moralischen Entscheidens und Handelns. Ethik untersucht formal, unter welchen Bedingungen menschliche Entscheidungen und Handlungen – unabhängig von ihrem Inhalt – als moralisch richtig (gut, korrekt) verstanden werden können.

„Die Ethik sagt nicht, was das Gute in concreto ist, sondern welche Bedingungen erfüllt sein müssen, etwas als gut zu beurteilen“.3 Soweit die Analyse ergibt, unter welchen und wie vielen Bedingungen (Werten) Entscheidungen und Handlungen moralisch richtig sind, betrachten wir sie als ethisch fundiert. Ist die Zahl der erfüllten Bedingungen groß, dann ist die ethische Fundierung der Entscheidungen und Handlungen ebenfalls groß und umgekehrt. Daraus folgt, dass Entscheidungen und Handlungen in Abhängigkeit von den herangezogenen Bedingungen unterschiedlich stark ethisch fundiert sein können. Dieser Sachverhalt führt uns zur Unterscheidung von ethisch stark fundierten (ethisch perfekten) und ethisch schwach fundierten (ethisch defekten) Entscheidungen und Handlungen. Die Intensität des jeweiligen Defekts hängt jedoch nicht nur von der Zahl der Bedingungen ab, sondern auch von der Bedeutung (Gewicht), die den einzelnen Bedingungen beigemessen wird.4


„Die Ethik sagt nicht, was das Gute in concreto ist, sondern welche Bedingungen erfüllt sein müssen, etwas als gut zu beurteilen.“

Annemarie Pieper


Bedingungen moralisch richtiger unternehmerischer Entscheidungen

Vertrauen als Bedingung

Um unseren Ansatz zur ethischen Fundierung unternehmerischer Entscheidungen etwas umfassender auszulegen, beziehen wir von den zahlreichen Werten, die in der Ethik analysiert werden, in unsere Überlegungen das Vertrauen, die Verantwortung, die ethische Begründung des moralischen Handelns, die Realisierbarkeit von Werten, die Wirkungen von Werten und die Bekräftigung von Pflichten ein.

Das Vertrauen ist eine grundlegende Bedingung, unter welcher eine wirtschaftliche Entscheidung moralisch richtig ist.5 Besonders im Wirtschaften, in dem rationale Zwecküberlegungen vorherrschen, ist Vertrauen die Grundlage gemeinschaftlicher Verbundenheit, Kontinuität und Krisenfestigkeit. Vertrauen im Wirtschaften bedeutet die Geneigtheit, der Wahrhaftigkeit, Fairness und Verlässlichkeit der eingebundenen Entscheidungsträger Glauben zu schenken.6 Neben seinen produktiven und finanziellen Aufgaben will Wirtschaften auch Vertrauen schaffen.7 Beispielsweise in der Rechnungslegung verkörpert Vertrauen die Bereitschaft, an eine wahre, faire und verlässliche Berichterstattung über Geschäftsprozesse, d. h. an eine wahre Information zur wirtschaftlichen Lage und zur Prognose über die zu erwartende Entwicklung des Unternehmens zu glauben.

Entsprechend drückt Vertrauen im Entlohnungssystem die Bereitschaft aus, an die faire und verlässliche Operationalisierung der Lohngerechtigkeit durch nachprüfbare Schwierigkeits-, Leistungs- und Sozialmaßstäbe zu glauben.8 Vergleichbare Aussagen gelten für Technik und Recht: Technik erzeugt Vertrauen, indem sie Verlässlichkeit in die Funktionsfähigkeit und Sicherheit der produzierten Güter verspricht. Recht erzeugt Vertrauen durch die Zusicherung von Sanktionen für den Fall, dass Erwartungen in das Verhalten anderer Menschen enttäuscht werden (etwa durch Vertragsverletzungen). Diese Beispiele zeigen, dass Vertrauen nicht nur für wirtschaftliche Entscheidungen eine grundlegende Bedingung moralischer Richtigkeit ist, sondern ebenso für Technik und Recht. Allgemein gilt diese Bedingungsaussage für den gesamten Kulturbereich des Menschen.

Verantwortung als Bedingung

Die Verantwortung ist neben dem Vertrauen eine weitere grundlegende Bedingung, unter welcher eine wirtschaftliche Entscheidung moralisch richtig ist.9 Im angloamerikanischen Sprachbereich ist die Verantwortung im Term „Corporate Social Responsibility (CSR)“ sogar namengebend für die Unternehmensethik. Verantwortung ist auf das Engste mit menschlichen Entscheidungen und deren Folgen verknüpft. Wirtschaftliche Entscheidungen lösen Folgen aus, die Menschen und Sachen betreffen. Die Folgen der Entscheidungen liegen zum großen Teil in der Zukunft und können gewollt oder ungewollt, sicher oder unsicher und nützlich oder schädlich sein. Entscheidungsträger müssen daher nicht nur die Freiheit (Recht auf Selbstbestimmung), die Qualifikation (Fähigkeit) und Kompetenz (Zuständigkeit) haben, Entscheidungen zu treffen, sondern auch die Pflicht eingehen, über die Folgen eigener oder fremder Entscheidungen Rechenschaft abzulegen, d. h. Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung kann als Eigen- oder Fremdverantwortung, Ausführungs- oder Führungsverantwortung bzw. Ergebnisverantwortung mit oder ohne Sanktionen auftreten. Für die Verantwortung gilt das Gleiche wie für das Vertrauen: Verantwortung ist eine grundlegende Bedingung moralischer Richtigkeit wirtschaftlicher Entscheidungen. Allgemein gilt diese Bedingungsaussage für den gesamten Kulturbereich des Menschen.

Ethische Begründung als Bedingung

Zu den Bedingungen einer moralisch richtigen Entscheidung gehört auch die ethische Begründung aus der Sicht der Moralität. Unter praktischen Gesichtspunkten ist sie keine grundlegende, sondern eher eine wissenschaftliche Bedingung moralisch richtigen Entscheidens.

Für diese Begründung hat die Ethik mehrere Methoden entwickelt, zu welchen die logische, diskursive, dialektische, analogische, transzendentale, analytische und hermeneutische Methode zählen.10 Am Beispiel der transzendentalen Methode sei das Begründungsproblem kurz erläutert: In der Ethik bedeutet Begründung, moralisches Entscheiden reduktiv aus der Perspektive der Moralität auf ihre konstitutiven Bedingungen (bis zu ihrem unbedingten Ursprung) zurückzuführen. Der bekannteste Vertreter der transzendentalen Methode ist der Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804).11 Ihm geht es nicht darum, empirisch zu erklären, warum man etwas soll oder nicht soll, sondern um eine allgemeine moralische Begründung, warum Menschen überhaupt moralisch handeln sollen. Schrittweise rekonstruiert er als letzten Grund der Moralität das Prinzip der Freiheit, das für ihn die Bedingung ist, der alle Entscheidungen entsprechen müssen, die einen Moralitätsanspruch erheben.12

Das Freiheitsprinzip findet bei Kant seinen Ausdruck in der obersten Regel des Sittengesetzes, nämlich im kategorischen Imperativ. Vertreter der übrigen Methoden ethischer Begründung nutzen diese Freiheit und gelangen je nach kulturellem Hintergrund, individueller Lebenserfahrung und fachlicher Orientierung zu teilweise grundverschiedenen Begründungsgängen und zu verschiedenen letzten Gründen der Moralität.

Aus dieser Vielfalt der Begründungen lässt sich schließen, dass es die Moral menschlichen Entscheidens schlechthin nicht gibt, sondern nur Spielarten willensabhängiger menschlicher Absprachen und Konstrukte über das, was gut oder richtig sein soll, um ein friedvolles Zusammenleben und eine gute, individuelle Lebensgestaltung unter den unterschiedlichsten kulturellen Bedingungen zu sichern.

Realisierbarkeit von Werten als Bedingung

Zu den Bedingungen einer moralisch richtigen Entscheidung zählt auch die Realisierbarkeit von Werten. Sie ist eine praktische Bedingung moralisch richtigen Entscheidens.

Die Realisierbarkeitsprüfung von Werten stellt fest, ob einzelne Werte unter bestimmten Aspekten tatsächlich erreichbar sind. Der wertstrukturelle Aspekt der Realisierbarkeit umfasst die Analyse der Beziehungen zwischen einzelnen Werten in Bezug auf ihre Verträglichkeit. Dies kann am Beispiel der Ziele (als Werte) erläutert werden.

Ziele können sich als verträglich oder als unverträglich erweisen. Verträgliche Ziele können im Verhältnis zueinander neutral oder komplementär, im Grenzfall identisch sein. Bei unverträglichen Zielen handelt es sich um konkurrierende (konfliktäre), im Extremfall um antinomische (unvereinbare, sich ausschließende) Ziele.

Unter wirtschaftlich-technischem Aspekt der Realisierbarkeit ist herauszufinden, ob die vorgesehene Zielausprägung (der Grad der Zielerreichung, das Anspruchsniveau) bei gegebenen Bedingungen der Stakeholder, Märkte, Kapazitäten, Kapitalausstattung usw. realistisch gewählt wurde. Unter ökologischem Aspekt der Realisierbarkeit soll geklärt werden, in welchem Umfang durch einzelne Ziele auch ökologische Anforderungen erfüllt werden.

Die Überprüfung unter zeitlichem Aspekt der Realisierbarkeit soll klären, ob einzelne Ziele richtig auf Perioden zugeordnet wurden und in diesen realisierbar sind. Die Zielanalyse unter personellem Aspekt der Realisierbarkeit soll zeigen, in welchem Umfang Eignung, Verfügbarkeit und Kompetenz sowie Motivation der beteiligten Mitarbeiter ausreichen, um die gewünschten Zielausprägungen zu erreichen.

Konfliktäre Beziehungen zwischen Zielen bzw. Werten und deren Lösung sind für die ethische Analyse von großer Bedeutung. Verfahren der Konfliktlösung werden ausführlich in der Entscheidungstheorie untersucht.

Einige dieser Verfahren sind die Dominanz bzw. Zielunterdrückung (aus mehreren Zielen wird ein Hauptziel gewählt, die übrigen werden als unbedeutend ausgesondert oder als Nebenziele erfasst), das Zielschisma (das Entscheidungsfeld wird in Teilfelder zerlegt, und jedem Teilfeld wird ein individuelles Teilziel zugeordnet), die Zielüberführung (für die konfliktären Ziele wird ein übergeordnetes Ziel gesucht, in welchem die einzelnen Ziele gewichtet werden), der Zielkompromiss (einzelne oder alle Ziele werden gewichtet und im Anspruchsniveau gesenkt) und die Zielsequenz (je nach Dringlichkeit werden im Zeitablauf einzelne Ziele in einer günstigen [variablen] Reihenfolge verfolgt).

Auch in der Unternehmensethik werden Verfahren der Konfliktlösung diskutiert, die meist auf Prinzipien der Diskursethik zurückgreifen.13

Wirkung von Werten als Bedingung

Auch die unterschiedliche Wirkung (Folgen) von Werten rechnen wir zu den Bedingungen einer moralisch richtigen Entscheidung. Auch sie ist eine praktische Bedingung moralisch richtigen Entscheidens. Es ist empirisch beobachtbar, dass zum einen wirtschaftliche Entscheidungen Werte beeinflussen und dass zum anderen Werte auch Auswirkungen auf wirtschaftliche Entscheidungen und deren Folgen haben. Vor allem interessieren in der Betriebswirtschaftslehre und in der Unternehmensethik Wirkungen von Werten auf wirtschaftliche Entscheidungen und deren Folgen einschl. der zugehörigen Verantwortung. Mit der Betonung dieser Fragestellung erfolgt eine Orientierung der ethischen Analyse an der Konzeption der Verantwortungsethik, in der Entscheidungen nach ihren Wirkungen beurteilt werden.14 In dieser Frage entsprechen sich die Verantwortungsethik und die betriebswirtschaftliche Entscheidungstheorie weitestgehend, da in der Entscheidungstheorie die Vorzugswürdigkeit einer Entscheidungsalternative ebenfalls nach ihren Wirkungen beurteilt (bewertet) wird. Außerdem werden durch die Orientierung an der Verantwortungsethik zwei wichtige methodologische Fragestellungen aufgedeckt, die theoretischen und pragmatischen Charakter haben. Theoretisch wird die Frage gestellt, ob Ursache-Wirkungs-Beziehungen (generelle Hypothesen) für die Relation zwischen Werten, Entscheidungen und Wirkungen formuliert werden können. Pragmatisch wird gefragt, ob die generellen Hypothesen in Mittel-Ziel-Beziehungen transformiert werden können, sodass die Ursachen als Gestaltungsvariablen (Mittel) und die Wirkungen als Ziele interpretiert werden. Diese Transformation hat für die pragmatische Fundierung wirtschaftlicher Entscheidungen großes Gewicht.15

Pflichten und Verpflichtungen als Bedingungen

Zu den Bedingungen einer moralisch richtigen Entscheidung gehören auch Pflichten und Verpflichtungen. Im Wirtschaften, einem Entscheidungssystem, das auf Rationalität, Wettbewerb, Rivalität, Vorteilssuche, Existenzsicherung, Machterweiterung und Gewinnstreben beruht und in dem Habgier, ruinöses Verhalten und Kriminalität nicht abwesend sind, genügt es nicht, zur Analyse der Durchsetzbarkeit ethisch fundierter wirtschaftlicher Entscheidungen das Lob des guten Menschen zu reflektieren, sondern es müssen schärfere Instrumente (Standards, Maßnahmen und Regeln) untersucht werden, die über die freiwillige Akzeptanz hinausgehen und im Zweifel auch Kontrollen ermöglichen. Diese Kontrollaufgaben können durch die Öffentlichkeit, durch wirtschaftsnahe Institutionen, durch staatliche Institutionen oder durch kommerzielle Kontrollanbieter wahrgenommen werden.16 Aus wissenschaftlicher Perspektive ist in diesem Zusammenhang an Pflichten bzw. Verpflichtungen zu denken, für die es mehrere Stufen der Bekräftigung gibt. Die niedrigste Stufe der Bekräftigung einer Pflicht ist das Ehrenwort (Verpflichtung zu einem Tun unter Einsatz der persönlichen Ehre). Eine Stufe höher steht das Versprechen (z. B. das Treueversprechen). Darüber stehende Stufen sind das Bekenntnis (z. B. das Glaubensbekenntnis), das Gelübde (z. B. das feierliche Versprechen aus freiem Willen zu einem besonders geprägten Lebensstil oder Dienst) und der Eid (Anrufung einer höheren Macht oder Institution als Zeuge zur Bekräftigung der Wahrheit). Aus diesen Stufen der Bekräftigung von Pflichten ist diejenige Stufe zu wählen, die unter den gegebenen Bedingungen des Wirtschaftens eine systemkonforme Durchsetzung ethisch fundierten Entscheidens am ehesten gewährleistet.

Durchsetzung unternehmensethischer Werte

Ethikkodex als Durchsetzungsinstrument

Wir haben erläutert, dass Vertrauen und Verantwortung zwei grundlegende Bedingungen sind, unter welchen eine wirtschaftliche Entscheidung moralisch richtig ist. Dabei ist es wichtig, das Vertrauen durch Treue und Glauben zu schützen und Bedingungsverletzungen angemessen zu sanktionieren. Der Bedarf an Vertrauen in der Wirtschaft ist groß, weil Vertrauen Wahrhaftigkeit, Fairness und Verlässlichkeit im Geschäftsverkehr sichert. Vergleichbar groß ist die Bedeutung der Verantwortung in der Wirtschaft, weil Verantwortung im Geschäftsverkehr die Zuweisung von Schuld und Fehlern, das Einstehen für Fehler sowie eine verlässliche Vertragserfüllung sichert. Wirtschaften ohne Vertrauen und Verantwortung wirft Unternehmen in anarchische Zustände zurück.

Um in der Wirtschaft durchgehend eine ethisch fundierte Haltung und Verhaltenssteuerung aller Entscheidungsträger zu erreichen, genügt es nicht, ethische Werte zu beschreiben und wissenschaftlich zu analysieren, sondern es muss ein konkreter Kanon ethischer Werte formuliert, implementiert und durchgesetzt werden. Wenn wir Durchsetzungsaspekte ethischer Werte betrachten, sprechen wir nicht von Werten, sondern von Normen. In diesem Kanon stehen an vorrangiger Stelle Vertrauen und Verantwortung. Vor allem in kritischen Wirtschaftslagen bzw. bei häufigen Verstößen gegen Normen, können in einer Marktwirtschaft Wirtschaftsverbände, Unternehmen und der Gesetzgeber die Verpflichtung zum Befolgen von Normen einfordern bzw. verschärfen, um die Interessen der Gesamtwirtschaft und der Gesellschaft zu wahren. Als Instrument zur Durchsetzung ethischer Normen ist beispielsweise an einen Ethikkodex zu denken, der im Rahmen der Unternehmensordnung anerkannte Standards moralisch richtiger wirtschaftlicher Entscheidungen präzisiert. In der Wirtschaft hat sich bereits heute die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Ethikkodex moralisch richtiges Entscheiden bewirkt, Vertrauen in den Geschäftsbeziehungen schafft sowie die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für die Folgen getroffener Entscheidungen erhöht. Ein Ethikkodex festigt darüber hinaus langfristige Erfolgspotenziale, unterstützt gesellschaftliche Koordination und fördert das Gemeinwohl der Gesellschaft. Aus praktischer Führungssicht werden von einem Ethikkodex Regeln und Grundsätze korrekter Konfliktlösungen, die Ergänzung des Rechts durch ethische Selbstverpflichtung, das Vermeiden konfliktträchtiger Wirkungen gewählter Strategien und die Förderung der moralischen Urteilskraft aller Mitarbeiter erwartet.17

Durchsetzung unternehmensethischer Normen bei Globalisierung

Die zentrale Herausforderung der Zukunft liegt für Ethikkodexe in der ethischen Fundierung der interkulturellen bzw. „ökumenischen Firma“. Mit zunehmender Globalisierung werden weltweit Tausende von Menschen unterschiedlicher Religionen, Kulturen, Verhaltensnormen und Überzeugungen in einem Unternehmen zu einer globalen Betriebsgemeinschaft zusammengeführt. In diesem globalen Unternehmen muss der Ethikkodex ein Führungsinstrument sein, das alle eingebundenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Kulturen einem Minimum an gemeinsamen ethischen Normen, einem Weltwirtschaftsethos, verpflichtet, wobei es nicht allein darum geht, die formalen Bedingungen eines ethischen Diskurses bzw. Dialogs zwischen den Kulturen zu klären, sondern darum, die ethische Gesamthaltung der Menschen inhaltlich und praktikabel zu konkretisieren und zu steuern. Erste Gegenstände eines Weltwirtschaftsethos können sein: das Einhalten von Verträgen, das Akzeptieren von Marktregeln, das Üben von Preisgerechtigkeit und die Anerkennung des Berufsethos.

Zeitgemäße Kodexe mit ethischen Normen für das praktische Wirtschaften finden wir bereits in Erklärungen weltweit agierender, großer und mittlerer Unternehmen zur Corporate Governance (national und international anerkannte Standards guter und verantwortungsvoller Unternehmensführung) und zur Corporate Compliance (gesetzmäßiges und regelkonformes Verhalten). In der Corporate Compliance werden Normen und Prinzipien in der Regel nicht personenbezogen, sondern unternehmensbezogen formuliert. Beispielsweise legt die Bayer AG folgende Konzern-Normen (Verpflichtungen) fest: Fairness im Wettbewerb, Integrität im Geschäftsverkehr, Prinzip der Nachhaltigkeit, Einhaltung des Außenhandelsrechts, Wahrung der Chancengleichheit im Wertpapierhandel, ordnungsmäßige Aktenführung und transparente Finanzberichterstattung, faire und respektvolle Arbeitsbedingungen, Schutz des eigenen Wissensvorsprungs und Respekt vor rechtsbeständigen Schutzrechten Dritter, Trennung von Unternehmens- und Privatinteressen sowie kooperativer Umgang mit Behörden.18

Zusammenfassung

In diesem Beitrag versuchen wir, die Frage zu beantworten, welche ethischen Werte und Normen im Allgemeinen beim unternehmerischen Entscheiden erfüllt werden müssen, um dieses als ethisch fundiert zu akzeptieren und praktisch durchsetzbar zu gestalten. Diese Werte und Normen verstehen wir als Bedingungen des ökonomischen Entscheidens. Dazu treffen wir zunächst eine Sprachregulierung, indem wir die grundlegenden Begriffe Moral, Moralität, Wert, Norm und Ethik abgrenzen. Um zu einer Aussage über die ethische Fundierung unternehmerischer Entscheidungen zu gelangen, beziehen wir dann das Vertrauen, die Verantwortung, die ethische Begründung des moralischen Handelns, die Realisierbarkeit von Werten, die Wirkungen von Werten und die Bekräftigung von Pflichten in unsere Überlegungen ein.

Im Einzelnen zeigen wir, dass das Vertrauen und die Verantwortung zwei grundlegende Werte darstellen, die mit dem unternehmerischen Entscheiden in einer moralisch geprägten Wirtschaft untrennbar gekoppelt sind. Sie stellen Grundpfeiler aller wirtschaftlichen Handlungen dar und bringen nicht nur allen wirtschaftlichen Akteuren sowohl kurz- als auch langfristig deutliche Vorteile, sondern sie stiften auch der ganzen Gesellschaft großen Nutzen.

Als Instrumente der praktischen Durchsetzung unternehmensethischer Normen beschreiben wir Ethikkodexe, die auch bei globalisierten Wirtschaftsprozessen alle eingebundenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Kulturen einem Minimum an gemeinsamen ethischen Normen, einem Weltwirtschaftsethos, verpflichten. Ethikkodexe bewirken somit eine Kopplung des unternehmerischen Entscheidens mit ethischen Normen. Dies zeigt sich praktisch im Trend, dass zeitgemäße Ethikkodexe zunehmend ihren Ausdruck in Erklärungen weltweit agierender, großer und mittlerer Unternehmen zur Corporate Governance und zur Corporate Compliance finden.

Abschließend können wir sagen, dass unternehmerische Entscheidungen ethisch fundiert sind, wenn sie unter ethischen Bedingungen moralisch richtig sind. Je nach Zahl und Gewicht der herangezogenen Bedingungen betrachten wir unternehmerische Entscheidungen bei einer großen Zahl der Bedingungen als ethisch stark fundiert (ethisch perfekt) oder bei einer kleinen Zahl der Bedingungen als ethisch schwach fundiert (ethisch defekt). Es ist fast überflüssig zu betonen, dass wir aus der Sicht der Unternehmensethik von der Wirtschaft der Zukunft ethisch perfekte Entscheidungen sowie weltweit ein ethisch perfektes Weltwirtschaftsethos erwarten. Dieser Idee der ethischen Fundierung wirtschaftlicher Entscheidungen müssen sich Unternehmen, Wirtschaftsverbände und Gesetzgeber global verpflichtet fühlen.

Literatur:

Bayer AG (Hrsg.) (2008): Corporate Compliance. Policy. Deutsche Ausgabe. Leverkusen.

Göbel, E. (2010): Unternehmensethik. Grundlagen und praktische Umsetzung. 2. Aufl., Stuttgart.

Kant, I. (1960): Werke in zehn Bänden. Bd. 6, hrsg. v. W. Weischedel, Darmstadt.

Koslowski, P. (2009): Wirtschafts- und Unternehmensethik. In: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. Bd. 1: Grundfragen, hrsg. v. F. X. Bea und M. Schweitzer, 10. Aufl., Stuttgart, S. 438-483.

Kossbiel, H. (2006): Personalwirtschaft. In: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. Bd. 3: Leistungsprozess, hrsg. v. F. X. Bea und M. Schweitzer, 9. Aufl., Stuttgart, S. 517-617.

Küpper, H.-U. (2006): Unternehmensethik. Hintergründe, Konzepte, Anwendungsbereiche. Stuttgart.

Pieper, A. (2007): Einführung in die Ethik. 6. Aufl., Tübingen und Basel.

Schweitzer, M. (2011): Plädoyer für eine modulare Strukturierung der Disziplin Unternehmensethik. In: Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2011, hrsg. v. G. Seicht, Wien 2011, S. 417-448.

Zäpfel, G. (2009): Managemententscheidungen bei schlecht strukturierten Handlungssituationen im Spannungsfeld zwischen ökonomischer Rationalität und moralischer Verantwortung – Möglichkeiten und Grenzen. In: Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensethik, hrsg. v. B. Feldbauer-Durstmüller und H. Pernsteiner, Wien, S. 333-368.

Anmerkungen:

1 Pieper (2007), S. 44 ff.

2 Pieper (2007), S. 44 ff.

3 Pieper (2007), S. 24.

4  Schweitzer (2011), S. 420.

5  Koslowski (2009), S. 453 ff.

6  Koslowski (2009), S. 453.

7 Koslowski (2009), S. 454.

8  Kossbiel (2006), S. 582 ff.

9  Pieper (2007), S. 41 und 46.

10 Pieper (2007), S. 204 ff.

11 Kant (1960), S. 140.

12 Pieper (2007), S. 228.

13 Zäpfel (2009), S. 353 ff.

14 Küpper (2006), S. 21 und 98 ff.

15 Schweitzer (2011), S. 434.

16  Göbel (2010), S. 311 ff.

17  Schweitzer (2011), S. 437.

18  Bayer AG (2008), S. 6 ff.

Autoren:

  • Prof. Dr. Marcell Schweitzer