Karl Marx: Leben, Werk und kritische Würdigung

Unlängst versuchte eine Studie zu ermitteln, welche Forscher, Manager und Denker das wirtschaftliche Handeln nachhaltig beeinflusst haben. Unter den Wirtschaftstheoretikern schnitt Karl Marx (Rang 5), weit vor Adam Smith (12), John Maynard Keynes (18), Milton Friedman (19) oder Joseph A. Schumpeter (30) am besten ab (vgl. Scholtissek, 2004, S. 178). Im Folgenden werden Marx´ Leben und Werk kurz skizziert. Abschließend erfolgt eine kritische Würdigung.

Leben

Karl Marx wurde vor 194 Jahren, am 5. Mai 1818, als Sohn des jüdischen Rechtsanwalts Hirschel (Heinrich) Marx in Trier an der Mosel geboren. Er wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Der Vater gehörte zu den Honoratioren der Stadt, die Familie beschäftigte Dienstpersonal; darüber hinaus besaß sie eigene Weinberge (vgl. Friedenthal, 1983, S. 17). Karl Marx studierte Jura und Philosophie in Bonn und Berlin. Was die eigenen Finanzen betraf, hatte Marx zeitlebens eine unglückliche Hand. So beklagte sich sein Vater bereits zu Karls Studentenzeit, dass sein „Gentleman-Sohn“ entgegen aller Vereinbarung fast 700 Taler im Jahr ausgebe, wohingegen selbst die Reichsten nicht mehr als 500 Taler bräuchten (vgl. Buchholz, 1990, S. 110). Zu den Geldsorgen bemerkt der Marx-Biograph Richard Friedenthal, dass Marx „immerzu und unweigerlich [erwartete], dass seine Lebensführung von anderen irgendwie finanziert wird … Er erwartet unaufhörlich die nächste Revolution, die ,mit einem Donnerschlag‘ alle Probleme lösen wird.“ (Friedenthal, 1983, S. 51) 1836 verlobte sich Marx mit seiner Jugendfreundin Jenny von Westphalen (1814 – 1881). Jenny war die Tochter des Regierungsrats Ludwig von Westphalen, der dem preußischen Beamtenadel angehörte. Baron von Westphalen war sehr kultiviert und gebildet; er brachte dem jungen Marx die Werke von Shakespeare, Homer und der Romantiker auf gemeinsamen Waldspaziergängen nahe. Ironischerweise war es gerade der aristokratische Baron, der Marx in den klassenlosen, utopischen Sozialismus einführte. Im Jahr 1841 promovierte Marx in Jena zu einem philosophischen Thema. Obwohl Marx´ Heimatuniversität in Berlin war, bevorzugte er das Promotionsverfahren in Jena (1841), da man dort die Doktorwürde auch ohne mündliches Examen – das in Berlin gefürchtet war – erlangen konnte. 1842 wurde Dr. Marx Redakteur und später Chefredakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“ in Köln. Die Zeitung war ein liberales Oppositionsblatt, das soziale Missstände schonungslos offenlegte (vgl. Starbatty, 1993, S. 80). Da es Marx immer wieder gelang, die preußische Zensur zu umgehen, wurde dem Blatt nach gut einem Jahr von der Regierung die Schließung angedroht. Unter staatlichem Druck quittierte Marx den Dienst und emigrierte im Oktober 1843 mit Jenny, die er kurz zuvor geheiratet hatte, nach Paris. Marx wollte hier ein neues politisches Journal herausgeben. Allerdings war die journalistische Tätigkeit in Paris nur kurz, weil die Zusammenarbeit mit dem Mitherausgeber Arnold Ruge nicht funktionierte. Elektrisiert von der sozialen Frage Frankreichs fand Marx in Paris alsbald einen Freund, den Deutschen Friedrich Engels. Beide Lebenswege sollten fortan eng miteinander verknüpft bleiben. Engels war Sohn eines wohlhabenden Textilfabrikanten aus Barmen, der auch in Manchester (England) produzierte. Im Gegensatz zu Marx hatte Engels das Elend der Arbeiterschaft dort mit eigenen Augen gesehen. Als Fabrikantensohn führte Engels eine Art Doppelleben: Einerseits arbeitete er tagsüber in der Firma seines Vaters und erhielt die Bezüge eines Kapitalisten. Andererseits setzte er sich bei Nacht mit Hegel und kommunistischer Lektüre auseinander. Für Marx war Engels nicht nur ein Freund, der seine philosophischen und polit-ökonomischen Ansichten teilte, sondern auch ein wichtiger Finanzier seiner Analysen. Das politische Hauptwerk der beiden war das Kommunistische Manifest (1848), eine Streitschrift, in der die Grundzüge der marxistischen Weltanschauung skizziert wurden. Das rund 30 Seiten umfassende Konvolut schließt mit dem berühmten Satz: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ Nach Umwegen über Brüssel verbrachte Marx seinen Lebensabend in London. Im Britischen Museum – der damals wohl weltbesten Bibliothek – studierte er akribisch die klassischen Ökonomen, insbesondere David Ricardo (1772 – 1823) und bereitete sein ökonomisches Hauptwerk „Das Kapital“ vor. Der erste Band erschien 1867. Die Bände zwei und drei wurden erst nach Marx´ Tod von Friedrich Engels 18 bzw. 27 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes herausgegeben. Für diese Verzögerung war sicher auch Marx´ Handschrift verantwortlich, die mit „unleserlich“ sehr freundlich beschrieben ist. Gesundheitlich angeschlagen, entschlief Marx am 14. März 1883 in seiner Londoner Wohnung sanft in einem Lehnstuhl.

Die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus ist nach Marx das aufgelöste Rätsel der Geschichte.

Heft 2_2012 Historische Gesellschaftsform

Werk

Vor geschichtlichem Hintergrund unternimmt Marx den Versuch, das sozio-ökonomische Bewegungsgesetz in Wirtschaft und Gesellschaft zu enthüllen. Als Instrument dient ihm dabei die Philosophie der „Dialektik“ von Friedrich Hegel (1770 – 1831). Dialektik ist eine Methode der Erkenntnisgewinnung, bei der Gegensätze und deren Überwindung im Mittelpunkt stehen. Konkret wird einem Satz (These) ein Gegensatz (Antithese) entgegengestellt. Die Problemlösung ergibt sich im Ausgleich beider (Synthese). Die Synthese soll den Widerspruch auflösen und das Wahre vom Falschen trennen. Nach Marx´ Auffassung ist die Menschheitsgeschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen, wobei die besitzenden Klassen – ihnen gehören die Produktionsmittel – die besitzlosen ausbeuten. Jede Gesellschaftsform entwickelt sich nach Marx aus den Gegensätzen der ihr vorangegangenen. Dabei bleibt eine Gesellschaftsform so lange bestehen, bis sie das ökonomisch Mögliche erreicht hat. Höhere Produktionsverhältnisse – gemeint sind insbesondere die Eigentums-, Rechts- und Herrschaftsverhältnisse, die den Zugang zu den Produktionsmitteln und zu dem naturwissenschaftlich-technologischen Wissen regeln – erfordern einen gesellschaftlichen Übergang (vgl. Tab.). Nicht zuletzt weil bestimmte Produktionsverhältnisse den technischen Fortschritt behindern, müssen Umstürze diese Verhältnisse ändern. Das Gesetz, nach dem die Geschichte unaufhaltsam voranschreitet, wird – so Marx – das Privateigentum früher oder später aufheben und damit die gesellschaftlichen Gegensätze und den Klassenkampf für immer beenden. Die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus ist nach Marx das aufgelöste Rätsel der Geschichte.

Neben dieser geschichtsphilosophischen Spekulation hat Marx einen Beitrag zur Konjunkturtheorie (besser: Krisentheorie) geleistet. Dogmenhistorisch gehört sein Ansatz zu den älteren Konjunkturtheorien und dort wiederum in die Gruppe der Überinvestitions- bzw. Unterkonsumtionstheorien (vgl. Müller, 2008, S. 238 ff.). Sie gehen im Kern davon aus, dass im wirtschaftlichen Aufschwung mehr Produktionskapazitäten geschaffen werden, als die spätere Konsumnachfrage tatsächlich erfordert. „Konjunkturmotor“ ist ein Missverhältnis zwischen dem Investitions- und dem Konsumgütersektor, das durch überzogene Kapazitätserweiterungen seitens der Kapitalisten entsteht. Hintergrund der Marx´schen Lehre sind zwei Beobachtungen in der Frühphase der Industrialisierung: Erstens das Leben der Arbeitnehmer am Existenzminimum (Ehernes Lohngesetz) und zweitens die hohe Zahl Arbeitsloser (vgl. Müller, 2008, S. 238). Bei der Erklärung dieser Phänomene sind die Begriffe „Wert“ und „Mehrwert“ zentral. Der klassischen Arbeitswertlehre folgend, beruht der Wert einer Ware auf der in ihr enthaltenen Menge an Arbeit. Einen Mehrwert hingegen kann sich der Kapitalist (Unternehmer) aneignen, wenn er für die Produkte am Markt mehr erzielt, als er seinen Arbeitern zum Erhalt ihrer Existenz bezahlt. Der Konkurrenzdruck zwingt den Kapitalisten zum Einsatz modernster Maschinen sowie zu Rationalisierungsmaßnahmen. Die Folge aus diesem Wettbewerbsprozess lässt sich anhand einer Formel verdeutlichen (vgl. Marx 1989, S. 59 ff.):

Heft 2_2012 Formel

Dabei bezeichnet p´ die Profitrate, m den Mehrwert und C das Gesamtkapital. Das Gesamtkapital C teilt sich in das konstante Kapital c (Produktionsmittel) sowie in das variable Kapital v (Lohnsumme). Das Verhältnis von ist die Mehrwertrate und ist die Kapitalintensität. Da der Wettbewerb auf dem Gütermarkt einen verstärkten Maschineneinsatz erzwingt, steigt die Kapitalintensität im Zeitverlauf. Gemäß obiger Gleichung führt dies bei gegebener Mehrwertrate zu einer sinkenden Profitrate. Aufgrund zunehmenden Wettbewerbsdrucks steigt der Akkumulationszwang. Die stete Kapitalakkumulation ist mit merklichen Kapazitätserweiterungseffekten verbunden, die in der Betriebswirtschaftslehre „Lohmann-Ruchti-Effekt“ und in der Volkswirtschaftslehre „Marx-Engels-Effekt“ genannt werden (vgl. Schierenbeck, 2003, S. 454). Im Resultat sinkt die gesamtwirtschaftliche Profitrate weiter. Um die Erosion der Profite zu verlangsamen, versuchen die Unternehmen die Lohnkosten zu senken. Dabei lösen Rationalisierungsprozesse die Tätigkeit des Arbeiters in einfache Handgriffe auf, die auch von ungelernten Arbeitern, Frauen und Kindern ausgeführt werden können. Durch Lohnsenkungen und Entlassungen kommt es mehr und mehr zur Verelendung der Arbeiterschaft (Verelendungstheorie). Steigende Arbeitslosigkeit lässt eine industrielle Reservearmee entstehen. Auf dem Gütermarkt führt der Rückgang der Massenkaufkraft zu Nachfrageausfällen. Auf der Angebotsseite kommt es zu zunehmender Unternehmenskonzentration bei gleichzeitigen Unternehmenszusammenbrüchen. Die Reinigungskrise überleben nur starke Firmen. Es kann durchaus sein, dass die Renditen starker Unternehmen im Aufschwung wieder steigen, doch dann geht das „Spiel“ von Konkurrenzdruck, Akkumulation, Entlassungen und zunehmender Unternehmenskonzentration in die nächste Runde; sie schließt mit weiteren Unternehmenszusammenbrüchen und einer noch schärferen Krise. Aufgrund der immer größer werdenden Diskrepanz zwischen dem Güterangebot und der Güternachfrage werden die Aufschwünge immer kürzer und die Krisen immer schlimmer. Das zunehmende Massenelend wird schließlich unerträglich. Die Proletarier sind nicht mehr bereit, die ständige Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage hinzunehmen und initiieren einen Umsturz zu einem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Durch Revolution soll das kapitalistische Vehikel der Ausbeutung, nämlich das Privateigentum an Produktionsmitteln, abgeschafft und die Betriebe verstaatlicht werden.

Kritische Würdigung

Marx´ Werk wurde in philosophischer, ökonomischer und empirischer Hinsicht kritisiert. Hier nur einige Aspekte. Insbesondere vom Wissenschaftstheoretiker Karl Raimund Popper (1902 – 1994) wurde der Historizismus-Vorwurf erhoben. Anknüpfungspunkt ist, dass entsprechend Marx´scher Diktion die Menschheitsgeschichte nach erkennbaren Gesetzen abläuft: Kapitalismus – Revolution – Sozialismus – Kommunismus. Der Verlauf der Geschichte sei aber nicht vom Willen der Menschen unabhängig, sondern würde vielmehr durch das künftige Wissen und Handeln stark beeinflusst. Kein Wissenschaftler könne aber bereits heute sagen, was er erst morgen weiß (vgl. Koesters, 1982, S. 75.). Deshalb sei der Verlauf der Geschichte nicht prognostizierbar. Vor diesem Hintergrund wird erklärlich, dass Popper die Bezeichnung „wissenschaftlicher“ Sozialismus ablehnt.

Ferner kam es zum „Sozialismus-Streit“. Er wurde insbesondere zwischen den „New Austrians“ Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) und Ludwig von Mises (1881 – 1973) einerseits sowie Karl Marx und Friedrich Engels andererseits ausgetragen (vgl. Starbatty. 1993, S. 82). Die liberalen Österreicher bemängelten, dass nach dem Verschwinden des Marktes im Zuge der proletarischen Revolution kein funktionsfähiger Mechanismus mehr da sei, der für die Wirtschaftlicheit in Produktion und Konsum sorgen könnte. Es fehle also die Knappheitsinformation, die für eine vernünftige Ressourcenallokation notwendig ist. Dass zentrale Planungsinstanzen dieses Informationsproblem zufriedenstellend lösen könnten, wurde (und wird) von bürgerlichen Ökonomen für unmöglich gehalten.

Was die Empirie anbelangt, ist die im politischen Frühwerk von Marx vorhergesagte Verelendung der Arbeiter nicht eingetreten. Arbeitnehmer sind heute nicht besitzlos, sondern verfügen grundsätzlich über verschiedene Produktionsfaktoren, wobei der Faktor Wissen (besser: Humankapital) eine immer größere Rolle spielt. Allerdings ist einzuräumen, dass die Lage der Arbeitnehmer durch sozialstaatliche Errungenschaften – zu deren Entstehen die Marx´sche Analyse beitrug –, komfortabler wurde. Schließlich scheint die weltweite Erosion des Sozialismus/Kommunismus – Stichworte: Gemeinschaft Unabhängiger Staaten GUS oder Volksrepublik China – die Überlegenheit marktwirtschaftlicher Systeme zu demonstrieren.

Auch wenn viele Wirtschaftswissenschaftler in Karl Marx ein „Enfant terrible“ der Ökonomie sehen, so gilt doch der Satz von Ludwig Börne (1786 – 1837): „Der Umstand, dass wir Feinde haben, beweist klar genug, dass wir Verdienste besitzen.“ Dem würde sicherlich auch Joseph A. Schumpeter beipflichten. Er hielt Karl Marx für ein „Genie“ und einen „hervorragenden Gelehrten, der jeder Sache auf den Grund ging“ (Koesters, 1982, S. 74).

 

Durch Revolution soll das kapitalistische Vehikel der Ausbeutung, nämlich das Privateigentum an Produktionsmitteln, abgeschafft und die Betriebe verstaatlicht werden.

Literatur:

Buchholz, T. G.: New Ideas from dead Economists, New York, 1990, S. 108 – 140.

Friedenthal, R.: Karl Marx – Sein Leben und seine Zeit, München, 1983.

Koesters, P.-H.: Ökonomen verändern die Welt – Wirtschaftstheorien, die unser Leben bestimmen, Hamburg, 1982, S. 66 – 103.

Marx, K.: Das Kapital, 3 Bde., Berlin, 1989 (Originale: 1. Bd. 1867, 2. Bd. 1885, 3. Bd. 1894).

Müller, R.: Konjunktur und Wachstum, in: G. Blümle, H.-H. Francke (Hg.), VWA Kompendium, Band 1: Volkswirtschaftslehre, 3. Auflage, Freiburg i. Br., 2008, S. 221 – 278.

Schierenbeck, H.: Grundzüge der Betriebswirtschaftslehre, 16. Auflage, München, Wien, 2003, S. 454f.

Scholtissek, St.: Keine Angst vor Gurus, in: Harvard Business manager, Oktober 2004, S. 174 – 180.

Starbatty, J.: Karl Marx – Weltgeschichte mit Heilsplan, in: Th. Sommer (Hg.), Zeit der Ökonomen – Eine kritische Bilanz volkswirtschaftlichen Denkens, Hamburg, 1993, S. 80 – 82.

Autoren:

  • Dipl.-Volkswirt Klaus J. von der Horst (Buchenbach)