Kirgisische Republik nutzt europäische Erfahrungen

PPP in Kirgistang_2_2014

1. Investitionen als Schlüssel für die wirtschaftliche Entwicklung

Eine funktionierende staatliche Infrastruktur ist eine wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Überall dort, wo nicht zumindest ein gewisses Mindestmaß an Bildung, Gesundheit, Verkehrswesen, Recht und Ordnung, Sicherheit, Energieversorgung usw. gewährleistet werden kann, ist eine wirtschaftliche Entwicklung – hier allgemein verstanden als Verbesserung der individuellen und kollektiven Güterbedarfsdeckung (in Anlehnung an Kosiol [Aktionszentrum] 19 ff.) – allenfalls eingeschränkt möglich.

Freilich müssen daneben auch weitere Rahmenbedingungen erfüllt sein, wie z. B. ein stabiles politisches Umfeld, ein leistungsfähiges Rechts- und Bildungssystem und eine leistungsfähige öffentliche Verwaltung (vgl. z. B. Knorr [Globalisierung] 78).

Dass (zweckmäßige) Investitionen für die wirtschaftliche Entwicklung von zentraler Bedeutung sind, ist unbestritten. Vor allem in Entwicklungsländern scheitern sinnvolle Investitionsprojekte jedoch immer wieder an der fehlenden Finanzierung. Die Entwicklungshilfe anderer Staaten kann dieses Problem nicht zufriedenstellend lösen und sieht sich teilweise erheblicher Kritik ausgesetzt (vgl. dazu Langerbein [Entwicklungspolitik] 64 ff.). Alternative Finanzierungskonzepte, zu denen auch Modelle der Public-Private-Partnership gehören, gewinnen daher an Bedeutung. Die Idee scheint überzeugend: Entwicklungsländer finanzieren gemeinsam mit privaten Partnern notwendige öffentliche Investitionen. Externe staatliche Transferzahlungen, so die Idealvorstellung, werden dann nicht mehr benötigt.

2. Rahmenbedingungen für Public-Private-Partnership in der Kirgisischen Republik

2.1 Kirgistan: ein Land im Investitionsstau

Die Kirgisische Republik hat etwa 5,5 Mio. Einwohner bei einer Fläche von ca. 200.000 km2. Nachbarstaaten sind Kasachstan, China, Tadschikistan und Usbekistan. Seit 2010 ist Kirgistan eine parlamentarische Republik. Insgesamt ist die wirtschaftliche Situation eher schwierig: 37 % der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze (vgl. Auswärtiges Amt [Wirtschaftspolitik]). Das Land ist nur wenig industrialisiert. Bemerkenswert sind aber vor allem die großen Goldvorkommen und die großen Wasservorräte des Landes. Landwirtschaft und Bergbau machen einen erheblichen Anteil des Bruttoinlandsprodukts aus. Dienstleistungen bilden den größten Anteil daran. Kirgistan belegt im Korruptionsindex von Transparency International mit Rang 154 von 176 einen hinteren (vgl. Transparancy International [Corruption] 2), im Bildungsranking von PISA bei der Lesekompetenz sogar den letzten Platz (vgl. OECD [PISA] 8).

Die Finanzierung von Investitionen fällt dem kirgisischen Staat schwer. In den Jahren 2010 und 2011 erwirtschaftete der Staat ein Budgetdefizit; für die kommenden Jahre wird ebenfalls ein negativer Budgetsaldo prognostiziert (vgl. auch im Weiteren WKO [Länderreport] 1). Die Geldbeschaffung über Kredite ist für Kirgistan keine recherchierbare Alternative. Für Darlehen lag der durchschnittliche Zinssatz 2011 bei 40,2 %. Seit 2010 wird Kirgistan von den großen Ratingagenturen nicht mehr geratet, davor wurde es mit „extrem spekulativ“ bewertet (vgl. Euler Hermes [Länder-Ratings]).

Aufgrund der historischen Verbindungen zu Russland und der heute immer noch bestehenden intensiven Handelsbeziehungen wurden viele Investitionen in die Infrastruktur ganz oder zum Teil von russischen Unternehmungen finanziert, z. B. über Joint Ventures. Hinter solchen Investoren steht bisweilen unmittelbar oder mittelbar der russische Staat (vgl. AHK [News]).1

Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass Kirgistan als Gegenleistung für die Finanzierung wichtiger öffentlicher Infrastrukturinvestitionen sein Ressourcenpotenzial an Russland verkauft. Durch den Verlust an Eigentum gerät Kirgistan auch in eine politische Abhängigkeit von Russland. Es werden daher Wege gesucht, wie die Finanzierung von öffentlichen Investitionsprojekten gesichert werden kann, ohne dass dabei Kirgistan langfristig an Einfluss über seine Ressourcen verliert.

2.2 Arten der Public-Private-Partnership

Public-Private-Partnership (oder auch öffentlichprivate Partnerschaft) ist ein Sammelbegriff für vielfältige Kooperationsformen zwischen öffentlicher Hand und privater Unternehmung zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben. Man kann die zahlreichen Modelle zum einen danach unterscheiden, ob bei Primärleistungsoder Sekundärleistungsprozessen kooperiert wird. Sekundärleistungen sind nur für verwaltungsinterne Empfänger bestimmt, während Primärleistungen direkt an Bürger abgegeben werden. Zum anderen kann man danach unterscheiden, in welchen betrieblichen Aufgaben kooperiert wird. Die Kooperationsformen können sich ferner ausschließlich auf die betrieblichen Güterfunktionen2 beziehen oder zusätzlich auch Führungsfunktionen umfassen (vgl. zu einer Übersicht weiterer Formen der PPP z. B. Brechtel [PPP] 21 ff.).

kirgistan1

Für die skizzierten Probleme der Kirgisischen Republik bei der Finanzierung öffentlicher Investitionsprojekte scheint ein Konzessionsmodell ein möglicher Lösungsansatz zu sein. Konzessionen werden typischerweise von Gemeinden im Bereich der Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung vergeben. Auch für Großprojekte ist eine Konzessionsvergabe nichts Ungewöhnliches. Ein bekanntes europäisches Beispiel für die Konzessionsvergabe bei Großprojekten ist der Eurotunnel (Foto l.).

In einem Konzessionsvertrag erhält der Konzessionär für die Vertragslaufzeit bestimmte Rechte zugesichert, z. B. das Recht, eine öffentliche Infrastruktureinrichtung zu bauen und zu betreiben. Die Überschüsse aus Gebühren der Endverbraucher oder Nutzer stehen ganz oder teilweise dem Konzessionär zu. Als Gegenleistung bezahlt er dem Konzessionsgeber eine vereinbarte Konzessionsabgabe. Die Konzession kann nach Ablauf der Vertragslaufzeit wieder neu vergeben werden, dies auch an andere Unternehmungen. Konzessionsgeber ist der Staat oder die Kommune; Konzessionär können eine private Unternehmung oder ein Zusammenschluss mehrerer Unternehmungen sein.

Allein die Tatsache, dass eine Konzession vergeben wird, sagt noch nichts über den Grad der Kooperation und die Eigentumsverhältnisse der öffentlichprivaten Partner aus. Gründen beispielsweise die beiden Partner eine gemeinsame Kooperationsgesellschaft, die das Eigentum am Infrastrukturprojekt innehat und Konzessionärin wird, müssen die Partner immer auch aushandeln, wer welchen Gesellschaftsanteil und wer welche Aufgaben übernimmt (vgl. zu gemischtwirtschaftlichen Unternehmen Haesler [HWÖ] 479 ff.).

3. Konzession als Finanzierungsinstrument für öffentliche Investitionsprojekte – betriebswirtschaftlich betrachtet

3.1 Gestaltung einer Konzession im Konflikt widerstrebender Interessen

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Interessen von Konzessionsgeber und Konzessionär zumindest teilweise unterschiedlich sind. Vielleicht stehen auf staatlicher Seite eher Ziele des Gemeinwohls im Vordergrund, während beim Konzessionär eher finanzielle Ziele verfolgt werden. Für eine erfolgreiche öffentlich- private Partnerschaft müssen die unterschiedlichen Zielvorstellungen nicht deckungsgleich sein, aber eine genügend große Schnittmenge bieten. Ein Vertrag wird nicht zustande kommen, wenn das Investitionsprojekt nicht für beide Partner attraktiv ist. Oft genügt es schon, wenn beide Projektpartner mindestens eines ihrer Ziele mit der Investition erreichen.

Auch wenn der Staat nicht in erster Linie finanzielle Ziele mit einem öffentlichen Infrastrukturprojekt verfolgt, ist es auch für ihn wichtig, die finanziellen Zielwirkungen genauer zu untersuchen. Man kann nicht davon ausgehen, dass eine selbstständige Unternehmung einen Konzessionsvertrag unterschreibt, wenn er für sie finanziell nachteilig ist. Wichtige Verhandlungspunkte dürften daher zwischen den Vertragspartnern zum einen die Laufzeit des Konzessionsvertrages und zum anderen die Höhe der Konzessionsabgabe sein.

3.2 Isolierte Laufzeitentscheidung bei finanzieller Zielsetzung

Die finanzielle Vorteilhaftigkeit einer Investition hängt oft auch von der Laufzeit des Investitionsprojektes
ab. Oft handelt es sich um eine eigenständige Entscheidung, die vorab zu treffen ist (vgl. Troßmann [Investition] 377). Genau genommen ist eine isolierte Laufzeitentscheidung ein Sonderfall, der sich immer dann ergibt, wenn die Höhe der Konzessionsabgabe nicht (mehr) zur Disposition steht. Das wäre z. B. dann der Fall, wenn die Konzessionsabgabe gesetzlich vorgegeben ist oder aufgrund der Marktlage ein ggf. gesetzlich festgelegter Höchstsatz verlangt werden kann und vom Konzessionär akzeptiert wird.

Bei Konzessionen gibt es oft gesetzliche Vorschriften, die eine Obergrenze für die Laufzeitentscheidung bilden. So begrenzt § 46 Abs. 2 des Energiewirtschaftsgesetzes die Laufzeit eines Konzessionsvertrages für die Nutzung öffentlicher Verkehrswege sowie für die Verlegung und den Betrieb für Energieversorgungsleitungen des örtlichen Verteilnetzes auf 20 Jahre. Es steht dem Konzessionsgeber jedoch frei, auch kürzere Laufzeiten festzulegen. Tatsächlich wird die Laufzeit des Konzessionsvertrages Ergebnis einer Verhandlung mit dem Konzessionär sein.

Eine Laufzeitentscheidung kann mit der Kapitalwertmethode getroffen werden (vgl. auch im Weiteren Troßmann [Investition] 377 ff.). Man berechnet im einfachsten Fall für verschieden lange Laufzeiten den Kapitalwert. Diejenige Laufzeit ist für die Investition finanziell optimal, die den höchsten Kapitalwert ausweist. Es ist dabei keinesfalls davon auszugehen, dass ein Kapitalwert mit zunehmender Laufzeit zwingend steigen muss. Denkt man an das Beispiel der Konzessionsvergabe bei Energienetzen, könnte es durchaus sein, dass ab einer bestimmten Laufzeit größere Sanierungs- und Reparaturarbeiten notwendig werden. Dazu kommt, dass mit zunehmender Laufzeit typischerweise die möglichen Liquidationserlöse abnehmen. Für die Verhandlungsführer ist es wichtig, den Verhandlungsspielraum bei der Laufzeitentscheidung zu kennen. Jeder Verhandlungspartner hat seine eigene Investitionsrechnung.

kirgistan2

Beim Konzessionär entstehen Anfangsausgaben für den Bau und die Inbetriebnahme der Infrastruktureinrichtung sowie Ausgaben beispielsweise für Betrieb, Unterhaltung, Reparatur, Versicherung und eben die Konzessionsabgabe. Einnahmen werden durch Nutzungsentgelte erzielt, z. B. für die Nutzung der Stromleitung. Die Einnahmen variieren typischerweise mit der abgenommenen Leistungsmenge. Eventuell fallen am Ende der Laufzeit Liquidationserlöse an, z. B. wenn das örtliche Stromnetz von der Gemeinde übernommen wird.

Es sind unterschiedliche Entwicklungen des Kapitalwertes denkbar. Im einfachsten Fall wird der Kapitalwert ab einer bestimmten Laufzeit Tku positiv und wird bis zur gesetzlich festgesetzten Obergrenze Tko nicht mehr negativ. Dann ergibt sich als Verhandlungsspielraum ein zusammenhängendes Intervall mit IPrivat = [Tku, Tko] symbolisiert. Daneben wäre aber auch denkbar, dass der Kapitalwert in einer späteren Periode, z. B. durch teure Sanierungsmaßnahmen, wieder negativ und ggf. danach wieder positiv wird. Dadurch ergibt sich dann eine Anzahl n von (kürzeren) Laufzeitintervallen, die für den Konzessionär finanziell vorteilhaft sind.

Aus Sicht des Konzessionsgebers stellt sich das Entscheidungsproblem etwas anders dar. Ausgaben entstehen bei der Vergabe einer Konzession, konstante Einnahmen entstehen während der Laufzeit durch die Konzessionsabgaben. Betrachtet man nur die anstehende (erste) Konzessionsvergabe, hätte der Konzessionsgeber aus rein finanziellen Überlegungen heraus ein Interesse an einer möglichst langen Laufzeit des Konzessionsvertrages. Nach einer Mindestlaufzeit Tsu wird der Kapitalwert (hoffentlich) positiv und steigt kontinuierlich mit zunehmender Laufzeit an. Als Verhandlungsspielraum für den Konzessionsgeber ergibt sich so ein zusammenhängendes, mit IStaat = [Tsu, Tso] symbolisiertes Laufzeitintervall. Die Schnittmenge der für den Konzessionär und den Konzessionsgeber finanziell vorteilhaften Laufzeitintervalle ergibt den gemeinsamen Verhandlungsspielraum für die Laufzeitentscheidung. Abb. 1 zeigt die Ermittlung des gemeinsamen Verhandlungsspielraumes bei der Laufzeitentscheidung.

kirgistan4

Komplizierter werden die Überlegungen dann, wenn man davon ausgeht, dass der Konzessionsgeber nach Ende der Laufzeit die Folgekonzession zu besseren Konditionen vergeben kann. In diesem Fall müssten auch die Folgeprojekte berücksichtigt werden, z. B. in je einer unendlichen identischen Investitionskette (vgl. dazu ausführlich Troßmann [Investition] 382 ff.). Daneben muss auch sichergestellt werden, z. B. durch Vereinbarung im Konzessionsvertrag, dass die Investitionen in den Erhalt der Infrastruktureinrichtung vom Konzessionär tatsächlich geleistet werden. Andernfalls könnte der Anreiz bestehen, auf eine Instandhaltung zu Gunsten des finanziell besseren Ergebnisses zu verzichten.

3.3 Spielräume bei der Festlegung der Konzessionsabgabe

Die Höhe der Konzessionsabgabe ist für beide Partner von Bedeutung. Eine hohe Konzessionsabgabe verbessert die finanzielle Vorteilhaftigkeit des Investitionsprojekts für den Konzessionsgeber zu Lasten des Konzessionärs und umgekehrt. In Deutschland ist die Höhe der Konzessionsabgabe gesetzlich oft begrenzt. Beispielsweise gilt für Strom und Gas ein bestimmter Höchstsatz je Kilowattstunde (vgl. § 2 KAV), der z. B. von der Einwohnerzahl abhängt. Bei der Konzessionsvergabe im Bereich Strom und Gas werden derzeit in Deutschland aufgrund der für Konzessionsgeber günstigen Marktlage oft die gesetzlich zulässigen Höchstsätze vereinbart (vgl. u. a. Energis [Konzessionsabgaben]).

Prinzipiell muss die Höhe der Konzessionsabgabe ausgehandelt werden. Das Kriterium für die Bestimmung des Verhandlungsintervalls ist hier ebenfalls der Kapitalwert. Die Untergrenze befindet sich dort, wo der Kapitalwert für den Konzessionsgeber bei gegebener Laufzeit mindestens null ist. Die Obergrenze – sofern sie nicht gesetzlich geregelt ist – liegt dort, wo der Kapitalwert des Konzessionärs gleich null ist. Da der Kapitalwert generell in Verhandlungen eine vergleichsweise schwierig zu interpretierende Größe ist, könnte man stattdessen auch eine Annuität verwenden (vgl. Troßmann [Investition] 39 ff.). Eine Annuität führt bei korrekter Anwendung entscheidungslogisch zu identischen Ergebnissen wie der Kapitalwert. Ihr Vorteil ist jedoch die leichtere Interpretierbarkeit. Statt den Projektüberschuss auf den Beginn der Investitionslaufzeit umzurechnen, werden bei der Annuität die Überschüsse gleichmäßig auf die einzelnen Perioden verteilt. Dabei wird die Verzinsung der Überschüsse finanzmathematisch korrekt berücksichtigt. Jährliche Überschüsse, genauer Überschussannuitäten, zeigen dem Konzessionsgeber und dem Konzessionär schnell das Verhandlungsergebnis und verbleibende Verhandlungsspielräume.

4. Potenziale der Finanzierung von kirgisischen Wasserkraftwerken durch Konzessionsvergabe

4.1 Bedeutung der Wasserkraft für die wirtschaftliche Entwicklung der Kirgisischen Republik

Eine für Zentralasien bemerkenswerte Besonderheit von Kirgistan ist sein großes Wasservorkommen. Als einziges Land dieser Region benötigt es keine Wasserimporte (vgl. auch im Weiteren Denis/ Kirsanov [Water]). Es gibt elf größere Flüsse, wobei der Naryn der wasserreichste Fluss ist. Er ist 807 km lang und weist pro Sekunde durchschnittlich eine Abflussmenge von 434 m3 auf. Der Wasserreichtum der Kirgisischen Republik führt seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion regelmäßig zu Konflikten mit den Nachbarländern (vgl. auch im Weiteren Karaev [Wasser] 44). Beispielsweise verbraucht Usbekistan, das flussabwärts gelegen und auf die Wasserversorgung aus Kirgistan angewiesen ist, die Hälfte des Wassers der ganzen Region für den Anbau von Baumwolle. Im Gegenzug ist Kirgistan auf Kohle- und Gaslieferungen aus Usbekistan angewiesen.

Strom wird zu etwa 90 % durch Wasserkraft gewonnen (vgl. Saaduev [Wasserkraft] 33; GTAI [Wasserkraftwerke]). Das größte Wasserkraftwerk am Toktogul-Stausee (Foto S. 35) produziert jährlich ca. 4.100 GWh Strom. Allerdings reicht die produzierte Strommenge nicht annähernd aus, um den Energiebedarf zu decken. So gab es z. B. 2008 täglich acht bis zwölf Stunden Stromabschaltungen. Die Wassermenge im Toktogul-Stausee und damit auch das Produktionspotenzial von Strom hat sich von 2005 bis 2008 um zwei Drittel reduziert. Die Ursachen sind wohl vor allem ein schlechtes Wassermanagement, Korruption, der illegale Verkauf von Strom und die illegale Ableitung von Wasser in die Nachbarländer (vgl. Bischkek [Dauerkrise] 3 ff.).

Eine positive wirtschaftliche Entwicklung ist bei einer derart großen Unterversorgung mit Energie kaum möglich. Nach Angaben der kirgisischen Regierung werden nur 8 – 9,5 % des Wasserpotenzials tatsächlich zur Energiegewinnung genutzt. Um dieses Problem zu lösen, wurde eine Energiestrategie entwickelt, die insbesondere den Bau neuer Kraftwerke vorsieht (vgl. Energo [Strategie]; GTAI [Wasserkraftwerke]). Daneben soll durch verschiedene Maßnahmen das Vertrauen potenzieller Investoren wiederhergestellt werden. Wenn es nicht gelingt, auch die anderen skizzierten Probleme zu lösen – insbesondere die Konflikte mit dem Nachbarn Usbekistan –, ist es freilich fraglich, ob die Strategie zu einer langfristig positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Kirgistan führen wird.

4.2 Finanzbedarf für neue Wasserkraftwerke

Zwischen 2013 und 2017 sollen in Kirgistan neue Wasserkraftanlagen gebaut werden (vgl. auch im Weiteren GTAI [Wasserkraftwerke]). Daneben bedarf es weiterer Investitionen in die Netzinfrastruktur sowie verschiedener Modernisierungsmaßnahmen und Reformen. Der prognostizierte Finanzbedarf beläuft sich in den fünf Jahren auf knapp 5 Mrd. USD. Fünf Wasserkraftwerke werden von Russland finanziert. Das größte ist das Wasserkraftwerk Kambarata-1, das 3,4 Mrd. USD kosten soll. Rund 600 Mio. USD sollen in die Netzinfrastruktur investiert werden und rund 130 Mio. USD in die Modernisierung des Energiesektors – dazu gehört z. B. die Einführung moderner Stromzähler – und dessen Reformierung.
Für kleinere Projekte sucht Kirgistan noch Investoren.

4.3 Voraussetzungen erfolgreicher Finanzierungen der Wasserkraftwerke durch Konzessionsvergabe

Um diesen Finanzierungsbedarf stemmen zu können, hat das Parlament ein Gesetz zur Public-Private-Partnership verabschiedet. Darin werden Zuständigkeiten bei Vorbereitung, Auswahl und Umsetzung von öffentlich-privaten Partnerschaften festgelegt. Ein neu gegründeter Rat für Wirtschaftsentwicklung und Investitionen (Business Developement and Investment Council) soll bei Investoren verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen (vgl. auch im Weiteren GTAI [Wirtschaftsentwicklung]. Für Investoren ist es vor allem von Bedeutung, welche finanziellen Vorteile eine öffentlich-private Partnerschaft mit sich bringt. Für den Konzessionsvertrag bedeutet dies, dass Laufzeit der Konzession und Höhe der Konzessionsabgabe für den Konzessionär zielgünstig festgelegt werden müssen. Unabdingbare Voraussetzung ist die Gewährleistung von Rechtssicherheit für Investoren. Aus Sicht der Kirgisischen Republik muss vor allem die Funktionsfähigkeit der Wasserkraftanlagen sichergestellt sein. Das heißt, der Vertrag sollte regeln, dass der Konzessionär zur Instandhaltung und regelmäßigen Modernisierung verpflichtet wird. Auch für die Kirgisische Republik sollte die Konzessionsvergabe finanziell nicht von Nachteil sein. Im Vordergrund steht aber hier die strategische Unabhängigkeit von externen Investoren auf lange Sicht, insbesondere der Eigentumserhalt an den natürlichen Ressourcen Kirgistans. Durch verschiedene gesellschaftsrechtliche Vereinbarungen kann sich der Konzessionsgeber einen entsprechenden Einfluss auf die Energieversorgung sichern. Der Einfluss hängt letztlich vom Grad der Kooperation und der Verhandlungsmacht der Beteiligten ab.

5. Ist Entwicklungspolitik lediglich eine Frage der Finanzierung?

Es klang an verschiedenen Stellen bereits an, dass eine funktionierende Entwicklungspolitik nicht allein dadurch erreicht wird, dass Investitionsprojekte erfolgreich finanziert werden. Das heißt nicht, dass sämtliche Finanzierungsprobleme einfach zu lösen wären. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Im Kern des Entscheidungsproblems geht es jedoch darum, das richtige Investitionsprojekt auszuwählen und dies dann auch richtig umzusetzen. „Richtig“ bedeutet dabei, zielentsprechend auszuwählen und die eigentliche öffentliche Aufgabe wirksam zu erfüllen. Lösungsansätze für die teilweise sehr komplexen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Probleme sind nicht leicht zu finden. Am Beispiel der Kirgisischen Republik kann man die Schwierigkeit einer solchen Aufgabe erahnen. Aber auch in Deutschland kennen wir dieses Problem, wie die heftigen Diskussionen um den Berliner Flughafen, Stuttgart 21 und die Hamburger Elbphilharmonie zeigen.

Anmerkungen:

1 Beispielsweise wird das Wasserkraftwerk Kambarata-1 über ein Joint Venture mit der russischen Inter RAO UES finanziert; größter Eigentümer mit knapp 20 % ist die FGC UES, die wiederum zu knapp 78 % dem russischen Staat gehört. Für den Bau neuer Wasserkraftwerke wurde direkt mit Russland eine Vereinbarung getroffen (vgl. GTAI [Wasserkraftwerke]).
2 Zu den Güterfunktionen gehören die Finanzierung als Nominalgüterprozess und die Produktion als Realgüterprozess (vgl. z. B. Troßmann [Controlling] 4 f.).

Literatur:

Autoren: