Migration nach und in Europa

Der aus Indien stammende US-amerikanische Sozialanthropologe Arjun Appadurai hat 2006 ein Buch mit dem Titel „Fear of Small Numbers“ veröffentlicht, das sich der Frage widmet, warum Leute in unseren Gesellschaften Angst vor Populationen letztlich geringer Zahl haben. Die Antwort verbirgt sich einem Bild der Überlistung: Man hat deshalb Angst vor Muslimen oder Juden oder Armeniern, weil sie im Augenblick zwar nicht die Mehrheit der Gesellschaft bilden. Aber sich Schritt für Schritt vermehren.

Mit anderen Worten: Die geringe Zahl wird als Vorbote einer großen Zahl angesehen. Die Befürchtung ist, dass die Migranten nur einen Fuß in die Tür kriegen wollen, um erst ihre Familienangehörigen und dann ihre Freunde und diese schließlich ihre Nachbarn nachzuholen.

Die Angst vor der geringen Zahl trifft in Europa auf eine insgesamt irritierende Zukunftserwartung. In zehn Jahren stellt die Bevölkerung Europas, wobei wir für den Moment offen lassen, wer alles dazu gerechnet wird, vielleicht noch 6 % der Weltbevölkerung dar. Dieser Tatbestand wirft die beängstigende Frage auf, wie die erste abendländische Welt in einer Welt vieler Welten in der Zukunft noch bestehen kann. Was wird von Europa bleiben? Der Rationalismus, die doppelte Buchführung, die innovative Wissenschaft oder ein entweltlichtes Christentum?

Aber nicht nur die Demografie macht den Leuten untergründig Angst. Wir stehen in der Tat heute am Ende einer vielleicht 150-jährigen Geschichte des wachsenden Abstandes zwischen den entwic-kelten und den unterentwickelten Ländern der Erde. Beginnend mit dem Doppelschlag der politischen Revolu-tion in Frankreich und der industriellen Revolution in England hat sich über diesen Zeitraum von Jahr zu Jahr der Abstand zwischen den europäisch do-minierten Gesellschaften und den nicht europäisch dominierten Gesellschaften vergrößert. Und zwar -merkbar für die Lebensrealität der Mehrheit der Bevölkerung. Der Lebensstandard in den OECD-Ländern ist immer besser geworden, nicht nur, was das persönliche Einkommen, sondern auch, was die öffentliche Infrastruktur unserer Gesellschaft betrifft. Wer kann sich eigentlich heute noch vorstellen, in einer Wohnung ohne Zentralheizung, ohne Bad, ohne Internetanschluss und ohne dichte Fenster zu leben? Dazu kommen öffentliche Badeanstalten, ein System von Stadttheatern und eine kontinuierliche Verbesserung der Luft- und Wasserqualität. Daran gemessen, ist die Kluft zwischen den OECD-Ländern und dem Rest der Welt immer tiefer geworden.

Doch diese Geschichte ist vorbei. Seit ungefähr zwanzig Jahren ist weltweit eine Umkehr der Wachstumsgeschwindigkeiten im Vergleich der entwickelten und der noch nicht so entwickelten Gesellschaften zu konstatieren. In bestimmten Teilen Chinas oder Indiens, in bestimmten Teilen Vietnams oder Nigerias liegt das jährliche Wirtschaftswachstums bei 6 bis 8 %, und wir in Deutschland oder Frankreich sind sehr zufrieden, wenn wir auf 1,5 oder 2 % kommen. Noch vor 20 Jahren lebte man in Deutschland oder Frankreich zwanzigmal besser als in Indien oder China, heute geht es uns nur noch zehn Mal besser.

Diese Tatsachen sind mittlerweile ein weltgesellschaftliches Gemeingut. Die Menschen in den ent-wickelten Ländern ahnen, dass sie auf dem absteigenden und die in den unterentwickelten Ländern, dass sie auf dem aufsteigenden Ast sind. Das ist vielleicht kein klarer, durch exakte Wissenschaft bestätigter Umstand, aber das untergründige Gefühl sagt einem doch, dass wir in den OECD-Ländern in einer vergehenden und dass die Menschen in den anderen Teilen der Welt in einer kommenden Zeit leben.

Migration ist ein Wohlstandsphänomen. Die findet nämlich nur statt, wenn es den Menschen in ihren Herkunftsländern besser geht. Damit steigen die Aspirationen und auch die Möglichkeiten, sich das nötige Geld für das Abenteuer der Migration zu beschaffen. Es kommen nicht die Ärmsten der Armen, sondern diejenigen, die sich für ihr Leben noch etwas ausrechnen. Und sie kommen nur dann, wenn ihre Familie und ihr nächster Lebensumkreis dafür sorgen, dass diejenige Person, die sie in die große, weite Welt schicken, das nötige Geld dafür auch bekommt. Man braucht, um aus dem Norden Afrikas nach Europa zu kommen, etwa 4.000 bis 6.000 Euro, sonst hat es keinen Sinn, sich auf den Weg zu machen. Und dieses Geld ist ein Kredit auf die Zukunft. Die eine Person, die es schafft, öffnet einen Korridor für jene, die es sich auch zutrauen. Im Übrigen schafft Migration Migration und insofern haben die Leute bei uns durchaus Recht, wenn sie den Eindruck haben, dass wir es mit den Flüchtlingen, die auf Lampedusa stranden, mit einer Avantgarde der Rekomposition der Wohnbevölkerung zu tun haben, denen nicht unabsehbare viele, aber doch viele folgen werden. Die ersten bilden den Brückenkopf, der für nachfolgende einen Orientierungspunkt darstellt.

Arten der Migration

Mit welcher Migration haben wir es denn heute in Europa zu tun? Da ist zunächst die europäische Binnenmigration, die durch die EU verstärkt worden ist. Innerhalb Europas kann man aufgrund der Freizügigkeitsregelungen einen Ortswechsel zum persönlichen Vorteil vornehmen. Das ist völlig legitim und der Begriff des Wirtschaftsflüchtlings ist für diese Art von Migration im Prinzip richtig. Diese europäische Binnenmigration aus den Ländern des neuen in die Länder des alten Europas hat in vielen europäischen Stammländern die Arbeitsmärkte durcheinandergebracht. Das ist durch den polnischen Klempner in Großbritannien auf den Punkt gebracht worden. Diese Handwerker arbeiten nicht nur billiger, sondern auch noch besser und kommen unversehens für das autochthone Publikum zu einem gewissen Wohlstand, der es Ihnen erlaubt, ein Haus auf dem Lande in der Nähe von London zu kaufen und mit einem deutschen Auto in Leeds vorzufahren.

Dann haben wir die Migration, die man als Flucht aus „Gesellschaften ohne Staat“ verstehen kann. Das ist heute vor allem bei den Flüchtlingen aus Syrien der Fall, die nicht allein wegen des Krieges ihr Herkunftsland verlassen, sondern vor allem wegen des Verlusts von Erwartungssicherheiten. Wer sich für seine Kinder etwas ausrechnet, will nicht mehr in einem Land bleiben, in dem normaler Unterricht nicht mehr stattfindet, in dem es keine öffentliche Infrastruktur gibt und in dem keine Rechtssicherheit vorhanden ist. Vor Kriegshandlungen kann man sich schützen, aber vor der Zerstörung der basalen staatlichen Strukturen einer Gesellschaft gibt es keine Rettung. Mit anderen Worten: Es geht nicht ums nackte Überleben, sondern um ein Leben mit Zukunft.

Ein dritter Typ von Migration kommt aus den vom Weltmarkt entkoppelten Gesellschaften. Dazu muss man sich vor Augen halten, dass um 1850 die Relation einfacher Arbeit, beispielsweise auf dem Bau, zwischen den unterentwickelten Teilen Chinas und den entwickelten Teilen der Niederlande 1:4 war. Man verdiente als Bauarbeiter aus Amsterdam gerademal vier Mal so viel wie als Bauarbeiter aus Shanghai. Heute beträgt die Relation von einfacher Arbeit zwischen einem Bauarbeiter aus Burundi und einem aus Dänemark 1:100. Man könnte jetzt einwenden, so etwas hat es immer schon gegeben. Der entscheidende Unterscheid zur jetzigen Situation besteht freilich darin, dass die jungen Bauarbeiter aus Burundi über ein Smartphone verfügen, das ihnen die Möglichkeit gibt, zu erfahren, was es in Dänemark zu
verdienen gibt. Hundert Mal mehr zu verdienen ist schon ein ziemlich starker Anreiz. Da lässt man sich nicht davon abschrecken, dass man in einem städtischen Elendsviertel landen wird und sich erst mal auf informellen Arbeitsmärkten bewähren muss. Wer durchhält, wird ziemlich gut dastehen. Jedenfalls verglichen mit den elenden Lebensverhältnissen im zentralen Afrika.

Anforderungen an die alte „erste Welt“

Aus dieser Situation erwachsen enorme Herausforderungen für die Ankunftsstaaten der alten „ersten Welt“. Natürlich verfügt jede europäische Gesellschaft über eine lange Erfahrung mit Migration. In Frankreich wird man von den Kabilen reden, die die Pariser Metro mitgebaut, in Deutschland von den Polen, die das Ruhrgebiet aufgebaut haben. Schließlich trägt ein populärer „Tatort“-Kommissar den Namen Schimanski und heißt einer der großen Stars des französischen Fußballs Zinedine Zidane. Das kann die Menschen in Frankreich oder Deutschland aber nicht wirklich beruhigen. Denn im Augenblick kann man auf der ganzen Welt das Scheitern der bisherigen Strategien der Absorption von Migration beobachten.

USA – das klassische Einwanderungsland

In den USA, die – trotz der aktuellen Ereignisse seit dem Beginn der Präsidentschaft von Donald Trump – nach wie vor als das klassische Einwanderungsland gelten, ist das von der Stadtsoziologie der Chicagoer Schule so anschaulich wie eindringlich herausgearbeitete Modell der Integration durch Segregation augenscheinlich an sein Ende gekommen. „Little Italy“, „China Town“ oder die „Lower East Side“ werden heute nur noch in der Literatur oder im Film oder für Touristen als Orte des Ankommens von Italienern, Chinesen und Juden im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ beschrieben. Die Wirklichkeit ist durch die „Intersektion“, wie man in der Sprache der soziologischen Ungleichheitsforschung sagt, von „gender, class, and race“ bestimmt. Wer männlich, schwarz und schlecht gebildet ist, landet ganz schnell auf der anderen Seite der Straße. Die Sonne scheint für die Weißen, die eine der wichtigen Universitäten besucht haben und die in einer Familie groß geworden sind, die in einem guten Viertel beheimatet ist. Wenn die Familie und die Bildung stimmen, kann man auch als „African, Latin oder Asian American“ vorankommen – aber wenn man ohne College-Abschluss ist und aus den Suburb von Detroit kommt, nützt es einem auch nichts, wenn man weiß ist und so blaue Augen wie Robert Redford hat. Der „melting pot“, der dem Glauben des amerikanischen Exzeptionalismus zufolge für jeden, der hart arbeitet und sich an die Regeln hält, eine Chance bereit hält, wird in der öffentlichen Diskussion von ganz verschiedenen Seiten als eine schöne Lebenslüge entlarvt. Die gegenwärtige US-amerikanische Gesellschaft, in der sich Bewegungen wie „Black Life Matters“ und  die Anhänger von Donald Trump wie zwei Bürgerkriegsparteien gegenüberstehen, scheint eher von einem „Coming apart“, so der dem republikanischen Lager zuzurechnende Soziologe Charles Murray über die Situation des weißen Amerikas von 1960 bis 2000, als von einem „Living apart together“ gekennzeichnet zu sein.

Die französische Methode der Inklusion

Auch das französische Modell der Republik, die soziale Inklusion von Zugewanderten durch rechtliche Abstraktion ihrer Staatsbürgerschaft bewerkstelligt, ist durch die Konfrontation mit verschärften Verhältnissen sozialer Exklusion in nachhaltige Legitimationsprobleme geraten. Zwar ist man Französin, wenn man auf französischem Staatsgebiet geboren ist. Und es soll offiziell niemanden interessieren, ob die Familie, aus der man stammt, ihre Wurzeln in der Bretag-ne, in Martinique oder in Algier hat. Aber im Leben und für die Lebenschancen der einzelnen macht es einen großen Unterschied, ob man wie ein Nordafrikaner aus einem Hochhaus der Vorstadt, wie ein -Vietnamese aus einem dürftigen Appartement aus dem Quartier Latin oder wie eine Pariserin, die im
6. Arrondissement lebt, aussieht. Die Banlieues von Lyon, Paris oder Marseille, in denen knapp fünf Millionen Einwohner leben, gelten als urbane Ghettos, in denen sich seit Mitte der 1970er-Jahre zugewanderte Franzosen sammeln, die sich von den einheimischen Franzosen ausgegrenzt fühlen und die als pauperisierte Population schon vom seinerzeitigen konservativen Staatspräsidenten Jacques Chirac als Beweis für die soziale Spaltung der Republik angeführt wurden. Die Republik ist durch ihr koloniales Erbe heimgesucht worden und sieht sich nach den Anschlägen von Paris vom 13. November 2015 durch eine innere, ethnisch, religiös und sozial definierte Bruchlinie in ihren Grundfesten bedroht.

Das Empire unter Druck

In Großbritannien steht das Modell des Empire unter Druck. Das migrationspolitische Arrangement, gesellschaftliche Zivilität durch die wechselseitige Akzeptanz verschiedener Gruppen nach den Regeln indirekter Herrschaft herzustellen, ist ausgerechnet durch die Freizügigkeitsregelungen der Europäischen Union herausgefordert worden. London rühmt sich nach wie vor seiner bunten Vielfalt, in der Sikhs, Juden, Moslems, Hindus, Anglikaner und Katholiken relativ unbekümmert voneinander zusammenleben. Sie alle repräsentieren eine große Familie von Herkünften im britischen Königsreich. Im Mutterland des Empire steht bemerkenswerterweise nicht die postkoloniale Problematik im Vordergrund, die öffentliche Kontroverse bezieht sich vielmehr auf die Souveränitätsabgabe an einen europäischen Quasi-Souverän, der über einen Europäischen Gerichtshof seine leise Macht entfaltet. Was Britishness ist und bedeutet, verstand sich angesichts von offenen Grenzen in einer Europäischen Union offenbar nicht mehr von selbst. So konnte über den Umweg über das Unbehagen über europäische Mikropolitiken das Verhältnis von alteingesessenen Etablierten und dazugekommenen Außenseitern innerhalb der britischen Gesellschaft zum Thema werden. Die öffentlichen Kontroversen drehen sich um die Frage, ob das Modell des Empire noch die Kraft zur Zivilisierung der britischen Gesellschaft hat oder ob in Zeiten dissoziierender sozialer Konflikte nicht deutlicher werden muss, wer nach welchen Maßstäben und aufgrund welcher Ressourcen wen regiert.

Deutschland: Asorbtion der Migration

In Deutschland setzt man bis heute auf die industriegesellschaftliche Absorption von Migration. Noch hat jede Einwanderungsgruppe, so die Vorstellung, mit der man sich beruhigt, durch die Arbeitsmärkte in der bundesrepublikanischen Gesellschaft ihren Platz gefunden. Das war zuletzt bei der großen Einwanderungswelle in den frühen 1990er-Jahren der Fall, als zusammen mit den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem zerfallenden Jugoslawien, aus den kurdischen Gebieten der Türkei sowie aus Palästina die SpätaussiedlerInnen vor allem aus der aufgelösten Sowjetunion ins Land kamen. Allein 1990 wurden rund 400.000 SpätaussiedlerInnen eingebürgert und 1992 beantragten 438.000 Menschen Asyl, von denen fast drei Viertel aus Ost- und Südosteuropa stammten. Die überwiegende Mehrheit ist in Lohn und Brot und damit zu gewissem Wohlstand und selbstverständlicher Wertschätzung gekommen. Wobei man aus der Erfahrung der Zugewanderten etwas weniger freundlich von einer selektiven Arbeitsmarktinklusion auf Grundlage einer relativen Diskriminierung sprechen muss.

Trotzdem mehren sich in Deutschland die Zweifel, ob nach diesem Schema auch die neue Zuwanderungssituation der Jahre 2015 und 2016 mit einer Mehrheit von zuwandernden Personen aus den Krisenländern des nahen und mittleren Ostens zu bewältigen ist. Die beziehen sich in erster Linie auf das feststellbare Qualifikations- und Kompetenzniveau der zumeist jungen Menschen, die mit Trikots von Bayern München, mit Sneaker von Adidas und mit großen Erwartungen auf ein besseres Leben um politisches Asyl bitten. Werden die Arbeitsmärkte wieder alles richten oder wird man sich in mittlerer Sicht auf die Versorgung eines migrantischen Wohlfahrtsstaatsklientels ohne berufliche Erstausbildung und ohne normale Beschäftigungsverhältnisse einstellen müssen? Die FacharbeiterInnenmärkte sind zwar leer gefegt, verlangen inzwischen aber ein hohes Maß an Fachgeschultheit von den BewerberInnen. Und auf den „Jedermanns-Arbeitsmärkten“ für die Geringqualifizierten sind unangenehme Auseinandersetzungen über die „Hierarchie des Hierseins“ zwischen den Migrantengruppen zu erwarten. Drohen bei Kontrollverlust über die Situation Extremisierungen der öffentlichen Meinung wie in den USA, Vorstädte wie in Frankreich oder eine europafeindliche protektionistische Welle wie in Großbritannien?

Die postmigrantische Gesellschaft

Aber das Europa der Migration hat nicht nur einen Geltungsverlust von formierenden nationalen Migrationsregimes zu gegenwärtigen. Im postsäkularen Zeitalter hat die Darstellung von Religion und Religionszugehörigkeit einen ganz anderen Stellenwert für das Selbstwertgefühl der Zuwandernden und Zugewanderten gewonnen. Die stille Mitgliedschaft, wie sie bei uns in Zeiten der „Gastarbeiter“ der sechziger, siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch gang und gäbe war, ist einer Performance der prononcierten Differenzmarkierung gewichen. Die Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte gibt offen und selbstbewusst zur Kenntnis, woher sie kommt und an was sie glaubt. Anerkennung durch Differenz lautet die Formel der postmigrantischen Gesellschaft.

Darin zeigt sich ein weltweiter Wandel von der privaten und sentimentalen zur öffentlichen und naiven Religion – oder von der „unsichtbaren“ zur „sichtbaren Religion“. Man will nicht mehr nur mit sich und seinem Gott ausmachen, was für einen von letzter Bedeutung ist, sondern mit Gleichgläubigen vor Andersgläubigen und Nichtgläubigen zum Ausdruck bringen, was einen letztlich bewegt und wofür man im Zweifelsfall einsteht. So stärkt Religion das Selbst, das sich unter Bewährung sieht, und stellt es in eine Gemeinschaft, die ihm ein haltendes Milieu bietet.

Das europäische Christentum wird heute durch den europäischen Islam herausgefordert. Diese für Europa in der Zukunft prägende interreligiöse Konstellation nötigt beide Seiten, ihr Proprium in Fragen des Glaubens zur Geltung zu bringen. Dieses Gespräch muss sich auf den einen Gott beziehen, von dem aus dann zu klären ist, wie man zum Rechtsstaat, zur Demokratie und zum Kapitalismus steht. Wie die beiden französischen Sozialwissenschaftlicher Luc Boltanski und Laurent Thévenot in ihrer Soziologie der kritischen Urteilskraft dargelegt haben, funktioniert die Sphäre der Inspiration, wo es um Erleuchtung, Vollendung, innere Bewegtheit und phantastische Erhobenheit geht, nach ganz anderen Kriterien als die Sphäre der familialen Tradition, der öffentlichen Meinung, des industriellen Betriebes oder des freien Marktes. Keine dieser Sphären kann auf die andere reduziert werden. Die alltäglichen Praktiken der Kritik haben mit Präsentationen, Infragestellungen, Übergängen und Kompromissen zu tun. Den Fluchtpunkt solcher Kritik hat Jacques Delors den „offenen Universalismus“ Europas genannt.

Europa, so die beiden großen Europäer Jürgen Habermas und Jaques Derrida, ist ein Kontinent der Öffentlichkeit und einer der Gastfreundschaft. Was uns alle angeht, bedarf der öffentlicher Beratschlagung, bei der niemand die Wahrheit für sich allein beanspruchen darf. Die Art und Weise, wie wir leben, bedarf der Öffnung für den Anderen, damit man an seinem Narzissmus nicht zugrunde geht. Insofern ist Europa wesentlich ein Kontinent der Migration, der sich deshalb vor der Einbeziehung der Anderen nicht fürchtet, weil er sich dadurch selbst begreift.

Das gilt auch erst recht für den einen Gott, der als Mensch gestorben ist, um als Gott leben zu können.

Autoren:

  • Prof. Dr. Heinz Bude

    Prof. Dr. Heinz Bude (geb. 1954) ist ein deutscher Soziologe und Hochschullehrer. Er lehrt seit 2000 als Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Foto: Bodo Dretzke / Hamburger Edition