Nachhaltigkeitsökonomik: Eindimensionale Lösungen gibt es nicht

Ausgabe_1_2011_013Seit der Vorlage des Berichtes der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter Leitung der ehemaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland im Jahr 1987 rückte der Begriff der Nachhaltigkeit und mit ihm das Ziel, die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zur Befriedigung deren Bedürfnisse zu beeinträchtigen, zunehmend in die öffentliche, politische und wissenschaftliche Diskussion.

Ein zentraler Bestandteil des Diskurses ist die Frage nach Möglichkeiten der Operationalisierung des Begriffs der Nachhaltigkeit sowie deren Verankerung im Rahmen gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse.

Die Ökonomik befasst sich als wissenschaftliche Disziplin mit der effizienten Lösung von Knappheitsfragen für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und sie untersucht Möglichkeiten zur Optimierung von gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Die Wirtschaftswissenschaften können insofern wichtige Beiträge zur Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit leisten.

Die Verbindung von Wirtschaftswissenschaften und Nachhaltigkeitsdiskurs blieb aber trotz dieser Schnittstellen über lange Zeit rudimentär. Nachhaltigkeit wurde im „Drei-Säulen-Modell“ in die Aspekte Ökologie, Wirtschaft und Soziales zerlegt und innerhalb des Rahmens der verschiedenen Theorienschulen (Neoklassische Umwelt- und Ressourcenökonomie, Evolutorische Ökonomik, Ökonomie und Ethik etc.) untersucht. Wissenschaftler/-innen der Ökologischen Ökonomik waren hingegen seit den 1980er Jahren bestrebt, in einem ganzheitlichen Ansatz nachhaltige Entwicklung in einem sozialökologischen Systemzusammenhang zu analysieren.

An der Schnittstelle von Ökologischer Ökonomik und Umwelt- und Ressourcenökonomik formiert sich seit einigen Jahren mit der Nachhaltigkeitsökonomik eine neue Disziplin. „Sustainability Economics“ verbindet die Aspekte der (intra- und intergenerationalen) Gerechtigkeit und der Effizienz (verstanden als nicht-verschwenderischer Umgang mit knappen Ressourcen) in der Analyse von gesellschaftlichen Langfristproblemen unter Unsicherheit. Sie ist räumlich mehrskalig (lokal bis global) und systemisch auf die Analyse von Mensch-Umwelt-Beziehungen ausgerichtet. Sie ist transdisziplinär, d. h. sie verbindet Erkenntnis- und Handlungsinteresse, und sie ist interdisziplinär, d. h. sie ist methodisch anschlussfähig zu anderen natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen (vgl. Baumgärtner/Quaas, 2009/2010).

Ein wichtiger Anwendungsfall für die Nachhaltigkeitsökonomik ist die Entwicklung von gesellschaftlichen Strategien zur Bewältigung des Klimawandels. Der Klimawandel ist ein „Paradefall“ für die Nachhaltigkeitsökonomik, weil hier sehr langfristige, Generationen übergreifende Knappheitsprobleme unter hohen Unsicherheiten zu lösen sind. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Wahl einer „angemessenen“, ethisch vertretbaren sozialen Diskontrate.

Im Kern geht es in dieser Debatte um das relative Gewicht der Kosten und Nutzen zukünftiger Generationen im Rahmen klimapolitischer Investitionsentscheidungen. Die im Stern-Bericht angenommene, sehr geringe soziale Diskontrate erhöht dieses relative Gewicht und soll so die Interessen zukünftiger Generationen ethisch angemessen berücksichtigen.

Neoklassische Kritiker dieser Position wie William Nordhaus stellen in Frage, ob die Wahl einer niedrigen, nicht-marktbasierten Diskontrate ökonomisch verretbar ist. Sie gehen davon aus, dass der Marktzins diese Bewertungen der Zukunft bereits hinreichend berücksichtige. Diese „Stern-Nordhaus-Kontroverse“ erklärt aber nur teilweise die unterschiedlichen Politikempfehlungen von Stern – ein klares Plädoyer für eine aktive Klimapolitik im Rahmen der Empfehlungen des Weltklimarats – und Nordhaus, der für eine abwartende Politik plädiert, die langfristige Kapitalbindungen im Bereich der Energiepolitik vermeidet.

Mindestens genauso wichtig ist die Frage der Unsicherheiten bezüglich der Klimasensitivität sowie die Möglichkeit großer wirtschaftlicher Schäden durch eine Klimaänderung. Neuere wirtschaftswissenschaftliche Arbeiten von Geoffrey Heal et al. und Richard Howard zeigen, dass die fehlende Berücksichtigung von „Kipppunkten des Erdsystems“ und ungewissen, aber potentiell katastrophalen wirtschaftlichen Schäden zu einer substantiellen Unterschätzung des Nutzens einer Verringerung von Treibhausgasemissionen führt, die mehr noch als Verteilungsaspekte die Unterschiede zwischen den Politikempfehlungen von Nordhaus und Stern erklären. Erst in der Verbindung von Gerechtigkeits- und Unsicherheitsaspekten kommen wir zu einer Politik, die sich an den Empfehlungen der Weltklimarats (wie dem Zwei-Grad-Ziel) orientiert.

Neben und zum Teil verbunden mit dem Klimawandel gibt es weitere Themen der Nachhaltigkeitsökonomik wie die Kernenergienutzung, die Sicherung der Welternährung, den demografischen und den globalen Wandel. Auch hier verbinden sich langfristige Probleme systematisch mit Fragen der Gerechtigkeit unter großen Unsicherheiten und bei hohen Folgekosten durch falsche politische Weichenstellungen. Die Komplexität dieses Forschungsgegenstands erfordert die Verwendung vielfältiger wirtschaftswissenschaftlicher Methoden (Methodenpluralismus). Sie setzt darüber hinaus Offenheit für interdisziplinäre Forschung voraus. Und sie muss erklärend (deskriptiv) und wertend (normativ) sein, will sie gesellschaftlich relevant sein. „Komplexes Denken ist die Grundlage für nachhaltiges Handeln, ansonsten wird es nicht gehen“, sagte Kanzlerin Merkel anlässlich des 8. Jahreskongresses des Rates für Nachhaltige Entwicklung 2008. Das gilt auch für die neue Disziplin der Nachhaltigkeitsökonomik: Eindimensionale Lösungen gibt es nicht.

Literatur:

Baumgärtner, Stefan und Martin F. Quaas (2009): What is sustainability economics? Working Paper Series in Economics 138 der Universität Lüneburg; übersetzt abgedruckt in: Ecological Economics 69 (2010), S. 445–450.

Millner, Antony, Simon Dietz und G. Heal (2010): Ambiguity and Climate Policy, NBER Working Paper No. 16050, Jun 2010.

Howarth, Richard (2008): Why Stern was right: Time preference, risk, and the economics of climate change, Revue de Philosophie Économique (2008) 9: 91-100.

on the Stern Review. Yale Center for the Study of Globalization, Feb 2007. Im Internet: http://nordhaus.econ.yale.edu/tern_050307.pdf

Stern, Nicholas (2006): Stern Review on the Economics of Climate Change. Im Internet: http://webarchive.nationalarchives.gov.uk/+/www.hm-treasury.gov.uk/stern_review_report.htm

Merkel, Angela (2008): Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des 8. Jahreskongresses des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Im Internet: www.bundesregierung.de/Content/DE/Archiv16/Rede/2008/11/2008-11-17-merkel-nachhaltigkeitsrat.html

Syntheseforschung „Wirtschaftswissenschaften für Nachhaltigkeit“: www.wi-n.org/de/104.php

Sondierungsprojekt „Nachhaltigkeit und Wirtschaftswissenschaften“: www.sustainabilityeconomics.de

Nordhaus, William (2007): The Stern Review on the Economics of Climate Change. Yale Symposium

Autoren:

  • Prof. Dr. Reimund Schwarze