Tragödie der Allmende (I): Prekäre Gemeinnützigkeit

Die Tragödie der Allmende ist Sinnbild eines sozialen Dilemmas: Es gibt Situationen, deren Umstände die Gemeinnützigkeit kooperativen Verhaltens einsichtig machen, während eigennütziges Vorteilsstreben jedem einzelnen Akteur einen vernünftigen Grund gibt, dieser Einsicht nicht zu folgen. Es stellen sich grundlegende Fragen, wie menschliche Gemeinschaften funktionieren (können), auf die namentlich die experimentelle ökonomische Verhaltensforschung Antworten zu geben versucht. Davon handelt dieser und der Folgebeitrag.

 

  1. Die Tragödie der Allmende: Eine Parabel

Man vergegenwärtige sich eine saftige grüne Wiese, zu deren Nutzung als Bullenweide die wenigen Familien eines kleinen Bauerndorfes gleichermaßen berechtigt sind – ein dem „gemeinen Nutzen“ dienendes institutionelles Arrangement, das mit dem mittelhochdeutschen Begriff „Allmende“ bezeichnet wird. In diesem Dorf werden jedes Frühjahr einjährige Stiere auf die Weide getrieben, um dort ein halbes Jahr lang Gewicht zuzulegen und dann im Herbst auf dem regionalen Viehmarkt verkauft zu werden. Die Anschaffungskosten eines einjährigen Stiers betragen 100 GE (= Geldeinheiten; hinfort unterbleibt die Hinzufügung von „GE“, wenn sie sich aus dem Zusammenhang des Textes ergibt). Bei einem vorausgesetzten Zinsniveau von 6 % p. a. erzeugt ein Stier dann bis zum Herbst Investitionskosten von (100 · 1,03 =) 103 (auf ein halbes Jahr bezogen beträgt der Zinssatz 3 %). Alle auf die Weide gestellten Stiere legen gleich gut Gewicht zu, jedoch ist ihr Gewicht im Herbst und damit auch der je Stier erzielbare -Marktpreis P nicht unabhängig von der Zahl Z der zugleich weidenden Tiere: Denn je mehr Stiere die Dorfwiese beweiden, desto knapper wird das grüne Gras für jeden einzelnen von ihnen, was sich vermindernd auf sein Gewicht auswirkt. Es habe sich der in Tabelle 1 (siehe Seite 14) gezeigte und allen Familien im Dorf bekannte Zusammenhang zwischen Z und P (in GE) ergeben.

Heft 1_2013 Herdengröße

Falls die Dorfwiese keine Allmende, sondern exklusives Privateigentum einer Bauernfamilie wäre, wie viele Stiere würden dann auf der Weide stehen, vorausgesetzt die Familie entscheidet ökonomisch rational i. S. von Einkommens- bzw. Vermögensmaximierung? Wie man leicht nachrechnet, ist die Differenz zwischen dem Markterlös einer Herde und ihren Kosten, also der „Überschuss“ oder „Gewinn“ aus der Weidewirtschaft, dann maximal, wenn vier Stiere auf der Weide stehen. Der Gewinn beträgt gemäß Tabelle 1 in diesem Fall [4 · (116 – 103) =] 52. Warum wird die Familie keinen fünften Stier auf die Weide stellen? Der Markterlös einer Herde von fünf Stieren, (5 · 113 =) 565, bringt im Vergleich zum Markterlös einer Herde von vier Stieren, (4 · 116 =) 464, einen Erlöszuwachs von (565 – 464 =) 101, welcher der Investition in den fünften Stier geschuldet ist. Diesen 101 stehen aber 103 an Investitionskosten gegenüber, d. h. ein fünfter Stier bringt einen Verlust von (103 – 101 =) 2. Genau vier Stiere auf der Weide sind deshalb die „optimale Ressourcenallokation“.

Der Überschuss des Marktpreises (P) eines Stiers über seine Investitionskosten (103) wird auch mit dem Begriff „ökonomische Rente“ bezeichnet. Diese Rente fließt dem Wieseneigentümer kraft seines Eigentumsrechts als Einkommen zu und ist monetärer Ausdruck der quantitativen und qualitativen Knappheit der Wiese in ihrer konkreten Nutzung als Bullenweide. Mit dem Begriff „Rente“ verbindet sich die Vorstellung, dass dieses Einkommen weggesteuert werden könnte, ohne dadurch die Entscheidung des Eigentümers über die Ressourcenallokation zu beeinflussen: Würde man ihm vom Markterlös (4 · 116 = 464) die Rente (52) wegnehmen, deckt er mit vier Stieren auf der Weide immer noch seine Investitionskosten (4 · 103 = 412).1

Tatsächlich ist die Bullenweide aber nicht exklusives Privateigentum, sondern eine Allmende und dies hat nachhaltige Konsequenzen für die Ressourcen-allokation.2 Jede Familie im Dorf darf sich, wenn auch nicht exklusiv, jetzt als „Eigentümer“ fühlen und will deshalb die Chance wahrnehmen, an der ökonomischen Rente teilzuhaben. Angenommen, es stehen zunächst vier Stiere auf der Weide und eine Familie mutmaßt, dass es die anderen Familien bei dieser Zahl belassen werden. Dann kann sie mit einem weiteren Stier, dem fünften, lt. Tabelle 1 einen Erlös von 113 und damit einen Überschuss (= ökonomische Rente) von 10 über die Investitionskosten (103) erzielen. Es braucht sie nicht zu beschäftigen, dass „ihr“ Stier den anderen vier Gras wegfrisst, wodurch deren Gewicht weniger stark zunimmt und deshalb ihr Marktpreis von 116 auf 113 sinkt. Denn die Familie sieht – völlig rational – voraus, dass, wenn nicht sie den fünften Stier auf die Weise stellt, es wegen der damit in Aussicht gestellten Rente eine andere Familie tun wird. Aber eben dieser eigennützige Kalkül, dass sich Zurückhaltung nicht lohnt, lässt „im Gleichgewicht“, d. h. wenn keine Verluste entstehen sollen, acht Stiere die Allmende beweiden, also doppelt so viele wie bei optimaler Ressourcenallokation. Die vom egoistischen Streben, eine ökonomische Rente zu erzielen, angetriebene Nutzungskonkurrenz macht eben dieses Streben zwecklos: die ökonomische Rente verschwindet, das Allmendegut wird infolge „Überweidung“ erschöpft und dadurch entwertet. Darin liegt, in der dramatischen Wortwahl des Biologen Garrett Hardin (1968), die „Tragödie der Allmende“.

Die Geschichte von der Bullenweide als Allmende eines Bauerndorfs ist eine Parabel, um eine fundamentale soziale Dilemmasituation zu veranschaulichen: Das im Interesse der Gruppe insgesamt („Gemeinwohl“) gebotene kooperative Verhalten liegt unter den gegebenen Umständen nicht im eigennützig wahrgenommenen Interesse des einzelnen Akteurs. Plakative Beispiele für dieses Dilemma in Gestalt der Tragödie der Allmende sind u. a. die Überfischung der Meere, die ungebremste CO2-Emission industriell aufstrebender Schwellenländer (bei unterstellter physikalischer Gültigkeit des sog. Treibhauseffekts), die hemmungslose Inanspruchnahme von Leistungen sozialer Sicherungssysteme, die Ausbeutung von Schuldentragfähigkeit – in Nationalstaaten wie auch in einer Währungsunion – durch exzessiven privaten und/oder öffentlichen Konsum. Mittels welcher institutioneller Arrangements anscheinend ausweglose soziale Dilemmasituationen „entschärft“ und dem Gemeinwohl dienende Umstände geschaffen werden können, ist eine, wenn nicht die, grundlegende Frage der neuzeitlichen Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie seit Thomas Hobbes, John Locke, Adam Smith und Immanuel Kant. In diesem und dem Folgebeitrag werden im Hinblick auf die Tragödie der Allmende Antworten vorgestellt, die zum einen die experimentelle Wirtschaftsforschung und zum anderen die Feldforschung zur Empirie der Bewirtschaftung von Allmendegütern beigetragen haben.

  1. Prekäre Gemeinnützigkeit

Die Tragödie der Allmende ist die sehr pessimistische Prognose destruktiver Ausweglosigkeit in einer sozialen Dilemmasituation. Aber ist die Lage wirklich so hoffnungslos, wie sie von einer Theorie dargestellt wird, der das Menschenbild des unbedingt seinen eng definierten Eigennutz verfolgenden Homo oeconomicus zugrunde liegt? Seit dem letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts gewinnt eine Forschungsrichtung der Wirtschaftswissenschaft wachsende Bedeutung und Beachtung, die auf der Mikroebene im (Computer-)Labor menschliche Verhaltensmuster in interaktiv-strategischen Situationen von Konflikt und Kooperation unter kontrollierten Bedingungen studiert. Man will grundlegende Einsichten darüber gewinnen, wie sich Menschen in bestimmten Situationen tatsächlich verhalten, warum sie bestimmte Entscheidungen treffen und wie sich ihr Verhalten typischerweise verändert, wenn der Versuchsleiter spezifische, von ihm kontrollierte Bedingungen verändert. Die Gestaltung eines bestimmten Experiments wird häufig von Überlegungen (Modellen) aus der Theorie strategischer Spiele angeleitet, weshalb das Experiment selbst „Spiel“ und die teilnehmenden Versuchspersonen (meist Vordiplom-Studenten) „Spieler“3 genannt werden.

Die Allmende-Problematik wird experimentell durch ein Kooperationsspiel namens „Public Goods Game“ (PGG)4 folgendermaßen nachgestellt. Jeder in einer Gruppe von N (> 2) Spielern, die untereinander anonym bleiben, erhält pro Spielrunde eine Erstausstattung von X GE. Er hat gleichzeitig mit den anderen Spielern und unabhängig von ihnen eine Entscheidung zu treffen, ob und wie viel von seiner Erstausstattung er für einen „gemeinnützigen Zweck“ (public good, common pool) als „Beitrag“ Y abgeben möchte – der Rest, X – Y, verbleibt ihm. Dabei ist ihm und allen anderen Spielern die folgende Bedingung oder „Spielregel“ bekannt: Im Zeichen der Gemeinnützigkeit wird jede als „Beitrag“ an den Spielleiter abgegebene GE von diesem mit einem Faktor v, der größer als 1 und kleiner als N ist, vervielfacht und das Ergebnis (v · 1 GE) gleichmäßig unter allen Spielern verteilt, unabhängig davon, ob ein Spieler einen Beitrag geleistet hat oder nicht. Die Konsequenz dieser Spielregel ist ebenfalls jedem Spieler bekannt: Wer 1 GE auf sich allein gestellt beiträgt, erhält v/N < 1, also weniger als 1 GE, zurück. Warum sollte jemand dann auch nur 1 GE zum gemeinnützigen Zweck beitragen? Wenn deshalb jeder Spieler von jedem anderen Spieler erwartet, er werde keinen Beitrag leisten, erfüllen sich diese Erwartungen in einem sog. Nash-Gleichgewicht allseitiger Nichtkooperation (benannt nach John Nash, dem amerikanischen Mathematiker und Wirtschaftsnobelpreisträger von 1994). Eben dieses Szenario, dem die Tragödie der Allmende entspricht, sagt die traditionelle Spieltheorie aufgrund ihrer Annahme, jeder Spieler verkörpere die Rationalität des selbstbezogenen Homo oeconomicus, voraus.

Jedoch sind andere Szenarien denkbar, in denen das PGG Raum lässt für Kooperation und Gemeinnützigkeit. Zur Veranschaulichung diene ein Zahlenbeispiel mit N = 4, X = 20 Euro und v = 1,6. Angenommen, jeder der vier Spieler entscheidet sich, seine gesamte Erstausstattung X = 20 Euro als Beitrag zum gemeinnützigen Zweck abzugeben. Dann wird der Spielleiter regelgemäß den Betrag von (4 · 20 · 1,6 =) 128 Euro zu gleichen Teilen an die vier Spieler verteilen. Dank seiner uneingeschränkten Kooperation hat nunmehr jeder Spieler im Endergebnis das 1,6-fache seiner Erstausstattung, nämlich (128/4 =) 32 Euro, während er im Fall der allseitigen Nichtkooperation gerade nur seine Erstausstattung behalten würde. Definiert man den Effizienzgrad des PGG im Hinblick auf die Kooperationsbereitschaft der Spieler bzw. die Erreichung des gemeinnützigen Zwecks als das Verhältnis (in %) der tatsächlichen Beitragssumme, die der Spielleiter gleichmäßig verteilen kann, zur maximal möglichen Beitragssumme (im Beispiel: 128 Euro), dann beträgt der Effizienzgrad im betrachteten Fall uneingeschränkter Kooperation (100 % · 128/128 =) 100 %.

Falls (nur) drei Spieler ihre Erstausstattung vollständig beitragen, ein Spieler diese dagegen ganz für sich behält, haben die kooperativen Spieler am Ende jeweils (3 · 20 · 1,6/4 = 96/4 =) 24 Euro, während der „schlaue“ Kooperationsverweigerer als „Trittbrettfahrer“ der Kooperationsbereitschaft der anderen über (24 + 20 =) 44 Euro verfügt. Der Effizienzgrad des PGG beträgt hier nurmehr (100 % · 96/128 =) 75 %. Sind umgekehrt drei Spieler Trittbrettfahrer, dann erhält der eine „Dumme“, der seine gesamte Erstausstattung beigetragen hat (20 · 1,6/4 = 32/4 =) 8 Euro, wogegen die Trittbrettfahrer jeweils (20 + 8 =) 28 Euro haben. Der Effizienzgrad des PGG ist auf (100 % · 32/128 =) 25 % gesunken. In dem von der Spieltheorie vorausgesagten Szenario allseitiger Nichtkooperation (siehe oben) beträgt der Effizienzgrad null Prozent. In diesem Fall geht der Gruppe insgesamt eine Auszahlung von [4 · (32 – 20)] = 48 Euro verloren.

Heft 01_2013 Spielkarten

Die vorgestellten Szenarien geben einige mögliche Kooperationsmuster an. Welche tatsächlichen Verhaltensmuster sind zu beobachten, wenn ein dem Zahlenbeispiel entsprechendes PGG mehrere (z. B. 6 – 10) Runden lang im Versuchslabor mit Studenten durchgeführt wird, die nach jeder Runde die Beiträge der Mitspieler (anonymisiert) mitgeteilt bekommen? Dann zeigt sich immer wieder ein sehr typisches Verhaltensmuster (siehe statt aller Fehr/Gächter 2002): In frühen Spielrunden macht der durchschnittliche Beitrag 40 – 60 % der Erstausstattung aus, in den weiteren Runden fällt er ständig, bis er in den letzten Runden bei 10 % oder weniger liegt, ohne jedoch auf Null zu sinken. Eine plausible Erklärung lautet, dass sich kooperative Spieler im Verlauf des Spiels bei den Trittbrettfahrern durch Senkung ihrer Beiträge revanchieren, damit jedoch nicht nur diese, sondern auch andere, zunächst kooperative, Spieler treffen. (Eine gezielte Bestrafung von Nichtkooperation ist in der Standardversion des PGG nicht vorgesehen; Näheres dazu unten sowie im Folgebeitrag). Es wirkt sich nicht signifikant auf die Ergebnisse aus, ob die Gruppe von Runde zu Runde mit (nach dem Zufallsprinzip ausgewählten) verschiedenen Spielern besetzt wird oder immer dieselben Spieler aufeinander treffen – auch im letzteren Fall entsteht keine „Reputation für kooperatives Verhalten“. Erfahrungs- und Lerneffekte bleiben ebenfalls aus: Beginnt ein neues PGG mit Spielern, die bereits ein PGG erlebt haben, ergibt sich wieder das beschriebene typische Verhaltensmuster. Können sich die Spieler nach Abschluss eines PGG über die Ergebnisse verbal und von Angesicht zu Angesicht austauschen, wobei auch harsche Kritik an den (nach wie vor anonymen) Trittbrettfahrern erlaubt ist, stellt sich im nachfolgenden PGG eine überraschende Verbesserung von Kooperation und Effizienzgrad ein (Ostrom 2005, S. 86) – überraschend deshalb, weil nach der Theorie rationalen Verhaltens bloßes Reden ohne glaubwürdig verbindliche Abmachungen nur „cheap talk“ ist, der die Entscheidungen rationaler Akteure unbeeinflusst lassen sollte.

Ernst Fehr und Simon Gächter (2002) teilten 240 Studierende der Universität Bonn in Gruppen von vier Spielern 10 Sitzungen zu und ließen in jeder Sitzung zwei PGG (dem früheren Zahlenbeispiel entsprechend) mit jeweils 6 Runden durchführen, wobei in jedem PGG kein Spieler öfter als ein Mal auf einen bestimmten anderen Spieler traf. In einem der beiden PGG hatten die Spieler die Möglichkeit, unter Wahrung der Anonymität andere Spieler ihrer Gruppe gezielt zu bestrafen (Modus „PGG & S“). In fünf Sitzungen wurde zuerst PGG & S, danach PGG (also ohne gezielte Bestrafungsmöglichkeit) gespielt, in fünf Sitzungen war die Reihenfolge umgekehrt. Bestrafungsmöglichkeit bedeutete: Jeder Spieler kann pro Runde Spieler seiner Gruppe insgesamt mit bis zu zehn Strafpunkten belegen und für jeden erteilten Strafpunkt hat der Strafende 1 GE, der Bestrafte 3 GE an den Versuchsleiter abzugeben; Bestrafung ist also auch für den Strafenden nicht kostenlos. Wie änderte sich das Verhaltensmuster bei PGG & S gegenüber dem – früher beschriebenen – typischen Verhaltensmuster bei PGG? War gezielte Bestrafung möglich, wurde von ihr ausgiebig Gebrauch gemacht. Regelmäßig bestraften überdurchschnittlich beitragende Spieler die Trittbrettfahrer bzw. unterdurchschnittlich beitragende Spieler, und zwar umso härter, je stärker deren Beiträge nach unten abwichen. Beispielsweise wurde eine Abweichung von 10 GE nach unten im Durchschnitt der Gruppen mit 6,22 Strafpunkten geahndet, was für die Gruppe insgesamt einen Vermögensabgang von (3 · 6,22 + 6,22 =) 24,88 GE zur Folge hatte. Bei PGG & S fielen die Beiträge deutlich höher aus als bei PGG: Selbst in der letzten (der 6.) Runde trugen bei PGG & S 38,9 % der Spieler ihre gesamte Erstausstattung (= 20 GE) bei und 77,8 % mehr als 15 GE, während bei PGG dann 58,9 % überhaupt keinen Beitrag und 75,6 % einen Beitrag von weniger als 5 GE leisteten (Fehr/Gächter 2002, S. 138).

Fehr/Gächter nennen die gezielte Bestrafung „altruistisch“, weil gemäß der Anlage ihres Experiments der Strafende kein weiteres Mal auf den Bestraften trifft, eine erzieherische Wirkung der Strafe folglich anderen Spielern zugute kommt. Allerdings ist Bestrafung insoweit nicht altruistisch, wie der Strafende „negativen Emotionen“ Raum gibt, die sein durch das Trittbrettfahren Anderer verletztes Fairnessempfinden bei ihm ausgelöst hat – es verschafft ihm Befriedigung, an den Trittbrettfahrern Vergeltung zu üben: „Rache ist süß“. Dass potenzielle Trittbrettfahrer diese negativen Emotionen erwarten und fürchten, lässt sich insbesondere daran erkennen, dass der durchschnittliche Beitrag pro Spieler schlagartig zunahm, wenn vom Modus PGG in den Modus PGG & S gewechselt wurde, bzw. schlagartig abnahm im umgekehrten Fall. Bestrafung ist, wie im Beispiel oben deutlich wird, mit einer erheblichen Vermögenseinbuße der Gruppe verbunden und dies bedeutet ein erhebliches Effizienzdefizit mit Bezug auf die Verfolgung des gemeinnützigen Zwecks.

Der naheliegenden Frage nach effizienteren institutionellen Arrangements zur Sicherstellung von Kooperation wird im Folgebeitrag nachgegangen.

Anmerkungen:

1 Hier wird der Einfachheit halber von bestimmten Kostenelementen wie den Transaktionskosten des Stierverkaufs oder den Kosten der Weideumzäunung abgesehen.

2 Die optimale Ressourcenallokation könnte allerdings in der Weise hergestellt werden, indem das Dorf eine jährliche Auktion veranstaltet, in der Bieterkonkurrenz diejenige Familie ermittelt, welche sich durch ihr Höchstgebot für eine Saison das exklusive Nutzungsrecht der Bullenweide sichert. Dieses Höchstgebot wird dann der maximalen ökonomischen Rente entsprechen, die hier jedoch der Dorfkasse und nicht dem exklusiven Nutzer der Wiese zufließt. Zur Beachtung: Konkurrenz um das exklusive Recht, das Allmendegut zu nutzen, führt zu optimaler Ressourcenallokation, konkurrierende Nutzung des Allmendegutes dagegen zu seiner Entwertung (siehe unten).

3 Ohne Affront gegen das andere Geschlecht wird hinfort immer nur die männliche Bezeichnung benutzt.

4 Der englische Ausdruck bleibt im Folgenden unübersetzt, seine Bedeutung wird sogleich im Text deutlich werden.

Literatur:

Fehr, E., Gächter, S. (2002): Altruistic punishment in humans, in: Nature 415, S 137-140.

Hardin, G. (1968): The tragedy of the commons, in: Science 162, S. 1243-1248.

Ostrom, E. (2005): Understanding institutional diversity, Princeton: Princeton University Press.

Autoren:

  • Universitätsprofessor Dr. Rupert Windisch

    Prof. em. Dr. Rupert Windisch war Studienleiter der VWA Gera. Foto: Universität Jena