Transformation: Vorzüge und Stolpersteine des deutschen Sonderweges (Teil II)

Wandelt sich die gesellschaftliche Grundordnung, nennt das die Wissenschaft „Transformation“. Vor zwei Jahrzehnten fand die wohl tiefgreifendste dieser Art statt: Der Zusammenbruch des „sozialistischen Weltsystems“ beendete den Kalten Krieg und gestaltete grundlegend die politische Weltkarte um. Zwölf Staaten in Europa und Ostasien waren ihm unterworfen. Vier davon – die DDR, die UdSSR, die ˇCSSR und Jugoslawien – existieren nicht mehr. 24 haben sich völlig neu konstituiert. Hans-Jürgen Wagener ist Spezialist für diesen Prozess des institutionellen Wandels. Er beschreibt anschaulich die „Vorzüge und Stolpersteine des deutschen Sonderwegs“. Der erste Teil seines Beitrages ist veröffentlicht in Heft 2-2013 ab Seite 35.

  1. Warum die DDR-Industrie zusammenbrach

1989 produzierte das verarbeitende Gewerbe in der DDR 45 % der Bruttowertschöpfung des Landes, 1991 waren es nur noch 14 %. In der Landwirtschaft spielte sich das Gleiche ab: ein Rückgang von 10 % auf 3 %. Solche Veränderungen innerhalb kürzester Zeit sind beispiellos. Aber es ist auch klar, dass dieser Zusammenbruch nichts mit der Privatisierung zu tun haben konnte. Denn sie wurde erst später effektiv. Allerdings musste jede Schätzung des Produktivvermögens der DDR, die auf den alten Zahlen beruhte, dadurch Makulatur werden.

Der Wert einer Firma besteht im Ertragswert, d. h. dem abgezinsten erwarteten Gewinn, der sich mit ihrer Produktion erzielen lässt, und im Bestandswert bestimmter materieller und immaterieller Vermögensbestandteile wie Immobilien, Markenname, Kundenstamm, Stammarbeiterschaft. Die Bestandswerte vieler Industrieimmobilien waren von Umweltschäden beeinträchtigt. Die Gewinnaussichten eines Großteils des verarbeitenden Gewerbes in der DDR waren nach der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion kaum positiv. Die Probleme lagen dabei sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite. Was die Nachfrage betraf, so mussten die ostdeutschen Güter ohne jeglichen außenwirtschaftlichen Schutz auf dem Binnen- und Außenmarkt mit westlichen Gütern konkurrieren. Das war aus Gründen der Produktpalette, der Qualität, des Designs und der Reputation nur zu niedrigen Preisen oder häufig überhaupt nicht möglich. Diese Tatsache hatte sich ja bereits vor der Wende im impliziten Wechselkurs von 4,40 : 1 für handelbare Güter niedergeschlagen. Ein zu Anfang hoch veranschlagter Wert, der Handel mit den RGW-Ländern, stellte sich bald als Illusion heraus. Denn diese Märkte brachen völlig ein – für die ostdeutsche Industrie besonders tief, da sie vor allem Investitionsgüter geliefert hatte und die ehemaligen RGW-Länder in der anfänglichen Transformationskrise praktisch überhaupt nicht mehr investierten. Vor ähnlichen Problemen standen auch die übrigen Transformationsländer in Ostmitteleuropa. Ihnen gelang allerdings mit Hilfe von Wechselkurs- und Lohnanpassungen eine Umorientierung ihres Außenhandels. Nicht zuletzt die anfängliche Assoziation und dann der spätere Beitritt zur EU haben die Außenwirtschaft dieser Länder zu ihrem wesentlichen Wachstumsmotor gemacht, während die Exportfähigkeit der transformierten Unternehmen in der DDR anfänglich gering war.

Denn eine solche Flexibilität auf der Angebotsseite gab es dort nicht. Zum einen konnte es sie auf Grund der vollen Liberalisierung des Handels nicht geben. Zum anderen stiegen die Löhne rasch und Tarifparteien und Politik schürten die Erwartung, dass die völlige Lohnangleichung an Westdeutschland kurzfristig erfolgen werde. Ein potenzieller Investor in ein ostdeutsches Unternehmen sah sich also mit schwachen Preisen und steigenden Lohnkosten bei einer weit unter dem westdeutschen Niveau liegenden Produktivität konfrontiert. Die implizite Aufwertung auf einen Kurs von 1 : 1 musste verheerende Folgen haben, wenn die Kosten nicht flexibel reagierten. Kurzum, der Ertragswert der meisten ostdeutschen Industriebetriebe war unter diesen Umständen negativ. Das hatte bereits kurz nach der Währungsunion der spätere Nobelpreisträger Akerlof mit seinen Co-Autoren (Akerlof et al. 1991) festgestellt.

Der Strukturwandel erforderte vor allem

– die Stilllegung der Produktion dessen, was Balcerowicz (1995: 156) „pure socialist output“ genannt hat, also der Güter, die nur unter sozialistischen Bedingungen absatzfähig waren. Der Trabant ist Symbol für ein solches Gut.

– die Umstellung der Produktpalette auf wettbewerbsfähige Güter.

– die Reduzierung des überhöhten Personalbestandes.

– die Schaffung einer tragfähigen Eigenkapitalbasis.

All das ist Gegenstand von unternehmerischen Entscheidungen. Es scheint folglich auf der Hand zu liegen, dass die Umstrukturierung der Wirtschaft erst nach der Privatisierung erfolgen kann, wenn man nämlich Unternehmer für die einzelnen Betriebe gefunden hat. Die Umstrukturierung von der Treuhand zu erwarten, hieße die unternehmerische Kapazität eines Zentralplaners zu überschätzen. Trotzdem musste die Treuhand bei einigen Betrieben derartige Entscheidungen fällen, bevor sie in der Lage war, diese zu verkaufen. Investoren überließen es z. B. lieber der Treuhand, die notwendigen Entlassungen vorzunehmen, als sich damit im übernommenen Betrieb einzuführen. Manche sogenannte „industrielle Kerne“, die um jeden Preis erhalten bleiben sollten, waren deshalb nur zu immensen Kosten an den Mann zu bringen.

Auch dieses Problem war in allen Transformationsländern das gleiche und zwar unabhängig von der gewählten Privatisierungsstrategie. In Deutschland brach die Industrieproduktion tiefer ein auf Grund der Spezialisierung auf Anlagegüter, wegen der vollständigen Liberalisierung und der Inflexibilität des Arbeitsmarktes bzw. der ökonomisch ungerechtfertigten Lohnsteigerungen. Das mag auf längere Sicht auch gewisse Vorteile mit sich bringen. Denn die Produktion im verarbeitenden Gewerbe, die seit 1993 wieder anstieg und das bis heute mit beachtlichen Wachstumsraten, musste sich von vornherein auf eine Hochlohnsituation und scharfen Wettbewerb, d. h. auf „westliche“ Bedingungen, einstellen. Diesen Transformationspfad haben Sinn und Sinn (1991: 143) als „Hochlohn-High-Tech-Strategie“ beschrieben. So konnte relativ rasch ein Großteil des Produktivitätsrückstands aufgeholt werden, das allerdings auf Kosten der Beschäftigung. Auch in Osteuropa wurden vor allem im Zusammenhang mit ausländischen Direktinvestitionen produktive, hochmoderne Produktionsanlagen installiert. Doch weniger produktive, wenn auch reorganisierte alte Anlagen konnten auf Grund der Lohnpolitik daneben bestehen bleiben. Das heißt, das rentable Produktivitätsspektrum war breiter als in der DDR und damit auch die Attraktivität für ausländische Direktinvestitionen.

  1. War die deutsche Transformation ein Erfolg?

Damit sind wir bei der Frage angelangt, ob der deutsche Sonderweg der Transformation ein Erfolg war oder nicht. Die Antwort hängt wesentlich davon ab, woran man Erfolg messen möchte. In den meisten Fällen ist das westdeutsche Niveau das Maß aller Dinge. Und es ist in mancher Hinsicht auch erreicht worden: Infrastruktur- und Wohnraumausstattung, Qualität der Städte, Bildungs- und Gesundheitssystem. Auch die verfügbaren Einkommen liegen unter Berücksichtigung der Kaufkraftunterschiede nicht allzu weit auseinander. Nur im produktiven Bereich klafft noch eine deutliche Lücke, und zwar vor allem im verarbeitenden Gewerbe, nicht in der Landwirtschaft, für die sich die großflächige Struktur der sozialistischen Genossenschaften, die weitgehend beibehalten wurde, zusammen mit einer neuen unternehmerischen Organisation als Vorteil erwies. Obwohl das Bruttoinlandsprodukt in den neuen Ländern zwischen 1991 und 2007 pro Einwohner um 191 % (Westdeutschland: 42 %) und pro Erwerbstätigen um 210 % (Westdeutschland: 40 %) zugenommen hat, sind diese beiden Indikatoren von 33 % des westdeutschen Niveaus im Jahr 1991 nur auf 68 % (BIP pro Einwohner) bzw. von 35 % auf 77 % (BIP pro Erwerbstätigen) gestiegen (Ragnitz, Scharfe, Schirwitz 2009: 10). „Nur“? – Genau das ist die Frage. Wie Ragnitz, Scharfe und Schirwitz deutlich machen, liegen die Ursachen der Produktivitätsunterschiede in der Branchenzusammensetzung (weniger produktive Branchen), in der Unternehmensgrößenstruktur (weniger international orientierte Großunternehmen) und in der funktionalen Struktur (Hauptverwaltung und Forschung im Westen), aber nicht mehr in der Leistungsfähigkeit der ostdeutschen Beschäftigten.

Mindestens ebenso wichtig wie das westdeutsche Niveau als Messlatte ist der Vergleich mit den übrigen Transformationsländern in Ostmitteleuropa. Hier ist vor allem die Tschechische Republik interessant. Denn als der höher entwickelte Teil der alten Tschechoslowakei lag sie vor der Wende mit der DDR gleichauf. Dies waren die zwei produktivsten Mitglieder des RGW. Aus den Angaben von Maddison (2001: 178, 185) lässt sich näherungsweise errechnen, dass die DDR 1973 58 % des westdeutschen BIP pro Kopf erwirtschaftete und Tschechien 56 %. Für 1988 – 89 können diese Prozentsätze auf 46 % für die DDR und 48 % für Tschechien geschätzt werden.3 4 Und wie sieht es im Jahr 2008 aus? Für Tschechien errechnet sich zu Kaufkraftparitäten5 ein BIP pro Kopf, das bei etwa 67 % des westdeutschen Niveaus und damit auf ostdeutschem Niveau liegt (Eurostat). Pro Beschäftigten besteht allerdings bereits ein deutlicher Unterschied: 77 % des westdeutschen Niveaus in den neuen Bundesländern, 65 % in Tschechien. Das lässt eine höhere Erwerbstätigkeit bzw. eine sehr viel niedrigere Arbeitslosigkeit in Tschechien vermuten. Noch deutlichere Unterschiede weisen die Bruttomonatslöhne in den beiden Ländern auf: Sie betrugen 2008 in Westdeutschland 2.394 Euro (100 %), in Ostdeutschland 1.864 Euro (78 %) und in Tschechien 1.330 Euro (56 %) (Ragnitz, Scharfe, Schirwitz 2009: 30; Gligorov et al. 2009: 31).6

Am Erfolg des deutschen Sonderwegs zweifelt man allerdings angesichts der gewaltigen Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern. Die Zahl der Erwerbstätigen ist in Ostdeutschland von 1989 bis 1991 um 3 Mio., d. h. um 30 % gesunken, in Westdeutschland um 2 Mio. gestiegen. Von 1991 bis 2007 ging diese Zahl im Osten noch einmal um 1 Mio. zurück, während sie im Westen um etwas über 2 Mio. anstieg. Dahinter verbergen sich drei Phänomene: Abwanderung, Veränderung der Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit. Nach fast 30 Jahren Mauer war eine spontane Wanderungswelle von Ost nach West zu erwarten. Die Erwerbstätigkeit ging im Osten zurück, während sie im Westen anstieg. Auch das war zu erwarten. Das eigentliche Problem ist die Arbeitslosigkeit. 1991 betrug die Arbeitslosenquote  noch 10,2 % im Osten (im Westen 6,2 %), was angesichts des Rückgangs der Zahl der Erwerbstätigen geradezu erstaunlich ist. Dann ist sie bis 2005 auf Werte über 20 % angestiegen (wohlgemerkt ohne die versteckte Arbeitslosigkeit), um danach auf 14,7 % im Jahr 2008 zu sinken; noch immer das Doppelte der westdeutschen Rate von 7,2 %. Bis Mitte 2013 sankt die Arbeitslosenquote in Westdeutschland auf 5,8 % und in Ostdeutschland auf 9,9 %, d. h. die Situation hat sich wesentlich verbessert, aber den relativen Abstand zwischen Ost und West nur geringfügig verändert. Vergleichen wir damit die Arbeitslosenrate in Tschechien: Von 2000 bis 2008 betrug sie durchschnittlich 7,2 % und lag damit noch unter dem westdeutschen Durchschnitt für diese Periode.

Heft 3:2013 Kugel und Pfeile

Wieso schneidet die tschechische Transformation in diesem Punkte besser ab als die deutsche, die doch eine ungleich größere Unterstützung von außen erfahren hat? Es wäre jetzt zu einfach zu sagen, genau diese Unterstützung von außen war das Problem. Aber die Unterschiede zwischen den beiden Ländern haben damit zu tun. In der Tschechoslowakei, wie in Polen und Ungarn, wurden Handel und Preise ebenfalls schockartig liberalisiert – mit dem Unterschied, dass ein außenwirtschaftlicher Schutz bzw. eine eigene Wechselkurspolitik erhalten blieben. 1990 – 91 gingen die Reallöhne in Tschechien um 30 % zurück (Gros, Steinherr 1995: 291), um erst dann wieder zu steigen. Hier sei nur kurz an das berühmte „Schürer-Papier“ erinnert, das für die DDR eine ähnliche Reallohnreduzierung für erforderlich hielt. Einer großzügigen Sozialpolitik fehlten in Tschechien die Mittel. So erwiesen sich der Arbeitsmarkt und der Gütermarkt als flexibel und konnten die Wettbewerbsfähigkeit der tschechischen Industrie erst einmal über die Kosten aufrecht erhalten. Auch in Tschechien wurden Produktionslinien geschlossen, die Pure Socialist Output und unrentable Güter herstellten. Aber die Industrieproduktion brach nicht völlig zusammen. Im Gegenteil: Die Anpassung an moderne Strukturen erfolgte äußerst langsam. 2008 hat die Industrie noch einen Anteil von 31 – 32 % an der Bruttowertschöpfung (Eurostat). Im stark industriell geprägten Westdeutschland liegt der Prozentsatz bei 24 % (Ostdeutschland: 18 %). Mit anderen Worten: Ostdeutschland hat im Unterschied zu Tschechien eine schockartige Modernisierung erfahren und nähert sich jetzt von unten an das „normale“ westdeutsche Niveau an.

Um noch einmal auf die alternativen Transformationsstrategien von Sinn und Sinn (1991) zurückzukommen: Der tschechische Transformationspfad liegt sehr viel dichter an dem, was Sinn und Sinn organische Transformation nennen, während der deutsche Pfad der Hochlohn-High-Tech-Strategie entspricht. Sinn und Sinn erwarteten, dass bei zu hohen Löhnen das überschüssige Arbeitsangebot in den Westen pendelt oder abwandert. Das fand tatsächlich auch statt. Doch ein großer Prozentsatz blieb arbeitslos im Osten, was durch die sozialen Leistungen erleichtert wurde. Längerfristig hat diese Strategie den Vorteil, eine moderne Unternehmensstruktur zu stimulieren. Für die Arbeitslosen schwindet aber die Aussicht, sich wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern; sie werden zu Langzeit-Arbeitslosen. Da hilft dann kurzfristig auch ein flexibleres Verhalten auf dem Arbeitsmarkt nicht viel. Man muss sich allerdings fragen, ob hier wirklich eine bewusste Strategie vorlag oder die Geschichte nicht einfach so gelaufen ist. In Tschechien ist eine bewusste Wahl viel wahrscheinlicher. Einkommens-, Lohn- und Sozialpolitik waren hier stärker auf die im Lande vorhandenen Möglichkeiten abgestimmt. Und die erlaubten nur einen graduellen Übergang bei der Unternehmens-restrukturierung und -modernisierung.

  1. Kosten der Transformation

Die wohl am schwersten wiegenden Kosten der Transformation sind bereits genannt: die Arbeitslosigkeit in der DDR. Das hatte niemand beim Abschluss der beiden Deutschland-Verträge erwartet, wohl auch auf Grund von Unkenntnis über die ökonomischen Zusammenhänge und den wahren Zustand der Produktionskapazitäten und der Infrastruktur in der DDR. Wenn heute nur 29 % der Ostdeutschen mit der Demokratie zufrieden sind (Westdeutschland 62 %), wenn nur 19 % eine gute Meinung von der sozialen Marktwirtschaft haben (in Westdeutschland mit 39 % auch nicht gerade viel, aber eben doch doppelt so viel) und wenn 58 % der Ostdeutschen die Gleichheit der Freiheit vorziehen (Westdeutschland 36 %), dann  scheint mir das vor allem Folge der gewaltigen Arbeitslosigkeit zu sein, die als schwere Hypothek auf dem Transformationsprozess lastet.

Spricht man über die Kosten der Transformation, dann sind damit jedoch meistens die Nettotransfers von West nach Ost gemeint. Sie sind historisch ohne Vergleich.7 Auch in dieser Hinsicht ist der deutsche Weg ein Sonderweg, denn keinem anderen Transformationsland stand so massive Unterstützung von außen zur Verfügung. Die reinen Zahlen sind kaum fassbar: Auf 1,6 Billionen Euro schätzt Schroeder (2009: 88) die Nettotransfers zwischen 1990 und 2008. Allerdings ist der Verbrauchsüberhang, d. h. die Differenz von verwendetem und produziertem Sozialprodukt, von 72 % des BIP im Jahr 1991 auf 10 % im Jahr 2008 zurückgegangen (Ragnitz, Scharfe, Schirwitz 2009: 12). Ein Außenbeitrag von 10 % ist für ein Entwicklungsland oder ein Transformationsland nichts Ungewöhnliches. Es ist klar: Ohne diese Transfers hätte man die Infrastruktur und die Städte nicht so rasch rekonstruieren und auf den neuesten Stand bringen können, ohne diese Transfers hätte das ostdeutsche Konsumniveau sehr viel tiefer unter dem westdeutschen gelegen.

Als Rechtfertigung für die fatale Lohn- und Einkommenspolitik und damit auch die hohen Transfers wird immer wieder die drohende Abwanderung aus der DDR angeführt. Das scheint eine obsessive Vorstellung gewesen und geblieben zu sein. Vor der Wende hat sie zur Mauer aus Beton geführt, nach der Wende zur Mauer aus hohen Löhnen und hohen Sozialleistungen. Die erste Mauer war leider ziemlich effektiv. Die zweite war das nicht. Denn sie hat den vermeintlichen Sog westlicher Löhne nur durch den sehr realen Druck östlicher Arbeitslosigkeit ersetzt und eine massive Abwanderung nicht verhindert.

Natürlich lässt sich nicht übersehen, dass es sich bei den hohen Finanztransfers weniger um Kosten der Transformation handelt als um Kosten der Wiedervereinigung. Die Option der massiven Abwanderung ergab sich allerdings aus der besonderen deutschen Situation nach dem Fall der Mauer, unabhängig vom Fortbestehen der DDR. Ja gerade bei einem solchen Fortbestehen hätte man die Abwanderung nur mit umfangreichen Mitteln bremsen können. Soweit die Transfers aus Steuern und Sozialabgaben der westdeutschen Bürger alimentiert wurden, gingen sie auf Kosten der dort verfügbaren Einkommen. Allerdings fand im Westen kein entsprechender Nachfragerückgang statt und damit eine Gefährdung der Beschäftigung, da sich ein Großteil der ostdeutschen Konsumausgaben und vor allem die Investitionsausgaben auf westdeutsche Produkte richteten. Die kurzfristig negative deutsche Handelsbilanz macht deutlich, dass die westdeutsche Produktion diesen Nachfrageschub nicht allein verkraften konnte. Soweit die Transfers aus Schulden alimentiert wurden – das ist ein nicht unerheblicher Teil –, handelte es sich um ein keynesianisches Stimulierungsprogramm, das sowohl der ostdeutschen als auch der westdeutschen Wirtschaft zugute kam. Hier wird die Zurechnung von Kosten und Nutzen noch schwieriger. Ein Vergleich mit der Situation in den übrigen Transformationsländern wirft die Frage auf: Warum ist das BIP pro Kopf der Bevölkerung in der DDR nicht signifikant höher als in Tschechien? Wir haben einige Gründe dafür bereits aufgezeigt. Darüber hinaus ist deutlich, dass ein Großteil der Transfers Umverteilungen von Einkommen darstellt, die der Angleichung der Lebenssituationen in Ost und West dienen und nicht unmittelbar produktiv sind. So erfolgte der Übergang zu „westlichen“ Konsumgewohnheiten und Versorgungsniveaus in Ostdeutschland ungleich rascher und weitergehender als in allen übrigen Transformationsländern – auf jeden Fall rascher als es die Produktivitätsentwicklung erlaubt hätte.

  1. Schluss

Umso erstaunter muss ein externer Beobachter vor der Tatsache stehen, dass die Bürger Ostdeutschlands die Transformationsskepsis in den ostmitteleuropäischen Ländern teilen und wenig zufrieden sind mit der Transformation und den neuen Zuständen. Demokratie und das System der sozialen Marktwirtschaft stehen im Osten des Landes nicht gerade in hohem Ansehen. Mit der eigenen Lebenssituation sind die Menschen dort sehr viel weniger zufrieden als im Westen, ungeachtet der gewaltigen Fortschritte, die sie in den vergangenen 20 Jahren gemacht haben (vgl. Schroeder 2009). „East Germans perceive themselves as second-class citizens vis-à-vis West Germans. Overall, very few East Germans would feel this way towards any of the populations in the 10 Eastern European countries” (Zimmermann 2007: 376). Auf die übrigen sozialistischen ostmitteleuropäischen Länder schauten schon die DDR-Bürger etwas von oben herab, schließlich war man das sozialistischste und das entwickeltste Land im sozialistischen Lager. Gegenüber den Westdeutschen hatten sie dagegen eine Art Minderwertigkeitgefühl, gepaart mit trotzigem Stolz, entwickelt. Hier liegt also möglicherweise eine gewisse Erbschaft aus der Vergangenheit vor. „Auf dem kargen Boden gefühlter Benachteiligung“ (Holtmann 2009: 4) können allerdings kein Selbstbewusstsein und keine Zufriedenheit über das Erreichte entstehen. Doch Benachteiligung wem gegenüber? Augenscheinlich nicht gegenüber den anderen Transformationsländern. Doch in welcher Hinsicht könnten sich die ostdeutschen Bürger gegenüber den Westdeutschen benachteiligt fühlen? Das hat etwas mit Erwartungen zu tun. Man hatte offensichtlich erwartet, wenn erst einmal überall die D-Mark als Währung gilt, dann sind wir alle Westdeutsche – und fand sich schließlich doch in der DDR wieder. Die Benachteiligung wird primär nicht im Materiellen gesucht, obwohl die noch ausstehende hundertprozentige Angleichung an das westdeutsche Niveau immer wieder angemahnt wird. Sie ist vor allem sozialpsychologischer Natur und sitzt fest in den Köpfen derer, die im alten System sozialisiert wurden. Hier manifestiert sich der von Detlef Pollack (2008: 47) konstatierte Konflikt zwischen der kulturellen Erbschaft der kommunistischen Systeme und den Modernisierungserfordernissen demokratischer Marktgesellschaften.

Frustrationen und Enttäuschungen über die Entwicklung treten auch in den übrigen Transformationsländern auf. Für Polen haben Grosfeld und Senik (2010) z. B. festgestellt, dass die wachsende Einkommensungleichheit in der ersten Transformationsphase als positiver Indikator für zunehmende Chancen angesehen wurde, während man sie danach nur als Ergebnis ungerechter und korrupter Verteilungsprozesse wahrnahm. In den übrigen Transformationsländern fehlt aber die reiche Verwandtschaft im Westen, die es einem in den neuen Bundesländern besonders spüren lässt, dass man noch nicht endgültig im Westen angekommen ist. Abhilfe kann nur die Zeit schaffen: Eine Schocktherapie für die Transformation der Köpfe gibt es nun einmal nicht.

Anmerkungen:

3 Maddison (2001) unterschätzt wahrscheinlich die ostdeutsche Produktivität für 1990, deshalb sind die Angaben von Ragnitz, Scharfe und Schirwitz 2009 hinzuzuziehen, die annehmen, dass der Output in der DDR 1988 rund 40 % über dem Niveau von 1991 lag.

4 Die absoluten Prozentzahlen sind nicht wirklich wichtig in diesem Zusammenhang. Sie können auch niedriger gewesen sein. Der sorgfältigste Vergleich DDR – ČSSR errechnete für die DDR eine Produktivität pro Arbeitsstunde im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 1987 von 28 % des westdeutschen Niveaus und für die ČSSR von 20 % (van Ark/Beintema 1993 und Beintema/van Ark 1993). An der ähnlichen makroökonomischen Ausgangssituation in der Tschechischen Republik und in der DDR bestehen auch dann kaum Zweifel.

5 Da es uns um den realen Output geht, sind Kaufkraftstandards angebracht. Der Überlegung von Paqué (2009 und in diesem Band) kann ich nicht folgen, denn sie führt zum Vergleich von „nominalen“ Größen, d. h. bei einem Abweichen des Wechselkurses von der Kaufkraftparität wird der Output über- oder unterschätzt.

6 Hier ist eine Umrechnung zu Wechselkursen allerdings durchaus sinnvoll. Denn für die Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt spielen die nominalen Kosten die entscheidende Rolle. Für Tschechien ergibt sich dabei ein Bruttomonatslohn von 940 Euro, also nur die Hälfte des ostdeutschen Niveaus, woraus man eine erheblich größere Wettbewerbsfähigkeit der tschechischen Industrie im Vergleich zu der DDR ableiten kann.

7 Die Reparationen nach dem ersten Weltkrieg, die unter anderem die Weimarer Republik untergraben haben, nehmen sich daneben bescheiden aus.

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