Transformation: Vorzüge und Stolpersteine des deutschen Sonderwegs

  1. Was heißt Transformation?

Unter Transformation verstehen wir den Wandel der gesellschaftlichen Grundordnung, vor allem des Wirtschafts- und Sozialsystems mit der dahinter liegenden Werteordnung. Im konkreten Fall geht es um die Ablösung einer autoritären – manche sagen auch autoritären sozialistischen Ordnung durch eine demokratische Wettbewerbsordnung. Diese zwei Ordnungstypen, die den Ost-West-Gegensatz der Nachkriegsperiode prägten, sind grundverschieden. Die Transformation greift folglich tief ein in die institutionellen und organisatorischen Strukturen der jeweiligen Gesellschaft, aber auch in das mehr oder minder akzeptierte Wertesystem und Selbstverständnis ihrer Mitglieder. Parallel dazu wird die Realsphäre einschneidend umgebaut. Ziel der Transformation war – für die Staaten Ostmitteleuropas und Südosteuropas, für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion und für Ostasien mag das sicher anders liegen – eine Gesellschaftsordnung westlichen Typs und die Beitrittsfähigkeit zur Europäischen Union.

Die Transformation der Kontrollsphäre, des Institutionengefüges also, stand unter den Stichworten Liberalisierung, Stabilisierung und Privatisierung. Das bedeutet die Überführung der planwirtschaftlich geführten staatlichen und genossenschaftlichen Betriebe in selbstständige Unternehmen, zumeist in privater Hand. Preisbildung, Devisenverkehr und Handel werden den Gesetzen des Marktes unterworfen. Hierzu bedarf es eines umfangreichen Rahmens von Gesetzen. Für die Stabilität sind eine Privatrechtsordnung mit klar definierten und geschützten Eigentumsrechten, die Wahrung des Wettbewerbs, ein geregelter Geldverkehr und ein Wechselkurssystem wichtig, des weiteren Regulierungen der Lohnbildung, des neu entstehenden Finanzsektors und der Infrastruktur. Die Bedeutung der Restrukturierung der Realsphäre lässt sich an drei Tatsachen ablesen: In der DDR waren Ende der 1980er Jahre rund 56 % der Beschäftigten in Landwirtschaft und Industrie tätig, in der BRD rund 37 %. Der größte Teil der sozialistischen Betriebe waren Großbetriebe mit 500 und mehr Mitarbeitern, während im Westen das Segment der Klein- und Mittelbetriebe die meisten Beschäftigten auf sich zog. Schließlich waren nicht nur viele Industriebetriebe, sondern die gesamte ostdeutsche Infrastruktur jahrzehntelang vernachlässigt worden.

  1. Ein deutscher Transformationspfad

Dieses Programm zu bewältigen, erfordert Zeit und Geld – viel Zeit und viel Geld, möchte man meinen. Zu Beginn des Prozesses nahmen 12 Staaten in Europa und Ostasien die Aufgabe in Angriff. Vier davon (Sowjetunion, Tschechoslowakei, Jugoslawien, DDR) sind untergegangen, 24 haben sich neu konstituiert, einer – die DDR – ist definitiv von der Landkarte verschwunden. Am Ende können wir 33 Transformationsfälle beobachten. Jeder davon ist seinen eigenen Weg gegangen, doch der Fall Ostdeutschlands sticht in vielerlei Beziehungen von den 32 anderen ab.

Während die 32 anderen Transformationsländer bei der Bewältigung des Wandels im Wesentlichen auf sich selbst gestellt blieben, hatte die DDR ein Partnerland, die BRD, das den Prozess materiell, ideell und personell unterstützte, und dies in einem Ausmaß, wie es für internationale oder interregionale Transfers bislang unbekannt war. So wurde es möglich, den größten Teil des Umbaus der Kontrollsphäre des Wirtschaftssystems, d. h. der Neueinrichtung des institutionellen Rahmens, bereits im ersten Transformationsjahr 1990 abzuschließen. Man hat einfach das Institutionengefüge der Bundesrepublik – warts and all – übernommen, zuerst als DDR im Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vom 18. Mai 1990, der zum 1. Juli 1990 in Kraft trat, dann endgültig im Einigungsvertrag vom 31. August 1990, mit dem die Wiedervereinigung zum 3. Oktober 1990 besiegelt wurde. Damit gelangte das ostdeutsche Wirtschaftsgebiet ohne Übergang in die Europäische Union, während die acht erfolgreichsten Transformationsländer in Ostmitteleuropa erst im fünfzehnten Transformationsjahr zum 1. Mai 2004 der EU beitraten.

Es ist klar, dass die transplantierten Institutionen nicht vom ersten Tag an mit Leben erfüllt sein konnten, dass die Menschen Zeit brauchten, um sie zu verstehen, mit ihnen umzugehen und die dahinter liegenden Werte und Prinzipien zu akzeptieren. In vielen Fällen – man denke nur an die Verwaltungs-, Rechts- und Finanzinstitutionen – war der schlag-artige Institutionenwandel nur mit massiver personeller Unterstützung aus dem Westen möglich. Was den Umbau der Realsphäre des Wirtschaftssystems betrifft, d. h. also den Strukturwandel der Produktpalette, die Aneignung modernster Technologie, die Umorganisation der Betriebe, die Berücksichtigung von Umweltstandards, die Rekonstruktion oder den Aufbau einer modernen Infrastruktur, so war Ostdeutschland eher ein Transformationsland wie alle anderen. Denn dies sind eben jene Prozesse, die Zeit, Geld und Know-how verlangen. Doch auch hier unterscheidet sich Ostdeutschland von den anderen, da die erforderlichen Investitionen und das Know-how in gewaltigem Umfang von außen bereitgestellt wurden, während Polen, Tschechien oder Ungarn z. B. dafür ausländische Direktinvestitionen einwerben mussten.

Historiker gebrauchen in diesem wie in anderen Fällen häufig die Metapher vom deutschen Sonderweg. Hier scheint sie in der Tat angebracht. Andere Autoren haben andere Metaphern gewählt wie Transformation mit Versicherungsschutz (Schrettl 1992), Transformation mit Hilfe eines reichen Onkels (Kalmbach 1993) oder Einheit als Interessenpolitik bzw. als Privileg (Wiesenthal 1995, 1998). Anfang der 1990er-Jahre wurde in Wissenschaft und Politik vehement über die Alternative Schocktherapie oder gradueller Übergang gestritten. Die Transformation der DDR ist der Extremfall einer Schocktherapie. Im Vergleich dazu sind die Übergangsprozesse in Ostmitteleuropa alle graduell, auch wenn sie, wie z. B. in Polen, als Musterbeispiele der Schocktherapie galten. Doch auch als Schocktherapie war die Transformation in Ostdeutschland ein Sonderfall, da die Kosten des Schocks, anders als in Polen, auf Grund der Transfers aus dem Westen sozial abgefedert werden konnten. Es wäre deshalb sicher falsch, von dem noch zu zeigenden Erfolg des deutschen Sonderwegs auf eine generelle Überlegenheit dieses Ansatzes zu schließen. Dazu sind die Umstände zu einmalig.

  1. Vorzüge des deutschen Sonderwegs

Betrachtet man den deutschen Transformationsprozess von Ostmitteleuropa aus, von Polen, Tschechien oder Ungarn also, dann handelt es sich hier offensichtlich um die Luxusausführung des Systemwechsels, und der Erfolg müsste einen geradezu vor Neid erblassen lassen. Eine Fahrt durch die Städte und über Land macht den Unterschied überdeutlich: Die Mittel zur Renovierung der Infrastruktur und des Wohnungsbestands sind westlich von Oder und Neiße unvergleichlich umfangreicher geflossen als östlich davon. Auch das Konsumgüterangebot und das Lebenshaltungsniveau entspricht nach nur wenigen Jahren von Osten aus gesehen nicht dem eines noch vor kurzem sozialistischen, sondern eines westlichen Landes.

Abgesehen von der massiven Unterstützung aus dem Westen besteht der Vorteil des deutschen Sonderwegs in der Tatsache, dass die Gesellschaft keine Zeit auf die Suche nach neuen Institutionen zu verwenden brauchte, sondern unmittelbar die Aufgabe der materiellen Umstrukturierung aufnehmen konnte. Am deutlichsten zeigt sich das in der Währungsunion: Während die osteuropäischen Transformationsländer jahrelang mit wenig effektiven Finanzsystemen und hohen Inflationsraten zu kämpfen hatten, bis die Monetarisierung der Wirtschaft – Voraussetzung für eine funktionsfähige Marktwirtschaft – einigermaßen Fuß fassen konnte, importierte Ostdeutschland mit der D-Mark und mit den westdeutschen Finanzinstitutionen und ihrem Personal praktisch von einem Tag auf den anderen eine stabile Währung und ein modernes Finanzsys-tem. Ähnliches gilt für die öffentliche Haushalte, die bei einer hohen Ausgabenintensität für den Aufbau Ost im Rahmen des Bundeshaushalts und dank des Finanzausgleichs relativ stabil gehalten werden konnten, während die Haushaltspolitik in den übrigen Transformationsländern entweder extrem sparsam (z. B. in den baltischen Staaten) oder der Tendenz nach instabil (z. B. in Ungarn) war.

Was allerdings aus der einen Perspektive als Vorteil der ostdeutschen Transformation erscheint, kann aus einer anderen Perspektive genauso gut als eines ihrer Probleme gesehen werden. Denn der schock-artige Systemwechsel fand über die Köpfe der Menschen im Osten hinweg statt. In Ostmitteleuropa musste man sich selbst – abgesehen von einigen westlichen Beratern und Remigranten, die aber merkwürdigerweise in den meisten Ländern keine wesentliche Rolle gespielt haben – über die neu einzurichtenden Institutionen und die damit verbundene Politik im Klaren werden und diese Entscheidungen dann Schritt für Schritt durchsetzen. In der allerersten Transformationsphase, der „Phase der außerordentlichen Politik“ (Balcerowicz), stieß das auch dort auf wenig Widerstand, ohne dass die Bevölkerung in ihrer Breite davon überzeugt worden wäre. Darin wird einer der Vorteile der Schocktherapie gesehen.

Es macht allerdings einen Unterschied, ob die Entscheidungen, die das Rechts- und Wirtschaftssystem und die Verwaltung radikal umgestalten, von eigenen Reformeliten mehr oder minder autonom getroffen werden, oder ob der Eindruck entsteht, sie würden von außen auferlegt. Das große Problem des deutschen Sonderwegs, dass eine beeindruckende Transformationsleistung bei den Betroffenen keine uneingeschränkte Anerkennung, geschweige denn Stolz und Freude hervorruft, hat hier seine Wurzel.

Darüber hinaus ist nicht zu übersehen, dass hinter jeder wirtschaftlichen Entscheidung Interessen stehen. Es gehörte schon ein hohes Maß an Wohlwollen und Selbstverleugnung dazu, die eigenen Interessen hintan zu stellen und nur an die Interessen der Menschen in den Transformationsländern zu denken. Bei der Übernahme der westdeutschen Arbeitsmarktinstitutionen im Jahr 1990 ist das wohl nicht immer gelungen. Denn die gewaltigen Lohnsteigerungen von 1990 bis 1994 in Ostdeutschland wurden dort zwar gerne gesehen.1 Sie verhinderten aber gleichzeitig unerwünschte Konkurrenz aus dem Osten für die Tarifparteien im Westen, die – mangels bereits etablierter östlicher Tarifparteien – Verhandlungsführer bei den Tarifabkommen für Ostdeutschland waren. Ein vergleichsweise großzügiges System der Arbeitslosenversicherung und umfangreiche, in Westdeutschland entwickelte Arbeitsmarktmaßnahmen, die beide in der Sozialunion mitgeliefert worden waren, konnten etwaige Bedenken hinsichtlich der notwendigerweise resultierenden Arbeitslosigkeit überdecken. In Ostmitteleuropa entwickelten sich die Löhne in der ersten Transformationsphase ganz anders – nämlich nach unten.

  1. Stolpersteine des deutschen Sonderwegs

Die härtesten Diskussionen über die Transformationspolitik gab es zur Währungsunion und zur Privatisierungsstrategie der Treuhandanstalt. Die übergangslose Einführung der D-Mark in Ostdeutschland innerhalb nur weniger Wochen nach der entsprechenden Entscheidung war eine logistische Meisterleistung. Für die Einführung des Euro hat man sich dafür Jahre Zeit gelassen. Doch über die Modalitäten des Währungswechsels und über seine wirtschaftspolitischen Konsequenzen konnte man sehr unterschiedlicher Meinung sein.

Das Problem bestand im Geld- und Preissystem der DDR, das mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung völlig unvereinbar war, und deshalb eine reibungslose Umstellung wie bei der Einführung des Euro unmöglich machte. Denn der Geldkreislauf war in zwei Sphären getrennt, die nur schwach miteinander verbunden waren: Produzentengeld und Produzentenpreise auf der einen Seite und Konsumentengeld und Konsumgüterpreise auf der anderen. Daraus ergab sich das Dilemma des Umstellungskurses. Für international handelbare Güter wurde in der DDR 1988 ein virtueller durchschnittlicher Wechselkurs (der so genannte Richtungskoeffizient) von 4,40 Mark der DDR für 1 DM gehandhabt. Das heißt zu diesem Kurs konnten die Produktionskosten gedeckt werden. Eine Umstellung 1 : 1 würde also eine gewaltige Aufwertung bedeuten und den größten Teil der Produzenten von handelbaren Gütern in den Konkurs treiben. Gleichzeitig lag die Kaufkraftparität für Konsumgüter (einschließlich der Dienstleistungen) durchaus in der Umgebung eines Verhältnisses von 1 : 1. Würde man einen anderen Umstellungskurs wählen, so wäre das der Bevölkerung kaum plausibel zu machen.

Das Dilemma der Währungsunion war ein Konflikt zwischen Gerechtigkeit und Effizienz. Und es schien eine Frage der Gerechtigkeit, die Löhne und Preise 1 : 1 umzustellen. Die Geldvermögen mit gewissen Ausnahmen 2 : 1 umzustellen, wurde schon als ungerecht erfahren. Die Preise, das war klar, würden sich für eine kleine, offene Wirtschaft ohne außenwirtschaftliche Protektionsmöglichkeiten rasch sowieso auf das westliche Niveau einpendeln, wodurch das Preisniveau nach gewissen strukturellen Verschiebungen eben 1 : 1 betragen musste. Wahrscheinlich würden die Preise für Ostprodukte kurzfristig auf Grund von Qualitäts-, Design- und Reputationsmängel sogar sinken, was sie dann ja auch taten. Bei einer Produktivität, die für handelbare Güter aber nur ein Viertel des westlichen Niveaus betrug, waren Löhne, die mehr als ein Viertel des westlichen Niveaus betrugen, der sichere Weg in den Zusammenbruch der Industrie (hierzu Akerlof et al. 1991). Der Durchschnittslohn in der Industrie der DDR betrug 1989 1 : 1 gerechnet ein Drittel des westdeutschen Lohns. Dass er zum 1. Juli 1990 bereits höher lag und dann bis 1995 rasch weiter stieg mit der Erwartung, bald auf westdeutsches Niveau angehoben zu werden, hat nichts mit der Währungsunion und ihrem Umstellungskurs zu tun, sehr viel aber mit der Lohn- und Einkommenspolitik und in der Folge dann mit der Beschäftigungssituation. Denn die Umstrukturierung der Betriebe, die zur Produktivitätssteigerung führen soll, erfordert Zeit und Geld.

Heft 2_2013 Bundesarchiv

Die ostmitteleuropäischen Transformationsländer befanden sich in einer ähnlichen Situation, was Produktivität und Löhne betraf. Allerdings standen ihnen andere Strategien zur Bewältigung der damit verbundenen Probleme offen. Die Gefahr der Abwanderung größerer Bevölkerungsteile in Hochlohn-Regionen war zu Beginn auf Grund fehlender Freizügigkeit gering. Die Risiken der Liberalisierung ließen sich durch Beibehaltung einer eigenen Zollpolitik und einer eigenen Währung reduzieren: Wechselkurse, die auch nach zwei Jahrzehnten um die 70 % der Kaufkraftparitäten liegen, sorgen dafür, das Exporte wettbewerbsfähiger sind und Importe nicht überhand nehmen. Die Löhne wiederum sind in der ersten Transformationsphase drastisch reduziert worden, vor allem durch eine hohe Inflation, die in den meisten Ländern über das gesamte Jahrzehnt der 1990er-Jahre andauerte und im Spitzenjahr von 35 % (Ungarn 1991) über 250 % (Rumänien 1993) und 580 % (Polen 1990) bis über 1.000 % (Bulgarien 1997, Estland 1992, Russland 1992, Slowenien 1989) reichte. Diese Optionen standen der Politik für Ostdeutschland nicht zu Gebote: Stabiles Geld war vom ersten Tag an gegeben, und Freizügigkeit von Gütern, Diensten, Kapital und Menschen ist nicht nur mit der Mitgliedschaft in der EU verbunden, sie war für die ostdeutsche Transformation ebenfalls vom ersten Tag an unabdingbar. Ähnlich verhielt es sich mit der Währungsunion, die von der Bevölkerung vehement gefordert wurde. Konkurrenzfähigkeit wäre kurzfristig nur über die Lohnpolitik zu erreichen gewesen.

Was die Sparguthaben betrifft, so ist der ostdeutschen Bevölkerung nie klar geworden, dass sie eigentlich wertlos waren. Der Vergleich mit der jüngsten Finanzmarktkrise ist durchaus angebracht. Die Sparguthaben waren in der DDR auf der Aktivseite der Bankbilanzen mit Krediten an die Wirtschaft, bzw. den Staat unterlegt. Mit der Wirtschafts- und Währungsunion wurden diese Kredite notleidend. Es hätte also für die ostdeutschen Sparer zu einem ähnlichen Desaster kommen müssen wie für Anleger bei Lehman Brothers. Das war natürlich undenkbar. Nachdem in der Währungsunion die Geldvermögen und damit auch die Bilanzwerte der Banken 1 : 2 umgestellt waren, übernahm der deutsche Staat im Einigungsvertrag die Vermögen und die Verbindlichkeiten des ostdeutschen Staates. Das entspricht einer Einlagensicherungsgarantie, wie sie auch in der jüngsten Finanzmarktkrise von der Bundesregierung abgegeben worden ist. Da die meisten der Altschulden im Laufe der Privatisierung von der Treuhand übernommen wurden, fielen die ostdeutschen Sparguthaben letztlich dem Steuerzahler zur Last. Warum hat man sie dann nicht gleich 1 : 1 umgestellt?2 Dagegen konnte sich die Bundesbank erfolgreich wehren, die bei einer solchen Umstellung massiven inflationären Druck befürchtete. Außerdem wäre die entsprechende Steuerbelastung doppelt so hoch ausgefallen. In Osteuropa hat die bereits erwähnte Hochinflation das Problem der Sparguthaben mehr oder minder automatisch gelöst.

Wir kommen zum Schluss, dass die Währungsunion eine gelungene Operation war, die die ostdeutsche Wirtschaft auf ein stabiles monetäres Fundament stellte. Kann man das gleiche auch von der Privatisierung durch die Treuhand sagen, das zweite große Diskussionsthema im deutschen Transformationsprozess? Ziel der Privatisierung ist die Überführung der staatlichen Betriebe und des staatlichen Bodenbesitzes in selbstständige, unternehmergeführte Betriebe, die im Wettbewerb miteinander stehen und bestehen. Das sind drei Operationen, die Regelung der Eigentumsrechte, die Gewinnung von unternehmerischem Know-how und die Regelung funktionsfähigen Wettbewerbs, die grundsätzlich auch getrennt voneinander ausgeführt werden können. Da hier über das „volkseigene“ Vermögen verfügt wird, hat die Privatisierung auch einen Verteilungsaspekt.

Erschwert wird der Prozess durch die Tatsache, dass es sich hierbei um einen Großteil des Produktivvermögens des alten Systems handelt. Es hatte ein spezifisches Produktsortiment mit einer spezifischen Technologie hergestellt, das in der neuen Umgebung noch weniger als in der alten wettbewerbsfähig war. Darüber hinaus ist daran ein substanzieller Teil der Gesamtbeschäftigung gebunden, die es zu erhalten gilt. Hier wechselt also nicht nur ein Stück Wald seinen Besitzer, sonder hier geht es um die materielle Struktur einer gesellschaftlichen Produktionsorganisation und um die Lebensgrundlage für einen wesentlichen Teil der Bevölkerung. Eines der weniger im Rampenlicht stehenden Probleme in diesem Zusammenhang ist die Gewinnung geeigneter Unternehmerpersönlichkeiten und neuen Humankapitals im Management (s. aber Claessens und Djankov 2000 und Blum 2008). Ostdeutschland kannte über Jahrzehnte nur eine Abwanderung zumeist jüngerer Menschen mit Initiative und Vorstellungskraft. Erst nach der Wende erfolgte ein gewisser Rückstrom, wobei die Wanderungsbilanz insgesamt allerdings negativ blieb. Das Defizit an Führungsetagen und F&E-Abteilungen in den neuen Ländern findet zum Teil auch hier seine Erklärung.

Die Privatisierungsaufgabe wurde der ursprünglich von der Regierung Modrow installierten Treuhandanstalt anvertraut, die transitorisch als riesige Holdinggesellschaft des DDR-Produktivvermögens auftrat. Aus den alternativen Möglichkeiten, Eigentumsrechte zu übertragen, entschied man sich für den Verkauf, und zwar entweder an Insider (Management-Buy-out) oder an Outsider, zumeist aus Westdeutschland oder dem Ausland. Ersteres war vor allem für die kleine Privatisierung typisch, letzteres für die große Privatisierung. Ob andere Verfahren, z. B. eine Verteilung der Eigentumsrechte an die ostdeutsche Bevölkerung, sinnvoller gewesen wären, war kaum Gegenstand der Diskussion. Diese entzündete sich vor allem an der geplanten Geschwindigkeit der Privatisierung und an der Frage, ob erst zu sanieren und dann zu privatisieren sei oder umgekehrt. Beides hat offensichtlich miteinander zu tun. Im Nachhinein, als sich nämlich herausstellte, dass die an das Produktivvermögen gebundene Beschäftigung nicht annähernd erhalten bleiben konnte und dass die Privatisierung keine Transformationsdividende erbrachte, sondern mit erheblichen Verlusten abschloss, musste man sich natürlich die Frage stellen, ob es nicht einen effizienteren Weg in die Marktwirtschaft gegeben hätte.

Eine Antwort auf diese Frage wäre immer kontrafaktischer Natur. Das möchte ich hier nicht versuchen, sondern nur auf einige Umstände und Überlegungen hinweisen, die das enttäuschende Ergebnis der Privatisierung zumindest ansatzweise erklären. Enttäuschend muss man das Ergebnis schon nennen. Denn die Erwartungen waren hoch gespannt: Detlev Rohwedder, der erste Treuhandchef, schätzte anfänglich den Vermögenswert, den es zu privatisieren gelte, auf 600 Mrd. DM. Später meinte er, Vermögen und Verbindlichkeiten würden sich annähernd ausgleichen. Am Ende schloss die Treuhand mit einem Verlust von 270 Mrd. DM ab (Gros, Steinherr 1995: 271). Von den ursprünglich etwa 4 Mio. Arbeitsplätzen der Treuhandunternehmen konnten mit Beschäftigungsgarantien beim Verkauf ca. 1,5 Mio. gesichert werden (Paqué 2009: 46). Was wir hier vor uns haben, ist der Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie. War daran die Privatisierung schuld?                (wird fortgesetzt)

 Anmerkungen:

1 Nachdem die Löhne nach der Wende noch von der DDR- Regierung erhöht worden waren, stiegen sie 1991 um 18 %, 1992 um 32 % und 1993 um 19 %. Solche exzessiven Lohnsteigerungen mussten eine abschreckende Wirkung auf private Investitionen haben, deren Rentabilität in den Keller fiel (vgl. Hagen/Strauch/Wolff 2002). Der auf diese Weise minimalisierte Ertragswert ostdeutscher Unternehmen wirkte sich dann auch auf die Privatisierungserlöse der Treuhandanstalt aus.

2 Bekanntlich sah der Vertrag zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion dies prinzipiell vor, wobei die Differenz zur Umstellung 1 zu 1 später aus der Liquidierung des Staatsvermögens der DDR, d. h. aus den Erlösen der Treuhandanstalt erstattet werden sollte, wozu es dann mangels Masse nicht gekommen ist.

(Nachdruck aus Hans-Jürgen Wagener, Wirtschaftsordnung im Wandel. Zur Transformation 1985 – 2010, Marburg [Metropolis], 2011, S. 225 – 43.)

Autoren:

  • Prof. Dr. Hans-Jürgen Wagener

    Prof. Dr. Hans-Jürgen Wagener leitete von 1993 bis 2006 den Lehrstuhl Wirtschaftspolitik, insbesondere Ordnungspolitik, der Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Er gründete das Frankfurter Institut für Transformations studien und beschäftigt sich vor allem mit Fragen des institutionellen Wandels. Foto: privat