Trends der Mediennutzung: Sind wir nicht alle ein bisschen SoLoMo?

Weltweit befindet sich die Medienlandschaft in einem gewaltigen Umbruch, seit das Internet zum privaten Alltag dazu gehört. Allein in Deutschland nutzen mehr als 52 Millionen Menschen mittlerweile das Internet durchschnittlich mehr als zwei Stunden täglich, um sich mit Nachrichten zu versorgen, allgemeine Informationen zu suchen oder bequem einzukaufen. Und die nächste Stufe der Medien-Revolution ist bereits erreicht: Die Dekade von 2010 bis 2020 wird als das Jahrzehnt des mobilen Internets betrachtet.

Wenn 60-Jährige heute ihren Enkeln erzählen, welche Medien sie als Kinder und Jugendliche genutzt haben, dann sprechen sie von Zeitung, Radio und Fernsehen – nur dass es lediglich wenige Radiosender zu empfangen gab und das Fernsehen noch eine Flimmerkiste mit Schwarzweiß-Bild war, in der zwei öffentlich-rechtliche Programme abends an einigen Stunden sendeten. Knapp zwanzig Jahre nach dem Einzug des Internet in deutsche Privathaushalte erscheint die Medienlandschaft früherer Zeiten geradezu öde. Die Mediennutzer hatten nur eine geringe Auswahl und mussten sich auf das Konsumieren von Inhalten beschränken. Dagegen ist die Medienvielfalt von heute unüberschaubar und aus dem Konsumenten ist längst ein Prosument geworden, wie Fachleute diejenigen Mediennutzer nennen, die nicht nur konsumieren, sondern auch Inhalte produzieren. Auf privaten Internetseiten und in sozialen Netzwerken werden nämlich täglich Millionen von Informationen publiziert, die weltweit konsumiert werden können.

Betrachtet man die gegenwärtige Nutzung des Internet in Deutschland, wird die Dimension des Medienwandels deutlich: mehr als 76 Prozent der über 14-Jährigen sind mit dem Internet vertraut; das entspricht mehr als 53,4 Millionen Deutschen, die im Web surfen. Trendsetter sind dabei die unter 30-Jährigen, die sich in den letzten zehn Jahren immer mehr von klassischen Medien abgewandt haben und verstärkt das Internet nutzen. Diese Nutzung erfolgt zunehmend intensiver und beträgt im Durchschnitt mehr als zwei Stunden pro Tag. Auch die Muster der Mediennutzung haben sich durch digitale Medien stärker verändert als je zuvor: Mediennutzer wollen zunehmend personalisierte Informationen, und sie wollen diese jederzeit, überall und auf den unterschiedlichsten Endgeräten empfangen.

Mit der Einführung des Apple iPad im Mai 2010 hat der neueste Trend der Tablet-Computer bei der Mediennutzung in Deutschland eingesetzt. Noch nie in der Geschichte der Medien hat sich ein Gerät so schnell auf dem Massenmarkt durchgesetzt; Experten rechnen Ende 2012 mit mehr als sechs Millionen solcher Tablet-PC in Deutschland. Am Ende des Jahrzehnts werden diese flachen und handlichen Multimedia-Geräte so verbreitet sein wie heute PC oder Notebook. Tablet-Computer eignen sich ideal als universelle Medien-Maschinen, um zu lesen, im Internet zu surfen oder Bewegtbilder anzusehen. Tablet-PC stehen für eine elementare Entwicklung der jüngsten Technik-Evolution: der einfachen, nahezu kinderleichten Bedienbarkeit.

Die einfache Aneignung moderner Technik hat auch zum Erfolg sogenannter Smartphones geführt: flache Handys mit einem farbigen Display, das der Fläche einer Zigarettenpackung entspricht. Die Smartphones, allen voran das iPhone der Firma Apple, stehen für den Mega-Trend zum mobilen Internet. Mit diesen Geräten wird unterwegs gelesen, gesurft, Musik gehört oder Videos werden angesehen. Natürlich können auch SMS und E-Mails verschickt oder Fotos und Videos erstellt werden – das Smartphone ist mittlerweile für rund 25 Millionen Deutsche das Schweizer Messer für Mediennutzung und Medienproduktion, Telefonieren spielt nur noch eine Nebenrolle.

Neben Smartphones und Tablet-PC gibt es eine dritte Geräte-Kategorie, die sich absehbar als Massenmedium durchsetzen wird: E-Book-Reader. Diese flachen Lesegeräte, die äußerlich vom Tablet-PC kaum zu unterscheiden sind, ermöglichen besonders gut die Lektüre von Texten, weil ihre Bildschirme für die Augen ähnlich angenehm sind wie bedrucktes Papier. Geräte wie der Amazon Kindle, der vom gleichnamigen Internet-Buchhändler mit subventionierten Preisen mittlerweile auch in Deutschland in großen Stückzahlen verkauft wird, werden bald zur Grundausstattung eines Haushalts gehören. Amazon Deutschland hat im August dieses Jahres erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher verkauft.

Aber nicht nur der technische Zugang zu Inhalten hat starken Einfluss auf den Medienwandel, es hat sich auch der Weg verändert, wie Mediennutzer zu ihren Inhalten gelangen. Blätterte man früher durch Zeitungen oder ging gezielt über das Inhaltsverzeichnis von Zeitschriften zum Artikel, haben heute digitale Plattformen eine immer wichtigere Rolle für Rezipienten übernommen. „Wenn die Nachricht wichtig ist, dann wird sie mich finden“, zitierte die New York Times bereits im Jahr 2008 einen Studenten, der einen Paradigmenwechsel bei der Aneignung von Informationen beschreibt. Auch deutsche Verlage haben längst bemerkt, welch großen Einfluss Empfehlungen von Individuen in sozialen Netzwerken wie Facebook oder der Kurznachrichtendienst Twitter auf die Nutzung von Beiträgen haben. Immer mehr Menschen nutzen die Hinweise in ihren digitalen Netzwerken und klicken auf die empfohlenen Links.

Sind wir nicht alle ein bisschen SoLoMo?

Mit dem Kunstbegriff SoLoMo beschreiben Marktforscher den jüngsten Medientrend, der in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen wird: Die Worte Soziales, Lokales und Mobilität sind in der Abkürzung zusammen gefasst. Soziales steht für den stark gewachsenen Markt von sozialen Netzwerken wie Facebook oder weiteren auch regionalen Anbietern, in denen fast 40 Millionen Deutsche registriert sind; Lokales beschreibt die Entwicklung, dass die Nutzer durch die Mobilität von Smartphones in der Lage sind, ihre jeweilige lokale Umgebung bei der Nutzung digitaler Medien einzubeziehen. Das Internet ist ständig dabei und ermöglicht die Verbindung der virtuellen Welt mit dem Alltagsleben. In wenigen Jahren schon wird das Smartphone zum normalen Begleiter werden wie es heute das Handy ist.

Parallel zu den Veränderungen durch technischen Fortschritt werden sich auch klassische Medien wie Zeitungen und Zeitschriften digital weiter entwickeln. Bereits heute verfügen Printverlage über Internetseiten mit Multimedia, über eigene Markenangebote für Smartphones und Tablet-PC, mit denen sie nicht nur ihre Stammleser, sondern neue Zielgruppen erreichen können. Klassische Medien wie Fernsehen und Zeitung verlieren zwar langsam ihre Bedeutung als Nachrichtenmedien, aber sie profitieren gleichzeitig von den Nutzungsgewohnheiten der neuen Gerätebesitzer, die Nachrichten zunehmend über digitale Geräte konsumieren.

Weltweit geraten vor allem diejenigen Medien unter ökonomischen Druck, deren seit Jahrzehnten erfolgreiches Geschäftsmodell nicht einfach in die digitale Welt transferiert werden kann. Zeitungen und Zeitschriften haben sich lange Zeit höchst erfolgreich durch Verkauf und Werbung finanziert und müssen jetzt erleben, dass sich Werbekunden mehr und mehr aus den Printmedien zurückziehen. Neue Werbeeinnahmen in digitalen Ausgaben können den Verlust an Anzeigenumsätzen aber nicht einmal annähernd ausgleichen. Außer diesen Umsatzverlusten kämpfen Verlage mit der Gratis-Kultur im Internet, wo sie selbst ihre publizistischen Inhalte jahrelang kostenlos hergegeben haben. Erst in diesem Jahr haben Zeitungsverlage in Deutschland damit begonnen, im Internet sogenannten Paid-Content anzubieten: Neben einem kostenlosen Grundangebot wird für die meisten Inhalte Geld verlangt. Da bislang noch keine hinreichenden Erfahrungen vorliegen, bleibt ungewiss, ob Printverlage im Internet tatsächlich ausreichend Einnahmen für redaktionelle Inhalte erzielen können.

Mittelfristig wird sich die Medienlandschaft nicht grundsätzlich verändern, aber der Trend zu neuen digitalen Informationsträgern wird den Medienwandel beschleunigen. Im Mittelpunkt dieses Wandels steht die individuelle Nutzung von Medien, die Möglichkeit zur Personalisierung von Inhalten, die bei klassischen Medien wie Fernsehen und Zeitung nicht möglich ist.

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Zukunft der Medien

Wie sieht also die Zukunft der Medien und damit die zukünftige Mediennutzung aus? Auf der Basis der neuesten Entwicklungen lassen sich fünf Thesen für die nächsten Jahre formulieren:

 

  1. Es gibt bald kein Fernsehgerät mehr, sondern universell einsetzbare Flachbildschirme für TV, Film und Video sowie für Internetnutzung, E-Mail und Video-Telefonate.

 

  1. Jeder, der heute ein Handy hat, verfügt über ein Smartphone, mit dem er ständig online ist.

 

  1. Tablet-Computer und E-Book-Reader werden immer mehr zur Lektüre von Texten aus klassischen Printmedien wie Zeitungen, Zeitschriften und Büchern verwendet.

 

  1. Menschen sind mit vielen anderen Menschen weltweit, aber auch lokal digital verbunden und ständig kommunikationsbereit.

 

  1. Die Rolle von Leitmedien mit professionellen Redaktionen und qualitativ hochwertigen journalistischen, multimedialen Inhalten wird wichtiger, um sich in der Informationsflut orientieren zu können.

 

Entscheidend für die Zukunft der jetzt auf dem Markt agierenden Medien wird sein, wie flexibel sich die klassischen Medienhäuser wie Zeitungs- und Zeitschriftenverlage oder TV-Sender auf den Wandel der Mediennutzung einstellen und neue Angebote für vorhandene und neue Zielgruppen entwickeln. Dabei kommt es nicht nur auf die Akzeptanz der Inhalte und Services durch die Kunden an, sondern auch darauf, mit diesen Kunden Einnahmen zu erzielen. Einnahmen aus dem Verkauf der Inhalte und Einnahmen aus der Werbewirtschaft, den beiden wichtigen Säulen des Geschäftsmodells.

Probleme werden absehbar eher Massenmedien wie Zeitungen und Publikumszeitschriften bekommen, deren Auflagen und Reichweiten schon seit Jahren stetig abnehmen. Überdies fehlen diesen Printgattungen jüngere Lesergruppen, weil die sich zunehmend vom gedruckten Wort abwenden. Bei den Deutschen unter 30 Jahren gelten 28 Prozent als „weitgehend printabstinent“. So ist es nicht verwunderlich, dass das Durchschnittsalter der Leser von Regionalzeitungen bei vielen Titeln höher als 60 Jahre ist.

Fazit:

Die Medien der Zukunft werden überwiegend digitale Medien sein, aber deren Funktionen bleiben prinzipiell die gleichen wie die der klassischen Medien: Vermittlung von Nachrichten und Service-Informationen, Analyse und Einordnung, Unterhaltung und Zeitvertreib.

Autoren:

  • Joachim Blum