Wissenschaftliches Arbeiten: Acht Schritte zum Erfolg (Teil 1)

160831-freigabe-akademie-3-2016_seite_01Die wissenschaftliche Arbeit planen
Wer im Studium eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, sei es eine Seminar- oder auch eine Abschlussarbeit, muss sich nicht nur mit seinem Thema, sondern auch mit den Methoden des wissenschaft-lichen Arbeitens vertraut machen. Von der eigentlichen Idee bis zur Abgabe der Arbeit sind acht grundsätzliche Schritte zu durchlaufen:

  1. Die Arbeit muss geplant werden.
  2. Ein Thema muss gefunden und eingegrenzt werden.
  3. Literatur muss recherchiert und eingeschätzt werden.
  4. Die wissenschaftliche Literatur muss gelesen werden.
  5. Danach gilt es, das Thema zu strukturieren und
  6. die Ergebnisse schriftlich niederzulegen,
  7. seine Quellen offenzulegen und
  8. den ersten Entwurf des Textes zu überarbeiten und zu redigieren.

Die AKADEMIE stellt ausgewählte Übungen zu jedem der genannten Schritte vor (Teil 2 und Schluss in Ausgabe 4-2016).1

Schritt 1 von 8:
ALPEN-Methode als Planungswerkzeug einer wissenschaftlichen Arbeit
Die ALPEN-Methode ist eine universell einsetzbare Methode, die dem Zeitmanagement entstammt. Sie kann damit auch auf das effiziente Planen einer wissenschaftlichen Arbeit angewendet werden.

Das Akronym ALPEN bezeichnet dabei die notwendigen Schritte zur Umsetzung:

  • A wie alle Aufgaben: Im ersten Schritt sind alle Aufgaben zu sammeln, die im Zuge des Verfassens einer wissenschaftlichen Arbeit anstehen. Damit die Planung gelingen kann, ist es wichtig, Vollständigkeit dieser Aufgaben anzustreben. Gerade dann, wenn wenig Erfahrung mit dem wissenschaftlichen Arbeiten vorhanden ist, stellt dieser Schritt eine große Herausforderung dar. Es bietet sich folglich an, die Aufgabenliste mit dem Betreuer zu besprechen oder auch den Rat erfahrener Kommilitonen einzuholen.
  • L wie Länge der Tätigkeiten: Sind die notwendigen Aufgaben ermittelt, so muss deren jeweilige Bearbeitungszeit abgeschätzt werden. Solche Schätzungen sind selbstredend außerordentlich schwierig. Ein bewährter Weg, hiermit umzugehen, ist es, regelmäßig den Plan mit der Realität zu vergleichen. So wird man sich gerade am Anfang oft verschätzen, kann aber über den ständigen Vergleich schnell besser und präziser werden.
  • P wie Pufferzeiten: Eine gängige Empfehlung legt nahe, maximal 60 % der verfügbaren Zeit zu verplanen, um auf diese Weise offene Zeitfenster zu schaffen. Denn zum einen sind nicht alle Tätigkeiten planbar, zum anderen gilt es böse Überraschungen zu vermeiden, wenn beispielsweise in Schritt A wichtige Tätigkeiten übersehen worden sind und die Ausgangsliste ungewollt nicht vollständig war.
  • E wie Entscheidung über Prioritäten: In der Vielzahl der anstehenden Aufgaben kann leicht der Überblick verloren werden. Deshalb müssen die in Schritt A ermittelten Aufgaben nach ihrer jeweiligen Bedeutung sortiert werden. Dies kann beispielsweise über eine ABC-Analyse gelingen, d. h. Aufgaben werden kategorisiert in A-Aufgaben (zwingend zu erledigen, mit großer Bedeutung für das Endergebnis), B-Aufgaben (müssen ebenfalls erledigt werden, haben aber nicht die gleiche Bedeutung wie A-Aufgaben für das Endergebnis) und C-Aufgaben (weniger wichtige bis hin zu vernachlässigbaren Aufgaben).
  • N wie Nachkontrolle. Eine ständige Nachkontrolle schließt den Kreis und ermöglicht es, die Planung laufend anzupassen und zukünftige Planungen von Anfang an realistischer zu gestalten.

Umsetzung

Erstellen Sie eine möglichst vollständige Aufgabenliste für Ihre wissenschaftliche Arbeit. Schätzen Sie den Zeitaufwand für die Umsetzung ab, priorisieren Sie und beginnen Sie mit der Umsetzung. Vergessen Sie nicht, ausreichend Pufferzeiten einzubauen.

Schritt 2 von 8:
Das Finden eines geeigneten Themas unter Einbezug von publizierten Praxisproblemen

Gerade bei praxis- und anwendungsorientierten Studiengängen, wie beispielsweise der Betriebswirtschaftslehre, den Medienwissenschaften oder den Ingenieurwissenschaften, liegt es auf der Hand, sich bei der Themenwahl an Problemen zu orientieren, welche die Praxis aktuell umtreiben. Dies hat gerade für Studierende, die keine akademische Karriere anstreben, den Vorteil, sich frühzeitig positionieren und so leichter den Sprung in die Praxis vollziehen zu können.

Dabei muss das Thema nicht zwangsläufig direkt von einem Unternehmen gestellt werden, wie es oftmals bei ausgeschriebenen Stellen als Werkstudent der Fall ist. Es besteht auch die Möglichkeit, aktuelle Diskussionen von Praktikern in den Medien als Inspiration zu nehmen, um die dort aufgespürten Problematiken selbständig anzugehen.

Einen ersten Eindruck dieser Suchstrategie gibt dieses Beispiel aus den Wirtschaftswissenschaften: Wird die an vielen Hochschulen vorhandene Datenbank WISO auf die Schlagwörter „Unternehmen“ und „Herausforderungen“ durchsucht, finden sich schnell aktuelle Artikel in der Wirtschaftspresse, die auf zu lösende Probleme hindeuten. Studierende mit einem Interesse an kleinen und mittleren Unternehmen finden möglicherweise Anregungen über praktische Artikel (beispielsweise verfasst von Unternehmensberatern), die Herausforderungen diskutieren, die bei begrenzter Ressourcenausstattung oder vergleichsweise geringer Bekanntheit zu überwinden sind.

Wer sich für Marketing interessiert, der könnte durch einen Beitrag inspiriert werden, der Thesen über die Zukunft des Marketings aufstellt. Beiträge, die sich mit Chancen und Gefahren der steigenden Nutzung digitaler Medien in der Gesellschaft auseinandersetzen, mögen dazu anregen, sich mit den Konsequenzen für verschiedene Unternehmensfunktionen (z. B. Marketing) oder verschiedene Wirtschaftszweige (z. B. Verlagswesen) zu beschäftigen. Studierende mit einem Finanzierungshintergrund könnten ein Thema für ihre Abschlussarbeit entwickeln, indem sie sich mit den aus der Finanzkrise verbundenen Herausforderungen für Unternehmen auseinandersetzen.

Umsetzung

Identifizieren Sie möglichst viele Publikationsorgane, über die sich Praktiker Ihres Feldes austauschen. Das können klassische Branchenzeitschriften sein, aber auch Webseiten und Blogs sind eine Möglichkeit. Was twittern die Meinungsführer Ihres Fachs? Gehen Sie die Veröffentlichungen der letzten beiden Jahre durch und achten Sie dabei auf Schlüsselwörter wie „Herausforderung“, „Probleme“, „Gefahren“ oder ähnliche Begriffe, die eine aktuelle Schwierigkeit andeuten. Sammeln Sie mindestens zehn machbare Themen.

Schritt 3 von 8:
Recherche geeigneter Literatur anhand vordefinierter Orientierungsfragen 

Zu Beginn einer Literaturrecherche ist es außerordentlich sinnvoll, sich darüber klar zu werden, was genau eigentlich gesucht wird. Gerade bei den ersten wissenschaftlichen Arbeiten ist das nicht immer offenkundig, da es an entsprechender Erfahrung fehlt. Man sollte sich folglich bewusst machen, welche Informationen bereits vorliegen und welche Informationen noch fehlen.

Auch ist es hilfreich, so früh wie möglich zu entscheiden, welcher Umfang an Literatur benötigt wird und wie diese charakterisiert werden kann (eher praxisorientiert vs. eher akademisch orientiert).

Ebenso sollten zentrale Begriffe so schnell wie möglich identifiziert werden, um die entsprechenden Schlagwortabfragen in den Bibliothekskatalogen und den Veröffentlichungsdatenbanken vornehmen zu können. Die unter „Umsetzung“ aufgeführten Orientierungsfragen können helfen, die Literaturbeschaffung zügig und strukturiert abzuarbeiten.

Bei den Ergebnissen dieser Literaturrecherche sollte vor allem ein Augenmerk auf jüngere Publikationen gerichtet werden, um schnell einen adäquaten Überblick zum Status quo des Feldes zu erzielen. Selbst-redend sind ältere Publikationen nicht per se auszuschließen, insbesondere dann nicht, wenn es sich um Klassiker eines Fachs handelt. Ebenso sollte auf publizierte Literaturüberblicke (sogenannte Literature Reviews) geachtet werden, da sie zügig für Orientierung in der Informationsflut sorgen können und ein Themenfeld nicht nur inhaltlich ordnen, sondern auch besonderes wichtige Publikationen herausstreichen.

Umsetzung

Sammeln Sie als erstes alle Ideen, die Ihnen zu Ihrem Thema kommen. Verwenden Sie dann die nachstehenden Fragen, um Ihre geplante Literaturrecherche zu konkretisieren:

  • Was genau ist mir schon über mein Thema bekannt?
  • Welche Teilaspekte des Themas interessieren mich in besonderer Weise?
  • Was sind Teilaspekte des Themas, zu denen ich weitere Informationen suchen muss?
  • Wie viel Information wird überhaupt benötigt?
  • Kann das Thema geografisch, zeitlich, theoretisch eingegrenzt werden?
  • Was genau will ich eigentlich wissen?
  • Was interessiert mich überhaupt nicht?
  • Über welche Schlagworte kann mein Thema beschrieben werden?

Schritt 4 von 8:
Aktives Lesen durch Identifikation von Thesen

Gerade wissenschaftliche Texte sind um Thesen herum aufgebaut, die von den Autoren mit den unterschiedlichsten Mitteln entwickelt und gestützt werden. Ein aktives Lesen, das sich dieses Umstands bewusst ist, kann genutzt werden, um diese Thesen (die nicht immer deutlich im Text hervorgehoben sein müssen) zu entdecken. Beim Lesen eines Textes sollte zwischen den primären Thesen und nachrangigen Argumenten unterschieden werden. Dazu bietet es sich an, eine aufgefundene These direkt im Text farblich oder durch Unterstreichung zu markieren.

Nach dem ersten Lesen sollten dann die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Thesen geklärt werden, da nicht alle Thesen von gleicher Bedeutung sind. So mag der Text aus einer zentralen These verschiedene weitere Unterthesen herleiten oder aber möglicherweise mehrere Unterthesen dazu verwenden, die zentrale These zu begründen.

Ersteres Vorgehen wird als Deduktion bezeichnet, der letztere Ansatz als Induktion.

Zeichnet man nun über den Text Pfeile, welche die einzelnen Thesen in Richtung der Hauptthese verbinden, so lässt sich die grundsätzliche Argumentationsstruktur umgehend nachvollziehen.

Umsetzung

Wählen Sie einen zu lesenden Text für Ihre wissenschaftliche Arbeit aus und machen Sie dessen Thesen wie beschrieben explizit.

Prüfen Sie dann, wie glaubwürdig der Autor für seine Thesen argumentiert. Möglicherweise werden empirische Belege angeführt oder aber es wird rein logisch vorgegangen. Seien Sie dabei aufmerksam für verschiedene Arten, Argumente zu begründen, wie beispielsweise die Unterscheidung von Ursache und Wirkung, Vergleich und Gegensatz, Fragen und Antworten oder aber Probleme und Lösungen. Kontrastieren Sie abschließend die Thesen des gelesenen Textes mit Ihrer Meinung beziehungsweise Ihrem bereits vorhandenen Wissen über das zu untersuchende Phänomen: Wo besteht Konsens zwischen Ihnen und dem Autor, wo weichen Sie voneinander ab, worin sind diese unterschiedlichen Sichtweisen begründet?

Anmerkungen:

978-3-658-10706-2_Cover_1.indd1 Adaptiert nach Kollmann/Kuckertz/Stöckmann, Das 1 x 1 des Wissenschaftlichen Arbeitens. Von der Idee bis zur Abgabe. 2016. Mit freundlicher Genehmigung von © Springer Gabler 2016. Online verfügbar unter http://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-10707-9. All Rights Reserved.

Autoren:

  • Prof. Dr. Tobias Kollmann

    Prof. Dr. Tobias Kollmann ist Inhaber des Lehrstuhls für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen. Er ist Vorsitzender des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ im BMWi und Landesbeauftragter für die Digitale Wirtschaft in NRW. Foto: Universität Duisburg-Essen

  • Univ.-Prof. Dr. Andreas Kuckertz

    Univ.-Prof. Dr. Andreas Kuckertz leitet das Fachgebiet Unternehmensgründungen und Unternehmertum (Entrepreneurship) an der Universität Hohenheim und ist stellvertretender geschäftsführender Direktor des Instituts für Marketing & Management. Foto: Felix Pilz/Universität Hohenheim

  • Dr. Christoph Stöckmann

    Dr. Christoph Stöckmann ist akademischer Rat a. Z. und Habilitand am Lehrstuhl für E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen. Foto: Universität Duisburg-Essen